Footage - Magazin für Fußball und Popkultur



18.05.2012 01:23:45

Brav mit Leidenschaft

Wie so viele andere ist auch der Fußball-Fan nicht mehr das, was er einmal war. Das Dumme ist nur: So wie er jetzt ist, soll er auch nicht mehr sein. Klingt verwirrend? Ist es auch. Was ist passiert?

Früher war der Fußball-Fan ein einfacher Mensch. Er hatte eher wenig Geld und das gab er ohne mit der Wimper zu zucken für einen Stehplatz im Stadion aus. Er liebte den Fußball und seinen Verein so sehr, dass er gar nicht anders konnte. Meistens ging er eine Stunde vor Spielbeginn ins Stadion hinein und frühestens eine halbe Stunde nach Spielbeginn erst wieder hinaus. Und in der Zeit dazwischen lebte er seine große Liebe aus. Er schrie und fluchte. Er sang und trauerte. Und wenn seine Mannschaft sich bemühte, dann feuerte er sie an. Mit seiner ganzen Kraft und Leidenschaft.

Viele Spieler mochten diesen Fan, viele Vereine aber nicht. Denn sie mussten immer höhere Gehälter für die Spieler bezahlen und dafür reichte das wenige Geld, das der alte Fan für seinen Stehplatz ausgab, einfach nicht aus. Also baute man die Stadien um und viele bessere Plätze hinein. Fußballspiele erschlossen sich neue Zuschauergruppen und entwickelten Eventcharakter - ob sie wollten oder nicht.

Die neuen Fans trugen Krawatten statt Kutten, sie waren Geschäftspartner oder Familienväter. Sie nahmen ihre Plätze fünf Minuten nach Spielbeginn ein und verließen das Stadion zehn Minuten vor Schluss. Dazwischen kreisten die Gedanken dieser Besucher um viele Dinge - meistens um ihre Geschäfte und ihre Familien. Das Fußballspiel lief nebenbei.

In den „Arenen“ von Hamburg oder München kann man diese neuen Fans hören - denn man hört dort fast nichts. Vielleicht mal ein paar Pfiffe und einen zurückhaltenden Jubel, wenn ein Tor gefallen ist. In Hamburg heißt ein Teil des Stadions „Langnese Familienblock“ und dieser Name ist nicht einmal ironisch gemeint. Und wenn in München ein Tor fällt, dann stehen Uli Hoeneß, Karl Heinz Rummenigge und der komischerweise immer im Bild befindliche Helmut Markwort kurz auf. Sie klatschen, lachen und setzen sich dann wieder setzen. In ihren Händen fehlt dann nur noch das Opernglas.

Doch ein anspruchsvolles Publikum ist nicht immer einfach zufrieden zu stellen. Das musste die deutsche Nationalmannschaft schon öfter erleben. Die Nationalspieler haben deshalb einiges durchgemacht. Auch jetzt waren Pfiffe zu hören, als der Ball in den Spielen gegen Kasachstan und Australien mal nicht ganz so rund durch die Reihen lief. Man forderte die Unterstützung der Fans, aber vielleicht hatten die Familienväter gerade Probleme zuhause und die Geschäftspartner einen schlechten Tag im Büro. Schweinsteiger, Gomez & Co kennen den alten Fan vielleicht gar nicht mehr. Falls doch, haben sie ihn wahrscheinlich vermisst.

Für Vereine und Spieler stellt sich nun die Frage: Wie kann man nicht nur schicke Logen und elegante VIP-Bereiche sondern auch den perfekten Fan direkt ins Stadion einbauen? Den Fan, der im richtigen Moment brav und leidenschaftlich sein kann. Eine kniffelige Frage, die man vielleicht nur mit einer angestaubten Romanfigur wie Frankenstein beantworten kann.

Leserbrief an footage

Autor: Arne Jens

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