Footage - Magazin für Fußball und Popkultur



06.02.2012 00:47:59

One night in Bangkok

Über die dritte Station der Asienreise

"You know, traffic in Bangkok is really bad", weist uns die schüchterne Angestellte der Tourismus-Information mit einem bedauernden Lächeln darauf hin, wir mögen doch vernünftigerweise etwa zwei Stunden für die 20 Kilometer zum Stadion ansetzen. Und als hielte sie es wirklich für möglich, dass wir den übermächtigen Blechstrom bis dato übersehen, überhört oder – unvorstellbar – überrochen haben könnten, fügt sie leise hinzu: "Bad, bad."

Wenig später klettern wir in einen klapprigen Bus der Linie 60. Eine der bitteren Lehren aus dreieinhalb Wochen Rucksackurlaub in Thailand: Der erste Versuch, sein Fahrziel in Landessprache zu nennen, scheitert immer. Ich stammele also "Rajamangala Stadium", ernte Unverständnis und das weltweit bekannte Verlegenheitslächeln, ehe ich unsere Eintrittskarten aus dem Brustbeutel krame. Eine miese Fotomontage auf Pappe, mit Michael Ballack, Oliver Kahn und der Nr. 8 Thailands, ist schließlich das Signal, anerkennend zu nicken und zu kassieren.

Die Sitze in asiatischen Bussen sind nicht unbedingt für Fahrgäste gedacht, die größer als 1,65 Meter sind, das überrascht inzwischen nicht mehr. Mich verwundert allerdings, dass man im ganzen Land Thais sieht, die zum Teil abenteuerlich schlechte Kopien des deutschen Nationaltrikots – ich erinnere mich immer wieder gern an einen DBF-Schriftzug über einem großen roten Adler… - tragen, nicht aber in diesem Bus, der immerhin auf dem Weg zum "Super Match 2004" ist. Zudem sind keine anderen Langnasen, wie die Einheimischen westliche Gäste gerne nennen, zugegen.

Vorbei an unzähligen Straßenständen, Tempelanlagen und Shoppingzentren schleichen wir durch diese faszinierend geschäftige Metropole Thailands. An einer Kreuzung schließlich, an der wir gefühlte 30 Minuten stehen, ohne dass etwas passiert, erblicken wir ein mit einer schwarz-rot-goldenen Flagge behängtes Tuk-Tuk, eines jener dreirädrigen Motortaxis, ohne die das Bild verstopfter Straßen in Bangkok nicht komplett wäre. Plötzlich ist man wieder sicher: Wir sind gewiss nicht die einzigen Deutschen, die heute hinaus nach Hua Mak pilgern.

Und da sind sie, die Botschafter der Republik. Bier und Gebrüll bei 32 Grad. Der beleibte Träger eines hautengen Shirts, auf dem in altdeutscher Schrift "Bamberg" prangt, fällt besonders ins Auge. Er grölt zwar nicht gar so laut wie seine ähnlich modebewussten Kollegen, dafür präsentiert er auf der Stadiontreppe sitzend jedem Besucher stolz seine beiden Leidenschaften. In der linken Hand eine große Flasche Chang-Bier (stolze 6,4 Prozent!), in der rechten ein leicht gelangweilt dreinblickendes Thai-Mädchen - von so zarter, zerbrechlicher Gestalt, dass es vier oder fünf davon bedürfte, ein "Bamberg"-Shirt auszufüllen.

Ja, der Teutone ist schon da. "Ich glaube, es ist Liebe", sagen uns die leicht glasigen Augen des Bambergers und blicken dabei lüstern abwechselnd seinen linken und seinen rechten Arm hinab. Schnell weg hier…

Einlasskontrolle in Thailand: Nein, uns erwartet nicht der aus der Heimat bekannte unmotivierte schnauzbärtige Miesepeter vom Stadion-Ordnungsdienst, der die Worte "Rucksack auf!" bellt, während seine Hände wenig liebevoll Jacke und Schritt des zahlenden Kunden abklopfen, um dann eine Minute kritisch auf das Ticket zu starren. Stattdessen unterhalten sich zwei Thais angeregt und bekunden keinerlei Interesse, ob man in der großen Tasche nun kiloweise Schnaps, Steine oder Sprengstoff mit sich führt. Arbeiten die überhaupt hier? Sie werfen zumindest einen flüchtigen Blick auf die Karten, so kurz, dass es wahrscheinlich gerade einmal ausgereicht hat, um bedrucktes Papier von einem Stück Melone zu unterscheiden - und winken uns hinein.





Was aus der Ferne besonders im letzten Tageslicht noch sehr ansprechend wirkt, ein verhältnismäßig neues Rund mit geschwungenen Tribünen, entpuppt sich leider als seelenloser Betonklotz. Das Rajamangala National Stadium ist gerade sechs Jahre alt, wirkt aber bereits völlig überholt. Der großzügige Umgang mit Sichtbeton und die breite Tartanbahn samt ausladender Sicherheitszone unterdrücken einen Großteil möglicher Atmosphäre bereits im Ansatz. Im schmutzigen Treppenhaus verkauft ein einsamer Thai lizenziertes Wasser, dazu Cola oder grünen Tee. Keine wuselige Fressmeile, keine lautstark angepriesenen Fanartikel – sind wir hier überhaupt noch in Thailand?

Jürgen Klinsmann hat leicht zugenommen, und das schon vor Weihnachten. Ansonsten haben sich die Jungs offensichtlich kaum verändert. Moment, ist das Patrick Owomoyela? Und der da hinten sieht ein wenig aus wie Marco Engelhardt. Hab' ich was verpasst?!? Vielleicht hätte man in den letzten Wochen doch häufiger die diversen Sportseiten aufrufen sollen, der Zugang zum Internet ist hierzulande nun wirklich nicht zu teuer.

Das Team des Gastgebers und die deutsche B-Elf überqueren das Feld und verharren in schmucken Reihen vor der Haupttribüne, gemeinsam wartet man auf die Hymnen. Nichts Neues. Doch nicht etwa das Polizeisportorchester Bangkok spielt auf, stattdessen erteilt eine Lautsprecher-Stimme auf Thai und holprigem Englisch dem Sportminister das Wort, der zu einer laaangen, bewegenden Rede ausholt – auf Thai und holprigem Englisch. Anschließend kommt ein weiterer Anzugträger zu Wort, Kevin Kuranyi tippelt bereits nervös auf und ab. Es sind wahrscheinliche diese besonderen Momente im Leben eines Berufsfußballers, in denen er Zeit und Muße hat, sich Gedanken über neue kunstvolle Bartkonturen zu machen.



Nach knapp zehn Minuten, kurz bevor Andreas Hinkel sich ein Nutella-Brot vom Spielfeldrand zuwerfen lassen will, beginnt die Partie. Siegfried Held, der in diesem Jahr bereits als vierter Coach der thailändischen Auswahl sein Glück versuchen darf, hat offensichtlich das Konzept der Abwehrarbeit seinen Außenverteidigern noch nicht ausreichend vermitteln können. Nicht so wild, wenn der Gegner Thomas Brdaric bringt, der an diesem Tag nicht unbedingt durch Abschlussstärke auffällt. Am Ende steht ja dennoch ein lockeres 5:1, das vor allem die weit verbreitete These "Es gibt keine leichten Gegner mehr" in Frage stellt.

Zwei Fragen bleiben unbeantwortet. Warum schießen die Thais auch aus 40 Metern aufs gegnerische Tor, hat Siggi Held zur Motivation etwa Videos des ehemaligen Knappen Hami Mandirali vorgeführt? Und warum reisen wir Tausende von Kilometern, um uns in der Pause doch ein blödsinniges deutsches Lied über "Goleo, unser Maskottchen" anhören zu müssen? (Zugegeben, der Refrain ist sehr einprägsam…)

Vor dem Stadion retten wir noch einen etwas schusseligen Landsmann davor, erneut Opfer cleverer Taxifahrer zu werden. "Auf den Hinweg habe ich einen Typen bezahlt, der mich einfach zu einem Stadion mit sehr ähnlichem Namen gefahren und rausgeworfen hat." Ohne Worte. Gemeinsam fahren wir mit der Linie 60 in Richtung Altstadt. Und benötigen nun nur knapp eine gute Stunde – der Verkehr ist nur noch "bad", nicht mehr "bad, bad".


Autor: Christian Helms

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