Footage - Magazin für Fußball und Popkultur



06.02.2012 01:56:09

Die Toiletten sind ein Traum

Zwischenstand eines Lebens im Exil

Meine Zeit in Hamburg begann, wie sie beginnen musste: Mit einem Auswärtsspiel. Der FC trat beim FC St.Pauli an, damals noch in der zweiten Liga. Ich sah mir die Begegnung in einer willkürlich ausgesuchten Kneipe im Schanzenviertel an, der FC gewann 2:0 und ich habe nur einmal im Leben noch zurückhaltender gejubelt, da stand ich am Aachener Tivoli – in der falschen Fankurve. Die St.Paulianer bemerkten meine Gefühlsausbrüche trotzdem und schauten mich an, als ob ich ein Kind wäre, das ständig blöde Grimassen macht. Die Fanfreundschaft zwischen St. Pauli und dem FC existiert nur in Köln, in Hamburg hat man nur davon gehört.

Doch keine Freundschaft heißt natürlich nicht gleich Feindschaft. Hamburger sind wie Kölner ziemlich tolerant. Als FC-Fan wird man zwar nicht geliebt aber doch immerhin akzeptiert. Meinem Outing als FC-Fan folgte bisher immer ein mildes Hamburger Lächeln, so als ob ich einen guten Witz erzählt hätte, der meinem Gegenüber aber schon dreimal zu Ohren gekommen ist. Man muss sich mit diesem höflichen Desinteresse zufrieden geben, es hätte schließlich auch schlimmer kommen können, denn es gibt Vereine, die Hamburger ganz und gar nicht mögen. Werder Bremen wird zum Beispiel von den HSV-Fans so sehr verachtet, dass unsere Abneigung gegen Anhänger von Borussia Mönchengladbach oder Bayer Leverkusen dagegen so harmlos wie ein schlafender Rentner wirkt.

Ich kann also ein relativ unbehelligtes Leben in Hamburg führen und mittlerweile kann ich sogar die FC-Tore so laut feiern, wie ich will. Denn im Hamburger Stadtteil Eppendorf habe ich eine echte Oase für mein durstiges Kölner Herz entdeckt. Eine Kneipe mit dem ohnehin schon sehr viel versprechenden Namen „Rheinländer“ überträgt alle FC-Spiele live und ist zur ersten Anlaufstelle für alle ausgewanderten FC-Fans geworden. Vor dem Spiel hört man die Höhner, es gibt leckeres Kölsch und die Toiletten sind ein Traum in rot-weiß.

Doch ich habe es im Urin, diese Kneipe wird nicht die letzte Kölner Bastion an Alster und Elbe sein. Ausläufer des kölschen Brauchtums schleichen sich mittlerweile auch an anderen Stellen der Hansestadt ein. So singen die Hamburger mit großer Begeisterung Lieder, in denen es drei Minuten lang nur darum geht, sich selbst und die eigene Stadt zu feiern. „Hamburg, meine Perle“ oder „Auf der Reeperbahn nachts um halb eins“ sind im Grunde nichts anderes sind als heimliche Coverversionen von „En unserem Veedel“. Und den Kölner Karneval versucht man hier mit Veranstaltungen wie Hafengeburtstag oder Schlager-Move zu imitieren. Die Stimmung ist dabei ungefähr so wie Weiberfastnacht in einem trostlosen Warteraum des Kölner Hauptbahnhofs. Doch in St.Pauli gibt es tatsächlich ein paar Clubs, in denen man fast das ganze Jahr so gut feiern wie im Kneipenkarneval der Südstadt. Nur die verkleideten Menschen dazu – die fehlen noch, dafür gibt es hier in Hamburg einfach noch nicht genug Kölner im Exil.

Leserbrief an footage

Autor: Arne Jens

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