Footage - Magazin für Fußball und Popkultur



05.02.2012 22:50:27

Den gepflegten Stil übernehmen

Die footage-Ligakolumne - 3. Spieltag

Begonnen hatte es einst am Bökelberg. Lothar Matthäus, zuvor jahrelang gefeiert, spielte erstmals mit den Bayern wieder in Mönchengladbach. Bei jedem Ballkontakt wurde er mit Judas-Rufen bedacht und gnadenlos ausgepfiffen – in den Jahren danach kultivierte das Gladbacher Publikum diese Methode, was Stefan Effenberg und sogar der frühere Trainer-Assistent Sir Erich Ribbeck anlässlich ihrer jeweiligen Rückkehr schmerzhaft zu spüren bekamen. Lothar Matthäus bezeichnet die Bökelberg-Anhänger noch heute in seiner ihm eigenen Art als „Fans, die wo für mich in Wirklichkeit keine sind“. Diesen zu Ehren sei allerdings gesagt, dass es sich hier um eine Erscheinung handelt, die Woche für Woche in fast jedem Bundesliga-Stadion zu beobachten ist. An diesem Spieltag traf es in Leverkusen und Bielefeld Lucio sowie Delron Buckley.

Lucio führte die biederen Leverkusener einst ins Finale der Champions League und setzte vor etwas mehr als einem Jahr gar seine Gesundheit auf´s Spiel, um dem Verein im Abstiegskampf zu helfen. Vergessen, er wurde am Samstag bei jedem einzelnen Ballkontakt gnadenlos ausgepfiffen. Seine katastrophale Leistung hatte sicher auch damit zu tun. Und Delron Buckleys Tränen nach seinem Ausgleich gegen Bochum flossen sicherlich auch aufgrund einiger Pfiffe aus der VFL-Kurve.

Echte Fußball-Fans schütteln in solchen Momenten mitleidig den Kopf, sind ihnen erhaben. Sie verbinden die Treue zu ihrem Verein nicht mit einem Spieler – egal wie lange er auch für ihn spielte. Sie wissen, dass die elf Spieler, die sie „da unten“ vertreten dies nur vorübergehend tun. Trotzdem wissen sie, dass es IHR Verein ist – IHR Verein, der IHREN Stil spielt.
Denn: als Lothar Matthäus schon lange nicht mehr Fußball spielte, da wurde am Bökelberg immer noch der gleiche Fußball-Stil gepflegt. Und auch wenn in einigen Jahren Delron Buckley, im Schaukelstuhl sitzend, seinen Enkelkindern über´s Haar streicht, wird in Bochum ein Fußball gespielt werden, der in erster Linie als ehrlicher, arbeitender Fußball bezeichnet werden darf. Wirkliche Fans wissen: es sind nicht die Spieler, nicht die Neuankömmlinge und nicht die Ehemaligen, die den Stil ihres Vereins prägen. Es sind weder die Vereinsfarben, noch die Stadien – es sind sie selbst. Die Spieler passen sich diesem letztlich an. Deswegen rate ich zur Gelassenheit, wenn der ehemalige Libero oder der frühere Linksaußen an die alte Wirkungsstätte zurückkommen.
Natürlich gibt es einzelne Ausnahmen Stil prägender Spieler, wie Zorc in Dortmund oder Scholes in Manchester – aber mal ehrlich: die sind selten. Ich bin sicher, die zahlreichen Borussen-Anhänger, die Matthäus damals nicht einen Judas schimpften und ihn nicht auspfiffen sind immer noch da und prägen den Stil der Borussia – Woche für Woche, Tag für Tag. Wo die anderen sind, weiß ich nicht und es interessiert mich auch nicht!

Autor: Sascha Theisen

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