Footage - Magazin für Fußball und Popkultur



30.07.2010 18:57:11

Blutende Herzen

Mitten im Existenzkampf der Regionalliga wird Preußen Münster 100 Jahre alt

Es gibt Bundesliga-Dinos wie den Hamburger SV, klassische Fahrstuhlmannschaften wie den VfL Bochum und es gibt Vereine, die nie wieder zurückkehren ins Rampenlicht. Das Paradebeispiel für ein solches Team ist der SC Preußen 06 e.V. Münster, Gründungsmitglied der Bundesliga und heute Regionalligist. In diesen Tagen feiert der Traditionsverein sein hundertjähriges Bestehen. Der Ruhm ist längst verblasst. Auf den Sportseiten der Republik taucht der Klub kaum noch auf, höchstens im Tabellenteil, aber unter wahren Fans hat der Name noch immer einen guten Klang. „Man denkt an Münster und assoziiert das sofort mit Preußen“, sagt Trainer Hans-Werner Moors, der schon in den 70ern als Spieler die Klubhistorie mitprägte.


Mancher Insider bekommt gar ein Glänzen in den Augen, denkt er an 1951. Damals standen die Westfalen sogar im Endspiel um die Deutsche Meisterschaft. Vor 107.000 Zuschauern trafen die Adlerträger im Berliner Olympiastadion. auf den 1. FC Kaiserslautern mit dem späteren Weltmeister Fritz Walter. Die münstersche Identifikationsfigur Fiffi Gerritzen schoss seine Farben zwar mit 1:0 in Front, der FCK wendete das Blatt aber noch durch zwei Treffer von Ottmar Walter. Preußen wurde Vizemeister, der größte Erfolg in der Klubgeschichte. „Die Namen von damals wie Preißler, Rachuba und Lammers sind hier noch in den Köpfen“, erzählt Wandervogel Ansgar Brinkmann, der nach 13 Profistationen zum dritten Mal in Münster gelandet ist.

Im Jahr 1963 gehörte der SCP zu den Auserwählten, die in die Bundesliga aufgenommen wurden. Aufgrund eines einzigen Punktes, den man weniger hat als Hertha BSC Berlin, stieg Münster jedoch sofort wieder ab. Danach folgte eine Durststrecke. In der 2. Liga Nord gehörten die Preußen zwischen 1976 und 1979 zu den besten Teams, scheiterten aber mehrmals knapp am Aufstieg in die Bundesliga. Die Preußenfans denken gerne an diese spannende Spielzeit zurück, in der man Klubs wie St. Pauli, Bayer Leverkusen und Hannover 96 regelmäßig hinter sich ließ. Das Spiel des SCP dominierten damals Vereinsikonen wie Dietmar Linders, Werner Fuchs, Klaus Wolf, Benno Möhlmann, Hans-Jürgen Gede und Rolf Blau.

Das Interesse am Fußball war im Münsterland in dieser Zeit enorm. Der 4:1-Erfolg über Borussia Dortmund im Mai 1976 vor 40.000 Menschen ist inzwischen Legende. „Am Ende waren wir dennoch der doofe Dritte. Traurig, dass wir es nicht geschafft haben, trotz neun Spielern mit Bundesligaerfahrung im Team“, erinnert sich Moors. Moors, der heute wieder Trainerbank sitzt, hat den Verein nie aus den Augen gelassen. Es folgt eines der dunkelsten Kapitel der Vereinsgeschichte. Ende der Siebziger Jahre sind die Preußen mehr als pleite. Nicht zuletzt dank der Spendenbereitschaft der Münsteraner Bürger kann der Ruin so gerade noch abgewendet werden. Zu dieser Zeit versuchte Jürgen W. Möllemann mehrmals, Präsident des Vereins zu werde. Doch gewählt wurde jeweils ein anderer.


Nach der verpassten Qualifikation für die eingleisige zweite Liga (1982) kehrten die Preußen nach zähen Jahren in der Amateur-Oberliga erst 1989 in den Profifußball zurück. Zwei Jahre darauf stiegen die Adlerträger schon wieder ab. Seither wartet man im Münsterland auf eine Wiederauferstehung an der Hammer Straße. Die erträumte Renaissance war lange Zeit eng verknüpft mit der Hoffnung auf eine neue Arena, schließlich gehört das 1926 erbaute Preußen-Stadion zu den marodesten Spielorten Deutschlands. „Sentimental betrachtet ist es ist eines der ganz wenigen Stadien, die noch den echten Bundesliga-Geruch von 1963 atmen“, schreibt dazu das Onlinemagazin „Preußenfieber“. Doch trotz Unterschriftenlisten, Fanprotesten und Bürgerinitiativen scheiterte das Projekt „Preußen-Park“ im Dezember 2000 an juristischen Hürden – ein Anwohner hatte wegen der drohenden Lärmbelästigung geklagt. „Dieser Gerichtsentscheid war ein schwerer Schlag für den Verein, davon hat er sich nicht mehr erholt“, bedauert SCP-Geschäftsführer Stefan Grädler.

Immer wieder brachte der Klub gute Spieler hervor, die sich dann bei diversen Bundesligavereinen einen Namen machten: Ralf Zumdick (VfL Bochum), Maurice Banach (1. FC Köln), Uwe Leifeld (VfL Bochum), Christoph Metzelder (Borussia Dortmund) und zuletzt Christian Pander (Schalke 04). Markus Happe ist Münsteraner, war sechs Jahre bei den Preußen, spielte danach für Leverkusen, Schalke und Köln, ist heute Abwehrchef bei Kickers Offenbach. Auch ihm geht das Schicksal des Provinzklubs nahe. „Montags schaue ich immer wehmütig auf die Tabelle der Regionalliga Nord“, sagt er. Dort dümpelt der Klub seit Jahren perspektivlos herum. Zum dritten Mal hintereinander stecken die Preußen mitten im Abstiegskampf. Die Kontrahenten heißen Wattenscheid 09, Rot-Weiß Erfurt und Werder Bremen II. Es droht das Niemandsland der Oberliga. Beim Gedanken daran, blutet jedem Preußenfan das Herz.


Geschäftsführer Grädler und Präsident Marco de Angelis suchen dringend neue Sponsoren. Der Etat für die Mannschaft liegt derzeit bei 1,2 Millionen, da fehlen jedes Jahr 400 000 Euro. Zudem gilt es, jährlich etwa 250.000 Euro Verbindlichkeiten zu tilgen und das ist in der Regionalliga sehr schwierig. Angehäuft wurden die Schulden in den 80er und 90er Jahren. „Sowas geht immer zu Lasten der sportlichen Qualität, ein Grundübel der letzten 20 Jahre beim SCP“, stöhnt Grädler. Eigentlich müsste das Ziel sein, in die Regionalligaspitze vorzudringen, aber mit ihrer Stadionruine, dem viel zu jungen Kader und dem fehlenden Supermäzen erscheint die Zukunft der Preußen ungewisser denn je. „Aufgrund dieser Standortnachteile sind wir nicht wettbewerbsfähig“, offenbart Grädler. Die Führungsriege ist ein bisschen ratlos, wie sie den Klub auf Erfolgskurs bringen soll. Rund um das schmucklose Vereinsgelände klingt irgendwie alles aussichtslos für den SCP, doch in die melancholische Endzeit-Stimmung mischen sich auch Trotz und Stolz.

Preußen ist schließlich ein Mythos, der Klub steht, zumindest regional, stark im Fokus der Öffentlichkeit. „Münster ist ja eine absolut fußballverrückte Stadt“, weiß Urpreuße Ralf Zumdick, heute Co-Trainer beim HSV. Der kleinste sportliche Erfolg wird hier sofort angenommen. Das macht für viele den Reiz dieser Adresse aus, auch für Ex-Bundesligastar Brinkmann. Anderswo galt der 36-Jährige meist als Querulant und Abzocker, hier ist er ganz mit dem Herzen dabei. Er wird nicht mehr lange spielen, will anschließend dem Klub im Management weiterhelfen. „Es ist mir wichtig, dass dieser Verein vorankommt“, betont der blonde Fintenkönig. Er kenne viele Spieler, die nur ein Jahr hier gespielt haben, und dennoch am SCP hängen. Fast so verrückt wie die Fans. Brinkmann: „Die zahlen nicht Eintritt, weil sie Fußball sehen wollen, sondern weil sie Preußen Münster lieben“.

Autor: Erik Wegener

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