Er hat es wieder getan. Tim Wiese hat wieder gegen seinen Lieblingsgegner gewettert. Im Gegensatz zum DFB-Pokal-Halbfinale wartete Tim Wiese mit seinen Verbalattacken nun allerdings so lange, bis der (neugeschaffene) Erz-Rivale, der Hamburger SV, mit Brief und Siegel als Verlierer vom Platz gegangen war, bevor er lautstark die Werder-Fans zu einem „Scheiß HSV“ anheizte.
Im Fußball-Fachjargon lässt sich das wohl als „Nachtreten“ bezeichnen. „Unsportlich“ sagen manche. „Fairplay“ fordern andere. „Entertainment“ würde ich es eher nennen.
Kanalisiert diesmal nicht durch die Medien, sondern in Form von kämpferisch-martialischen Fußballschlachtenparolen durch ein Medium, genauer gesagt ein Megaphon. Der direkte Draht zu den Fans sozusagen. In einer Industrie, die genau aus diesem Grund Milliarden umsetzt, Minder- aber auch Überbemittelte regelmäßig zu Multimillionären macht und noch dazu für Gesprächsstoff sorgt, sodass sich durch eine geschickt getimte Trainerentlassung sogar die Schweinegrippe aus den nationalen Headlines vertreiben lässt. Dem Publikum, als großes Ganzes gesehen, dürfte es egal sein. Hauptsache, es rührt sich was.
Denn auch wenn sich die Fans des Hamburger Sport-Vereins in diesem Fall offiziell als sogenannte Leidtragende bezeichnen lassen, so kann der Fußball auf Typen wie Tim Wiese unter gar keinen Umständen verzichten. So handelt es sich nämlich aller Augenwischerei zum Trotz um nichts anderes als eine reine Unterhaltungsindustrie, wenn Millionen von Zuschauern samstäglich in die Stadien pilgern, im Fernsehen gespannt die Spiele verfolgen und dabei noch von Emotionen gebeutelt werden, für deren Erwirkungsformel jede Ehefrau zu Hause ein Vermögen geben würde. Darin liegt er ja, der Nutzen, den die Gemeinschaft aus den begnadeten Ballakrobaten zieht und ohne den aus einem Jürgen Klinsmann sicherlich nicht mehr geworden wäre, als ein frühaufstehender Bäckergeselle in der elterlichen Bäckerei. Dass dieser damit wie kaum ein anderer den römischen Grundsatz „Brot und Spiele“ vereinen würde, sei dahingestellt. Fakt ist, wenn Fußball nicht unterhalten würde, läge die Industrie am Boden. Es gäbe eigentlich gar keine solche Industrie.
Als Tim Wiese also seinen kürzlich fertig gestellten Adonis-Körper auf die Sicherheitsabsperrungen vor dem eigenen Fanblock wuchtete und schnurstracks das Megaphon des Bremer Obercheerleaders in die Hand gedrückt bekam, handelte er somit ganz im Sinne seines Berufsbilds: Polarisieren, emotionalisieren und vor allem entertainen. Anstelle einer Strafe hätte ein Vollprofi wie er also eigentlich eine Prämie verdient, denn zusätzliche Unterhaltungselemente könnten der international nachhinkenden Bundesliga mit Sicherheit nicht schaden. Vielleicht sollte der DFB sogar das nationale/internationale Fernsehgroßkaliber Bruce Darnell als Berater mit ins Boot holen: Mehr Drama Baby!
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