Footage - Magazin für Fußball und Popkultur



09.02.2012 02:12:53

Sportlerkarrieren

Natürlich wäre ich gerne Trainer für argentinischen Tango geworden - oder argentinischer Nationaltrainer. Da wäre ich nicht so wählerisch gewesen. Aber: Es fehlen wichtige Voraussetzungen.
Für den einen Job bin ich nicht drogensüchtig und dick genug, ich habe nicht einmal eine Rückennummer. Für den anderen Job - nun ja, sagen wir es mal so... Tango hielt ich bis vor kurzem für eine Gesichts- und Körpermaske in einem teuren Wellnessbereich eines Spitzenhotels. Seele baumeln lassen und dann: Tango-Packung. Klitsch-Klatsch, rein ins Gesicht. »Einmal Tango«, »120 Euro, bitte«.
Nun ist Tango gar keine Packung, sondern ein Tanz, habe ich mittlerweile auch mitbekommen. Er wird gerne getanzt, ganz besonders gerne da, wo man es nie hinkriegt, also hier, im argentinischen Steakhaus Europas. Ungelenkes welkes Fleisch trifft traurige Musik und Sehnsucht. Eigentlich ein Sport für mich.
Da ich aber nicht gelangweilt genug von meinem Leben bin, werde ich nicht mehr versuchen, mit vierzig etwas zu lernen, was man mit vierzehn schon hätte können müssen:. Tango tanzen eben. Mit all dem Beinhakeln, Rumdrehen, den Brusthaaren und den sehnsüchtigen Blicken.
Nur: Etwas überhaupt nicht zu können, ist immer ein schlechter Berater, wenn man Trainer darin werden will. Nicht Tango tanzen zu können, endet daher meist darin, auch nicht Tango-Tanz-Trainer zu werden. Das ist der Lauf der Dinge, die Regel. Aber: Keine Regel ohne Ausnahme.
Ich sage jetzt mal: Michael Frontzeck. Das ist ein Mann, der sogar mit Auszeichnung eine Ausbildung gemacht hat, zum Trainer, in Köln, in Sachen Fußball. Und dennoch. Michael Frontzeck ist der Mann, der bislang jeden Verein klein gekriegt hat. Ob in Gladbach, Hannover, in Aachen oder in Bielefeld - der Mann bleibt nie bis zum Ende, weil das Ende ist meist schon vor ihm da und er dann nicht mehr lange.
Er ist mein Vorbild, mein Anker, meine Lichtgestalt. Allein Frontzeck gibt mir Halt in den Stunden des Dunkels, wo ich weder ein noch Verein weiß, wo ich beginne, an meiner eigenen Trainerlaufbahn zu zweifeln. An meiner eigenen Inkompetenz quasi zu zweifeln anfange.
Ob Michael Frontzeck noch Beinhakeln kann, wie damals, als Linksverteidiger bei Borussia Mönchengladbach, weiß ich nicht. Ob er Tango tanzen kann? Keine Ahnung! Aber mich würde es nicht wundern, wenn er eines Tages als argentinischer Nationaltrainer oder aber als Inhaber einer argentinischen Tango-Tanzschule reüssiert.
Ich werde mich dann an seine Seite gesellen - als Co-Trainer. Ich werde ihm zuflüstern: »Michael, ich möchte einmal so werden wie Du. Komplett erfolglos - ohne eine Ahnung, aber auch ohne Angst. Furchtlos und haarlos. Ich möchte Trainer sein, um des Trainings willen. Weil ich dann gut bezahlt auf einer Bank sitzen darf, während draußen junge Menschen das versuchen, was sie mit vierzehn schon hätten können müssen, um wirklich mit dabei zu sein. Tango oder Fußball - das ist mir egal... und gibt es nicht auch einen Fußball, der Tango heißt?

Leserbrief an footage

Autor: Ismael Fischmord

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