Fernseh-Kommentator, das ist der Traumjob, dachte ich früher immer. Du sitzt auf der Haupttribüne, darfst mal nach Budapest, London, Florenz und breitest dein sowieso vorhandenes Fachwissen genüsslich aus. Heute denke ich mir: Was sind das denn oft für arme Schweine, gerade angesichts der mauen Vorrundenspiele in Südafrika. Was sollst du sagen, wenn ein dänischer Torwart den Ball nicht fangen kann oder wenn der Kameruner Achille Emana ein Pass über schlappe sechs Meter nicht hinkriegt.
Immerhin, gab es das sehr unterhaltsame Ausscheiden der Italiener gegen die Slowakei. Ansonsten ist so eine Vorrunde wie ein Wartezimmer. Nun ist es ja besser geworden im Achtelfinale. Vielleicht war es früher auch nicht spannender. Man verklärt ja so manches. 1978 in Argentinien war meine erste WM, es war einmalig, ich habe das ganze verdammte Panini-Album vollgekriegt, darunter Gerd Zewe, Fabio Capello und Didier Six. 1982 war geprägt vom legendären Halbfinale gegen Frankreich. Und dann gab es ja auch noch Gijon. Den Skandal. 1994 habe ein Tippspiel an der Uni in Bamberg organisiert. Erst sollten nur meine WG-Freunde mitmachen, dann wurden es plötzlich 42 Studenten, so dass ich am Ende keine Zeit mehr zum Lernen für meine Germanistik-Klausuren hatte. Das Tippspiel gewann eine Frau! 2002 wollte ich mir unbedingt dieses preußische Trikot kaufen, Dann dachte ich mir, unsere Rumpelelf mit Ramelow, Linke und Ziege kommt eh nicht weit, also lass’ es. Ein Fehler, Deutschland kam ins Finale.
Die WM 2010 wird jedenfalls als Turnier des demonstrativen Wegschauens im Kopf bleiben. Meistens sehe ich nur 25 Minuten von einer Partie. Ich klicke mich stattdessen bei Eurosport.de ein, lese stundenlang in der „Süddeutschen“ herum, ich kaufe mir den „Tagesspiegel“ wegen der netten 11-Freunde-WM-Sonderbeilage. Ich lese manchmal mehr, als dass ich Livespiele gucke. Die gesamte verkorkste Vorrunde habe ich genutzt, um mich in die landesspezifische Philosophie der großen Nationen einzuarbeiten. Kiwi hat da eine sehr interessante Reihe rausgebracht. Sehr amüsant, wunderbar hintergründig, einmalig informativ, klasse recherchiert. Das ist Futter für den Junkie. Etwa „Harder, better, faster, stronger“ von Raphael Honigstein. Der englische Fußball kennt ja viele Geschichten. Aber Gerrard und Lampard haben ja nicht gerade geglänzt am Kap. Villa, Iniesta und Llorente schon eher. Und Spanien ist meine heimliche Leidenschaft. Deshalb musste es auch „Fútbol“ und von Javier Cáceres sein, ein weiterer Klassiker der internationalen Reihe.
Abendelang habe ich in dem Büchlein rumgeschmökert und die WM laufengelassen. Da erfährst du, was woanders nicht steht. Die Copa Mundial? Ach. Kommentatoren, die nicht genau hingucken (Oliver Schmidt vom ZDF), seltsam blinde Schiris (Undiano, Damon, Gonzalez), Trainer ohne Feingespür (Carlos Queiroz) und zig uninspirierte Durchschnittsspieler. Gegen diese Grottenkicks wie Portugal-Brasilien oder Uruguay-Frankreich, da war Deutschland-Österreich 1982 ja ein richtiges Schmankerl! Zack, da sind wir wieder beim exotischen Nachbarland. Bei Rapid und Austria Wien kenne ich mich auch aus. Kein Wunder, ich habe das Werk „Immer wieder, nimmer wieder“ von Kai Schächtele und Stefan Adrian geradezu aufgefressen. Ein Klasse-Buch, besonders die Geschichte mit Emanuel Pogatetz, die Story über den Provinzklub SV Mattersburg und das Kapitel über die Legende Matthias Sindelar. Schade eigentlich, dass die Ösis nicht dabei sind in Südafrika.
Drei Wünsche habe ich noch: Deutschland soll mindestens ins Halbfinale kommen, dann sehen wir Jogis Elf noch zweimal! Robben und van Persie sollen die etwas zu eingebildete Selecão rauskegeln. Außerdem wäre es schön, wenn es noch ein Match gäbe, in dem eine Mannschaft ein Spiel eindrucksvoll dreht.
“Harder, better, faster, stronger“
Die geheime Geschichte des englischen Fußballs. Raphael Honigstein, Kiwi Paperback, 224 Seiten, 7,95 Euro
„Fútbol“, Spaniens Leidenschaft. Javier Cáceres, Kiwi Paperback, 233 Seiten, 7,95 Euro
„Immer wieder, nimmer wieder“ von Kai Schächtele und Stefan Adrian, Kiwi Paperback, 219 Seiten, 7,95 Euro.
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