Footage - Magazin für Fußball und Popkultur



09.02.2012 02:23:47

Der digitalisierte Fan

Vom Leistungszentrum zum One-Touch-Football, über ein sogenanntes orthopädisches Screening zu einem Acht-Stunden-Tag inklusive Sprachkursen und Betreuung durch einen achtköpfigen Trainerstab bis hin zu Landon Donovan – die Liste der fußballerischen High-Tech-Errungenschaften reißt in dieser Saison nicht ab. Als regelrechter Quantensprung lässt sich schon fast bezeichnen, was der Bundesliga unter dem Vorreiter Jürgen Klinsmann in dieser Spielzeit bereits widerfahren ist. In welche Richtung dieser Sprung vom FC Bayern vollzogen wurde, sei allerdings dahin gestellt, denn wie bei allen neuen Errungenschaften stellt sich auch unter Jürgen Klinsmann ein Nebeneffekt ein, der den mitgliedsstärksten Fußballclub Deutschlands hart treffen könnte: Der digitalisierte Fan.
Wenn man nun als Bayern-Fan schon immer gewohnt war, fußballtechnisch im Groben und Ganzen nur einen Zustand zu kennen, so war dieser meist empfundene Zustand wenigstens Freude. Freude über die Meisterschaft, Freude über den DFB-Pokal oder, in der guten alten Zeit, sogar Freude über den Champions-League-Triumph. Und in den Jahren, in denen einer oder mehrere dieser Titel nicht eingefahren werden konnten, ließ sich eine DFB-Pokal-Niederlage mit der Meisterschaft aus dem Gedächtnis wischen und die langen Dürrejahre in der Champions League mit den hohen Gehältern rechtfertigen, die in England gezahlt werden.
Doch seit Jürgen Klinsmann ist nun alles anders. Er modernisiert, er polarisiert und im Hinblick auf Bayern-Fans digitalisiert er sogar. Genauer gesagt bereichert er sie um einen zweiten, komplett neuen, Gefühlszustand: Trauer. Hervorgerufen durch einen Fußball der keinen Spaß macht, eine Taktik die offensichtlich nicht aufgeht und ein scheinbar angewachsenes Grinsen, das ehrlich gesagt auf den Geist geht. Ließ sich gegen Lissabon mit vermeintlich veralteter (sprich: Hitzfeldscher) Kompakt-Defensiv-Taktik noch der alte Zustand der Freude empfinden, so driftete man gegen Werder Bremen umgehend wieder in den zweiten modernen Zustand der Trauer ab. Das Moderne daran? Dass es in der heutigen Zeit der Wirtschaftskrise sowieso nichts zu lachen gibt und die Erkenntnis, dass sich eine Meisterschaft nicht ergrinsen lässt. Vielleicht hätte man doch Rudi Völler verpflichten sollen, der hat es mit der Nationalelf wenigstens bis ins Finale geschafft...

Leserbrief an footage

Autor: Korbinian Hamberger

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