Footage - Magazin für Fußball und Popkultur



06.02.2012 03:06:07

Neuville, Onkel Puskás und die Ganzkopfmütze

Die besten TORWORT-Geschichten in einem neuen Buch

Was unterscheidet richtige, wahrhaftige Fußballverstrahlte von Eventfans? Oder besser gesagt: Wie kriegt man raus, ob ein Fan echt ist? Ganz einfach, mit diesen Fragen: Was versteht man unter Auswärtskontingent? Was ist ein Wellenbrecher? Wieviele Spiele der Amateur-Oberliga hast du live im Stadion gesehen? Kennst du Mario Krohm, Volker Ippig und Ernst Huberty? Darauf angesprochen kriegen Menschen mit Rasenfieber leuchtende Augen, Oberflächen-fans jedoch werden auf diese Insider-Fragen nur mit einem Schulterzucken reagieren. Sie sind nur am Erfolg interessiert, an Toren, am nackten Ergebnis. Beim FC Bayern findet man viele solcher Menschen. Ihnen ist es wichtig, dass ihre Mannschaft gewinnt, damit sie am Arbeitsplatz gut dastehen und nicht geärgert werden. Nicht, dass den wahren Fans Siege des eigenen Teams völlig kaltlassen, nein, überhaupt nicht, aber ihnen sind ganz oft noch andere, nebensächliche Dinge heilig. Eine uralte Stadionuhr etwa, Aufwärmrituale auf dem Rasthof, ein zugiger Bratwurststand oder das verwaschene erdgas-Trikot von 1979.

Für diese Stadiongänger hat Sascha Theisen jetzt ein nettes Buch herausgebracht. Es heißt „Nach vorne!“ und ist erschienen im Werkstatt-Verlag. Die Texte sind herrlich burschikos, sie lesen sich leicht, und, wer einst mit Eddie Körper, Bolzplatz, Burgsmüller und Rummenigge sozialisiert wurde, der erkennt so manches wieder. Theisen ist Alemannia-Aachen-Fan und so etwas wie der deutsche Fußball-Lesungs-Papst.

Theisen ist ein anerkannter Bewahrer der guten alten Fußball-Kultur. Zuhause etwa hat sich der Kölner einen sehenswerten Museumskeller eingerichtet, der allen Moden trotzt. Seine Lesereihe TORWORT begeistert seit sechs Jahren die etwas intelligenteren Anhänger. Nun war es an der Zeit, die besten Texte in einem Büchlein zu versammeln. Mit dabei sind Autoren wie Fritz Eckenga, Ben Redelings, Stefan Barta, Arne Jens, Philipp Köster und Jens Kirschneck. Es geht um Panini-Bildchen, Wormatia Worms, Elektrokamine, Willi Landgraf, kinderentstellene Mützen, Neuville und Odonkor, Autogrammstunden in der Dürener Sparkasse und Onkel Puskás.

Theisen hat auch selbst etwas geschrieben, und das gehört mit zum Besten im Buch. Darin beschreibt er wunderbar ehrlich wie er als Kind den FC-Stürmer Dieter Müller anhimmelte und der das dann mit einer einzigen Bemerkung kaputtmachte. Natürlich erklärt er auch, was ihn mit dem früheren Alemannia-Sturmtank Mario Krohm („Hatte Füße wie Flipperhebel“) verbindet. Es ist insgesamt eine sehr humorvolle, unterhaltsame Hommage an das Fansein und das Leiden mit dem Rasensport. Übrigens für alle in den 90ern neu Hinzugekommenen: Die Gewinner beim „Tor des Monats“ wurden früher vom Schützen live im TV-Studio des WDR aus einem meterhohen Haufen Post per Hand gezogen. Theisens persönlicher Rekord beim Einsenden von Postkarten lag seinerzeit bei 16!

Sascha Theisen (Hrsg.): Nach vorne! Lästernde Kiebitze, spiel-entscheidende Stadionwürste, betrunkene Vorstopper - TORWORT-Geschichten über Fußball, Verlag Die Werkstatt, 9,90 Euro.

Leserbrief an footage

Autor: Erik Wegener

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