Jürgen Klopp springt Fäuste ballend an der Seitenlinie umher, herzt alles, was sich ihm in den Weg stellt – er hat allen Grund, das 3:1 gegen Hansa Rostock hält ganz Mainz weiterhin im Rauschzustand. Ungläubiges Kopfschütteln wechselt sich mit euphorischem Triumphgeheul ab. Gleichzeitig feiern weit über 20.000 Mainzer den so nicht vorhersehbaren Erfolg ihres Vereins in der Bundesliga nach jahrelangem Kicken im Schlund des Unterhauses. Sie tun das – wie es Brauch ist in Mainz – mit wortreichen Karnevalschlagern wie „Humba, Humba Tätärä“ oder dem freimütigen Bekenntnis „Wir sind nur ein Karnevalsverein“. Der Fußball des FSV Mainz 05 ist überraschend gut und das Gebähren seiner Protagonisten – Mannschaft wie Umfeld – authentisch, keine Frage. Doch genau wie im richtigen Karneval kann einiges auch ganz schön nerven.
Steht man am Rosenmontag – egal ob in Mainz, Düsseldorf oder Köln – in der Kneipe und singt nicht jeden Karnevalsschlager ultimativ textsicher mit, kann man sich auf einiges gefasst machen. „Hey – was bist Du denn für einer?“ lallt ein tierisch lustiger Zeitgenosse im Texas-Ranger-Kostüm, den man vorher noch nie gesehen hat: „Mach doch endlich mal mit, Du Bremse!“ Die Antwort wartet er gar nicht erst ab, lieber steigt er auf den Tisch des Hauses und schmettert mit allem, was er hat, dass er an einem Rosenmontag geboren ist. Besser verlässt man dann das Lokal, da man selbst ja nicht an einem Rosenmontag geboren ist und damit auch nicht wirklich mitreden kann.
Der Ball läuft gut beim FSV und es macht Spaß sich das anzuschauen. Mehr noch: oft ertappe ich mich dabei, wie ich die Objektivität beim Betrachten des Spieles verliere und den Mainzern einen Sieg wünsche, damit die Party für Sie weitergeht. Wenn ich allerdings in der anschließenden Nachberichterstattung sechs mal das Wort „Spaßfußball“ – als wenn es so etwas gäbe – höre und sich die Berichterstatter von Töpperwien bis Thurn und Taxis gemeinsam mit Jürgen Klopp einig sind, dass man Fußball nicht lieben kann, wenn man diese Mainzer nicht liebt, dann schalte ich um und weiß, dass ich eben nicht an einem Rosenmontag geboren bin.


