Gestern habe ich im Fernsehen ein Fußballspiel gesehen. Bayern München trat gegen Borussia Dortmund an. In der Halbzeitpause wurde ins Studio zurückgeschaltet. Dort stand der Moderator mit einem Experten. Der Experte hieß Franz Beckenbauer. Moderator und Experte schauten sich noch einmal die bemerkenswertesten Szenen der ersten Hälfte an. Neben zwei schönen Toren war das vor allem ein Zweikampf zwischen Miroslav Klose und einem Dortmunder Spieler mit dem seltsamen Vornamen Kevin-Prince. So nennen einen Eltern, wenn ihnen Rolf-Christel zu gewöhnlich klingt. Beim erwähnten Zweikampf war der Herr Boateng, wie Kevin-Prince gottseidank außerdem heißt, volle Wumme auf den Oberschenkel des Herrn Klose getreten, der auf dem Boden lag. Herrn Klose schmerzte dies und er beschwerte sich lautstark. Die Szene war während des Spiels im Fernsehen etwa achtmal aus allen erdenklichen Perspektiven wiederholt worden; in der Halbzeitpause beim Expertengespräch mit Franz Beckenbauer sicher noch weitere fünfmal. Es war deutlich zu erkennen, daß der Tritt nicht absichtlich in Richtung von Kloses Oberschenkel ging; der Herr Boateng wußte im Sprung offensichtlich lediglich nicht wohin mit seinem Fuß. Es war ihm einfach nicht möglich, noch ein paar Sekunden oberhalb der Grasnarbe in der Schwebe zu verharren, bis Klose vielleicht unter ihm weggerobbt wäre; das hat er dem Physiker Newton und dessen albernem Schwerkraftgesetz zu verdanken.
Der Schiedsrichter hat die Aktion nicht geahndet, weil er die Situation ähnlich interpretiert hat. Franz Beckenbauer aber hatte anderes ausgemacht. Er sprach von einer klaren Tätlichkeit und davon, dass die Herren des DFB-Schiedsgerichts (oder wie auch immer die Instanz heißt, die Spieler nachträglich sperren kann) sich das gewiss noch einmal ganz genau ansehen würden und den Herrn Boateng dann für längere Zeit vom Bundesligaspielbetrieb ausschließen sollten.
Man muss wissen, dass Franz Beckenbauer die Lichtgestalt des deutschen Fußballs ist. In seiner aktiven Zeit war er ein Fußballkünstler wie sonst nur noch der Herr Pele in Brasilien und der Herr Best in England. Niemand sah am Ball so elegant aus wie er, und niemand konnte über fünfzig, sechzig Meter so zentimetergenaue Pässe in den Lauf spielen. Als Franz Beckenbauer aufgehört hat mit dem Fußballspielen, schuf man für ihn zunächst den Posten des Teamchefs, danach wurde er Funktionär. Als ersterer schlug er 1990 im Weltmeisterschaftsfinale die Argentinier, und als Funktionär holte er das Sommermärchen nach Deutschland, und das muss man als Konkurrent von Südafrika und der dortigen Lichtgestalt Nelson Mandela erst einmal schaffen.
Seitdem darf Franz Beckenbauer, immer umrahmt von Werbespots, die Franz Beckenbauer beim Tradition-Lebensfreude-und-Zuversicht-Ausstrahlen zeigen, jede Unbedarftheit, die ihm gerade einfällt, ungestraft in jede Kamera erzählen. Und Franz Beckenbauer kann sehr unbedarft sein, und es gibt viele Kameras in seiner Nähe. Niemand kritisiert ihn. Alle verdrehen die Augen und dann sagen sie: tja, der Franz. So isser halt. Als Piusbruder könnte Franz Beckenbauer vielleicht sogar in der Bildzeitung den Holocaust leugnen, und der Staatsanwalt würde die Stirn kraus ziehen und sagen, ja mei, der Franz, er kanns net wissen, er war ja net dabei.
Nach dem Spiel wurde auch Jürgen Klopp interviewt. Herr Klopp ist der Trainer von Borussia Dortmund. Er ist in Deutschland äußerst beliebt und gilt als integrer Mensch und fairer Sportsmann. Man traut Herrn Klopp zu, die Tätlichkeit seines Spielers zuzugeben, wenn sie denn geschehen ist. Herr Klopp sagte, es sei eine Frechheit, dem Herrn Boateng beim erwähnten Zweikampf Absicht zu unterstellen.
Dann sprach der Moderator noch mal mit Franz Beckenbauer. Der Franz meinte ungefähr, er habe ja weißgott nicht gefordert, dass der DFB etwas unternimmt; das sei ja nicht seine Sache, so etwas zu fordern.
Ja mei, der Franz. So isser halt.
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