Seit Wochenbeginn liegt er wieder auf dem Schreibtisch, der Klassiker in Rot. Wenn zu später Stunde in Herrenrunden die wirklich wichtigen Fragen dieser Zeit diskutiert ("Welcher der beiden Altintops hat wohl bislang mehr Bundesligaspiele absolviert?") und dabei regelmäßig Haus, Hof oder Sechserträger verwettet werden, gibt es eigentlich nur einen einzigen würdigen Schiedsrichter. Unverzichtbar in jedem Haushalt: das kicker-Sonderheft.
Sommer für Sommer stellen die Franken Namen, Zahlen und Daten in immer gleicher Form zusammen, so dass man sich bei aller nüchternen Übersichtlichkeit zwischen kicker-Landkarte und Stecktabelle inzwischen gleichzeitig auch kuschelig geborgen fühlt. Den Mannschaftsfotos schenkte ich dabei jahrelang nur wenig Beachtung – bis vor fünf Jahren der damalige Schalker Thorsten Legat feixend die Elastizität seiner weißen Sporthose demonstrierte.
Die legendäre Aktion der muskulösen Spaßkanone, die kurz zuvor noch durch den meisterhaften Umgang mit dem grünen Filzstift aufgefallen war, gab einerseits das Rätsel auf, wie der neben Legat stehende Olaf Thon – auf dessen Augenhöhe sich das Geschehen immerhin abspielte – es schaffte, derart ernst zu bleiben, und ebnete zudem den Weg zu einer neuen Sonderheft-Tradition.
Gespannt streift mein Blick also über die 18 Teamfotos der Fußball-Bundesliga, stets darauf gefasst, gleich die Geste oder Grimasse des Jahres zu erspähen. Die Jagd nach dem goldenen kicker-Osterei! Nein, bei den Bayern alles eher klassisch, selbst die Anzahl der eingeklinkten Spieler. Wieder Schalke? Auch nicht. Leicht gelangweilt blättere ich weiter. Kurzes Stutzen auf Seite 92: Ist es das? Hat Christian Wörns tatsächlich zwei blonde Strähnen vom Schopf des schräg hinter ihm platzierten Florian Kringe gerupft und neckisch über seine echten Augenbrauen geklebt? Hmmm, wohl eher einfach unglücklich belichtet.
Als schließlich auch das Personal der Frankfurter Eintracht eher konservativ posiert, blättere ich enttäuscht noch einmal um. Eigentlich nur um sicherzustellen, dass es das auch wirklich schon war. Und da steht er: Oliver Kahn, im Siegestaumel nach dem DFB-Pokal-Finale. Mit derart entgleisten Gesichtszügen, dass man denken könnte, Hasan Salihamidzic habe unmittelbar nach dem Schlusspfiff mindestens fünf seiner überdimensionalen Weißbiergläser direkt in den Rachen seines Schlussmanns gekippt. Die Faust zeigt himmelwärts, die Mimik tarnt den Geist perfekt. Ich bin versöhnt.
So viel Spaß für 4,90 Euro – wo gibt's das heute sonst noch?

