Wird schon schief gehen!
Er malt ein Muster auf den Rasen, jeden Sonntag das gleiche. Ein großes
rechtwinkliges Viereck, in zwei Hälften geteilt. Zwei Vierecke an jeder
Seite dazu und in die Mitte einen großen Kreis. Das feine Pulver setzt sich leicht auf die Grashalme. Er muss nur laufen und festhalten und beizeiten dem Ganzen die richtige Richtung geben. Der Mensch braucht feste Regeln, sagte er zu seiner Frau heute morgen wieder, als er sich um Punkt 10.35 Uhr auf sein Rad schwang und über die Dorfstraße raus zum Vereinsgelände fuhr.
Am Kiosk ließ er sich, wie immer, seinen Flachmann mit Spirituosen füllen. Dazu eine Flasche Bier. Den Schlüssel für den Kühlschrank im Vereinsheim hatte ihm der Vorsitzende vor einem Jahr abgenommen, weil plötzlich zwei Kästen Bier fehlten. Er war das aber nicht. Das Fahrrad stellte er, wie immer, neben dem Vereinsheim ab, direkt bei den Kabinen für die Gäste.
Ein Blick aufs Vereinsheim, ein Schlüsseldreh. Wie immer holt er das
metallene Fahrzeug mit der Lenkstange und den zwei Rädern aus dem Schuppen und füllt es mit Kreide. Er mag den Geruch, er mag es, wenn sich das weiße Pulver sanft an seine Finger schmiegt und wenn er so allein ist auf dem Rasen, morgens um 11 Uhr, wenn viele der Spieler womöglich gerade erst einige Stunden im Bett sind. Früher, da hat er selber hier noch gegen den Ball getreten. Da wurde hier noch richtiger Fußball gespielt, sagen er und seine immer weniger werdenden Freunde nach dem Spiel immer. Jetzt ist er Platzwart und so manches Mal hat er jedoch bei einer knappen Entscheidung des Schiedsrichters über "Aus" und "Nicht-Aus" schon gedacht: Wenn ich jetzt die Linie drei Zentimeter weiter links gezogen hätte, dann wäre jetzt der Gegner am Ball. Er hat das alles hier in der Hand- das weiß nur keiner.
Jetzt geht es auf den Platz. An die Feinarbeit, an das wirklich wichtige. Wie immer schiebt er dann den Karren über den Weg zum Fußballplatz über den mit Holzspänen belegten Fußpfad. Dabei muss er darauf achten, dass die Klappe unter der Kreidekiste noch geschlossen ist. Um die Linie wirklich richtig zu ziehen, muss er zunächst die Eckfahne aus dem Boden heben. Bei gegnerischen Vereinen hat er schon Platzwarte gesehen, die einfach einen Meter später die Karre ansetzen, nur um die Eckfahne nicht aus dem Boden heben zu müssen. Kein Sinn für Feinheiten, denkt er sich dann immer. Es ist heute richtig neblig, seine Brille beschlägt durch den Dampf seines Atems immer wieder. Und seine Kleidung und Hände sind voll mit Kreide, so dass er mit jedem Wischen an den Brillengläsern Kreidereste auf der Brille hinterlässt. Trotzdem fährt er den Wagen über den Platz. Zunächst die Seite,
wo die Werbebanden der örtlichen Geschäftswelt platziert sind. Hier muss er stets auf den nötigen Abstand zwischen Linie und Werbebanden achten. Einen Meter, hatte ihn der Vorsitzende mal ermahnt, als er in einem Moment künstlerischer Freiheit den Platz einmal auf Anraten des Trainers um einen Meter verkleinerte. Der Gegner ist stark auf den außen, mach das Spielfeld mal etwas kleiner, hatte ihn der Trainer damals angewiesen. Manchmal steht man als verantwortlicher Platzwart wirklich zwischen allen Stühlen.
Nach der Seite der Werbebande geht es ans Tor der Heimkurve. Auch hier kann er sich gut orientieren. Der Nebel ist noch nicht so dicht, als dass er nicht schemenhaft den Torpfosten des Tores erkennen könnte. Zielsicher steuert er seine Karre über den Rasen. Ab und an wirft er einen Blick nach hinten. Die Linie hinter ihm lässt sich nur noch schwach erkennen. Die Kreise ist leer. Mit schweren Schritten stapft er in seinen gelben Gummistiefeln zurück in den kleinen Schuppen, in dem für gewöhnlich die Säcke mit Kreide liegen. Es ist Aufgabe des Vorstandes, für stetigen Nachschub bei der Kreide zu sorgen. Deshalb ist er verwundert, als er im Schuppen keinen einzigen Sack mehr entdeckt. Der Mensch braucht feste Regeln, denkt er sich, und ruft leicht verärgert seinen Vereinspräsidenten an. Der reagiert, wie immer schroff, verspricht jedoch, in der nächsten halben Stunde seinen Sohn mit einem Sack Kreide vorbeizuschicken. Er setzt sich also ins Vereinshaus, beschaut sich zunächst alte Wimpel, holt dann die Bilder aus vergangenen Zeiten von der Wand und träumt von alten Spielen. Voller Nostalgie und in Anbetracht weiterer zwanzig Minuten, die er noch auf den Sohn des Vereinspräsidenten warten muss, öffnet er sich eine weitere Flasche Bier, die noch vom letzten Training unter der Eckbank hervorlugt. Das Zeug steigt in den Kopf, aber es schmeckt und außerdem ist ja Sonntag. Endlich. Ein dutzend weitere Meisterschaftsfotos später kommt der Sohn mit einem Sack Kreide, öffnet nur kurz die Fahrertür, legt den Sack auf den Boden, hupt und fährt den Wagen wieder vom Vereinsgelände.
Er schleppt den schweren Kreidesack bis zum Strafraum, füllt neue Kreide ein, hinterlässt dabei auf dem Rasen einen dicken weißen Fleck und verstreicht diesen mit seinen Gummistiefeln zu einem Gemenge aus Erde und Kreide. Nur fünfzig Zentimeter von hier müsste eigentlich der Elferpunkt markiert werden. Das kann so bleiben, das merkt keiner. In den letzten sechs Heimspielen haben die Schiris keinen Elfer für uns gegeben. Warum sollte der Mann in schwarz das heute tun, fragt er sich und holt mit der Hand eine kleine Menge Kreide aus der Kiste, mit der er das braun-weiße Gemenge zu einem neuen Elferpunkt, fünfzig Zentimeter vom ursprünglichen Fleck entfernt, verstärkt. Dann schiebt er die Karre weiter in Richtung Außenlinie. Jetzt kommt der schwierigste Teil seines Jobs. Auf dieser Seite des Platzes kann er sich nicht an einer Werbebande orientieren. Hier gibt es keine Begrenzung. Weil der Nebel merklich dichter geworden ist, kann er auf
der anderen Seite des Feldes auch keine Außenlinie erkennen. Er steuert sein Gefährt ins ungewisse immer in der Hoffnung, die richtige Linie zu ziehen. Das zweite Bier zeigt Wirkung. Als er auf seine ersten Meter zurückblickt, da merkt er bereits, dass dies nicht eine der besten Linien sein wird, die er hier im Laufe seines Wirkens ziehen durfte. Doch Beeilung ist gefordert. Gleich gibt's Mittagessen. Wird schon schief gehen, denkt er sich, ohne die doppelte Wortbedeutung zu erahnen, die dieser Formulierung innewohnt.
Nach getaner Arbeit das Übliche. Mittagessen, ein kurzes Nickerchen, um dann eine Stunde vor Anpfiff wieder aufzustehen. Er schwingt sich wieder aufs Rad, lässt der Kiosk diesmal aus, weil er in Gegenwart anderer Vereinsmitglieder freie Verfügung über den Kühlschrank hat. Als er am Vereinsgelände ankommt, da sieht er gerade noch, wie einer der Spieler der ersten Mannschaft seine Karre aus dem Schuppen fährt. Irgendetwas stimmt hier nicht, denkt er, während mit hastigen Schritten ein verärgerter Vereinspräsident auf ihn zuläuft. Die Linien waren schief und krumm, der Elferpunkt völlig verschoben, so geht das nicht weiter, ruft der cholerische Präsident völlig in Rage und endet mit dem folgenschweren Satz: Karl, das war das letzte Mal, dass du die Linien gezogen hast. Ab jetzt machen das die Jungs der Ersten selber. Karl schwingt sich aufs Rad, fährt zurück nach Hause, hält kurz am Kiosk. Dann setzt sich dann vor den Fernseher und sieht, wie Udo Lattek sich am Ende von Doppelpass eine Pilstulpe ansetzt. Zum ersten Mal in all den Jahren wünscht er sich bei einem Heimspiel einen Auswärtssieg.

