Footage - Magazin für Fußball und Popkultur



06.02.2012 02:29:46

Stolz im Schatten

Große Ereignisse bleiben auch nach dieser WM in Erinnerung. Die grandiosen Spektakel der deutschen Nationalmannschaft. Das fast perfekte Spiel der Spanier und ihr unglaublich geduldig erspielter Triumph. Im Schatten dieser Giganten gibt es aber auch andere Momente, die man nicht vergessen kann.

Am Samstag, den 12. Juni betritt Diego Armando Maradona die Bühne. Mit seinen Argentiniern besiegt er Nigeria 1:0, aber das Ergebnis ist Nebensache. Maradona zeigt mit großer Gestik seine Freude, seinen Ärger, er tätschelt und knutscht seine Spieler, so als ab ob jeder von ihnen und nicht nur Sergio Aguero ein Schwiegersohn von ihm wären. Nur wenn das Spiel zwischendurch vor sich hin plätschert, betrachtet Maradona das Spielfeld wie ein Bademeister sein Schwimmbad – ein wenig gelangweilt, doch sicher, dass er alles unter Kontrolle hat. In den ersten Spielen hat Maradonas Argentinien alles unter Kontrolle, aber das ändert sich. Maradona ist trotzdem eine der herausragenden Persönlichkeiten dieser Weltmeisterschaft. Man muss ihn nicht mögen, aber in seinem grau melierten Bart und in seiner Michelin-Männchen Figur steckt viel Geschichte und noch mehr Charisma. Maradona ist ein krasser, irgendwie immer noch kranker Typ – aber ein Typ ist schon viel wert in einer Fußballwelt, in der die Fans im Stadion manchmal wie perfekt verkleidete FIFA-Hostessen aussehen. Nur – als Typ ist man nicht unbedingt ein guter Trainer. Maradona ist genau genommen gar keiner, er glaubt immer noch, dass Spiele durch einen genialen Spieler gewonnen werden können. So wie Argentinien 1986 eine ganze WM dank ihm gewann. 2010 hat Maradona Messi, aber Messi allein hat keine Chance gegen ein großartiges deutsches Team.

Drei Tage nach dem man zum ersten Mal Maradona begegnet ist, fällt bereits das schönste Tor dieser WM. Unnachahmlich wie der brasilianische Außenverteidiger Maicon gegen die Nordkoreaner den Ball fast von der Torauslinie, mit voller Absicht ins Tor schnibbelt. Danach fallen noch einige spektakuläre Weitschusstore, bei denen man aber nie genau weiß ob tatsächlich der Spieler oder nicht doch der WM-Ball Jabulani für die Flugbahn verantwortlich ist. Die wenigen spektakulären Treffer stellen dem Turnier natürlich kein gutes Zeugnis aus. Trotzdem – nach viel Angsthasen-Taktik in der Vorrunde bekommt man bei dieser Weltmeisterschaft besseren Fußball als vor vier Jahren in Deutschland zu sehen.

So auch beim Gruppenspiel Kamerun gegen Dänemark in Pretoria. Ein Duell, über das am nächsten Tag fast nur unter ferner liefen berichtet wird. Dabei spielen insbesondere die Löwen aus Kamerun großartig. In der Schlussphase jagt eine Chance die nächste. Kamerun ist aggressiv, trickreich, leidenschaftlich und überraschend – aber eben auch verhaftet in alter afrikanischer Fußball-Naivität. Vorne nutzt man seine Chancen nicht, hinten wehrt man sich zu wenig.

Für die Dänen kommt es dagegen zum Gruppen-Endspiel gegen Japan und auch dort sind sie wieder an einem ganz speziellen WM-Moment beteiligt. Doch wieder nur als Statist und Zuschauer. Denn der Japaner Keisuke Honda zeigt in diesem Spiel kurz vor Schluss den schönsten Trick dieser WM, als er sich den Ball mitten im Strafraum und in Bedrängnis irgendwie hinten rum links vorlegt um ihn dann perfekt zum Mitspieler zu passen. Japan steht im Achtelfinale und Honda auf der Einkaufsliste der ganz großen Clubs.

Großes Kino also schon in der Vorrunde, aber große Drama kommt erst noch. Es ist Achtelfinale, es ist der 2. Juli, Ghana spielt gegen Uruguay. Ghana die letzte afrikanische Hoffnung bei der ersten Weltmeisterschaft auf dem afrikanischen Kontinent. Das Spiel wogt hin und her, es werden Fehler gemacht, „hüben wie drüben“ hätte Heribert Fassbender gesagt. Aber es ist kein schlechtes Spiel wie uns Steffen Simon und Günter Netzer weismachen wollen. Insbesondere die Black Stars zeigen in der Verlängerung einen ungezügelten Offensivdrang, wie ihn wohl kaum eine andere Mannschaft zugelassen hätte. Ghana möchte kein Elfmeterschießen, wohl weil sie wissen, dass sie es verlieren würden. Sie bekommen noch eine Chance in der 120. Minute, doch der Kopfball wird auf der Linie von Luis Suarez abgewehrt – mit den Händen, Elfmeter. Suarez ist kein besonders fairer Spieler, doch es gibt schlimmere Kaliber, Mark van Bommel oder Nigel de Jong lassen im WM-Finale schön grüßen, aber das Handspiel von Suarez hätte wohl jeder Spieler gemacht. Es gibt also Elfemeter und Asamoah Gyan legt sich den Ball zurecht. Afrika drückt ihm die Daumen, und alle Fußball-Fans, die ein Herz haben, auch. Doch der Stürmer-Star, der immer eine ganz merkwürdige Mischung aus Lächeln und Leiden zur Schau trägt, verschießt. Dass er im anschließenden Elfmeterschießen sicher verwandelt, macht das Ganze nur noch eine Spur tragischer. Hätte er nicht den zweiten gegen den ersten Schuss tauschen können? Am Ende weint Asamoah Gyan, als gäbe es kein Morgen mehr. Gibt es aber und es gibt die Erinnerung an diesen gigantischen Moment, der sich stolz einreiht neben der deutschen Mannschaft und den Spaniern, dem Weltmeister.

Leserbrief an footage

Autor: Arne Jens

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