Wer mit 18 Jahren nicht die Spex liest, mag keine gute Musik. Wer sie mit 38 immer noch liest, hat wahrscheinlich zu viel Zeit. So könnte man die Bedeutung der wohl wichtigsten Musikzeitschrift hierzulande auch beschreiben.
Ihren 25. Geburtstag hat sie schon im letzten Herbst feiern dürfen, aber jetzt erst gibt es ein angemessenes Jubiläumsheft. Mit einer DVD cooler Videos und vielen Interviews mit Persönlichkeiten, die über zahlreiche Zweifel erhaben sind. Aber Interviews waren noch nie die Stärke der Spex.
Früher war diese Zeitung tatsächlich eine Pflichtlektüre. Sie half nicht nur bei der Entdeckung der coolen Musik, die keiner kennt. Sie bewies auch, dass Madonna alles nur kein Mainstream ist und dass Abba-Songs große Gefühle wecken können - wenn man sie in die richtigen Hände legt.
Vor allem aber stand die „Spex“ für mutigen Journalismus. Sprache war nur am Rande zum Beschreiben und in der Hauptsache zum Ausprobieren da. Neben die bis heute existierende theoretisch-studentische Soziologie-Hermeneutik-Soße, gesellten sich großartige Artikel. In den 80er Jahren sammelten sich in der Spex Hunderte von Sätzen an, die man gerne zweimal las, und so hätte man ihrem ohnehin schon beeindruckenden Hochformat damals immer gern ein paar zusätzliche Zentimeter Wachstum gegönnt.
Um heute eine ähnliche Anzahl gelungener Texte aufzutreiben, müsste man sich wahrscheinlich durch einen ganzen Bahnhofskiosk wühlen. Das „Geburtstagskind“ selbst würde einen bei dieser Mammutsuche aber leider nicht wirklich weiter bringen.
Das Magazin für Popkultur ist mittlerweile immerhin, aber eben auch nicht mehr als ein wichtiger Gradmesser, dem niemand die Kompetenz absprechen kann. In seinen Worten sind das Besondere und das Talent irgendwann in den letzten Jahren verloren gegangen. Heute ist eine CD-Kritik in der „Spex“ eine CD-Kritik. Früher konnte diese Rubrik auch etwas ganz anderes - manchmal sogar etwas besonderes - sein.
Ein paar Mal im Jahr dient mir die Spex heute noch als Zugabe für die nächste Bahnfahrt. Aber meistens fehlt mir für sie einfach die Zeit.

