Mein Schulfreund Jonas war ein komischer Kauz. Wenn wir anderen die Hälfte der Pause dazu nutzten, um unsere Blicke und Gespräche auf Mädchen zu richten, wirkte er seltsam unbeteiligt. Das Thema interessierte ihn einfach nicht.
Ich mochte ihn trotzdem. Er war ein scharfzüngiger Zyniker gesegnet mit einer eindrucksvollen Beobachtungsgabe.
Zum Studium ging Jonas nach Bielefeld. Wir telefonierten ab und zu, und seine Schilderungen der Stadt klingen mir heute noch im Ohr. Wenn ich ihm glauben durfte, dann bestand Bielefeld allen voran aus menschenleeren Straßen und trostlosen Fassaden. Sein Mietshaus, so Jonas, sehe aus wie ein liebloser Legowürfel, den irgendjemand zufällig verloren hat. Das Faszinierendste an diesem Haus schien für Jonas der Schornstein zu sein. Ein rundes Etwas, aus dem zu jeder Tages- und Jahreszeit ein merkwürdig weißer Rauch aufstieg.
Eines Tages lud er mich zu seiner Geburtstagsparty ein, und ich machte mich auf den Weg nach Bielefeld. Als ich vor seinem Haus stand, fiel mir natürlich gleich der ominöse Schornstein ein. Er qualmte heftig, nur von weißer Farbe konnte keine Rede sein. Es war ein tiefgrauer Dampf, der dort in die Lüfte zog.
Aber auch Jonas hatte sich verändert. Während der Party stellte er mir wie selbstverständlich seine ausgesprochen hübsche, erste Freundin vor. Die beiden schienen sehr glücklich zu sein, ich freute mich für sie.
Jahre später war aus unserem losen Kontakt eine entfernte Bekanntschaft geworden. Ich wusste nur, dass er inzwischen in München arbeitete – immerhin, seine Adresse hatte ich. Als ich eines Tages zu einem geschäftlichen Termin in München weilte, wollte ich die Wartezeit vor der Abfahrt meines Zuges nutzen, um Jonas einen überraschenden Besuch abzustatten.
Er lebte mit seiner Freundin zusammen, aber ihr erstes Glück hatte sich in eine lähmende Routine verwandelt. Nach gut 90 Minuten verließ ich die beiden, draußen auf der Straße starrte ich in den Himmel. Schwarze Rauchschwaden entwichen aus einem Schornstein. „Sachen gibt es...“, dachte ich.
Aber wer hätte auch damit gerechnet, dass Werder Bremen eines Tages im DFB-Pokal gegen Ex-Werder Bremen spielt und verliert. Was ist das überhaupt für eine Welt, in der mich die BILD-Zeitung gegen meinen Willen zum Papst ernennt?
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