Footage - Magazin für Fußball und Popkultur



30.07.2010 18:57:04

Das Ende der Fanfreundschaften

Schalke mit Nürnberg. Stuttgart mit Cottbus. Frankfurt mit Duisburg. Köln mit St. Pauli. Aber auch Duisburg mit St. Pauli. Und 1860 München mit St. Pauli sowieso. Was sich anhört, wie ein undurchdringbares Geflecht aus Städtepatenschaften, ist in Wirklichkeit ein ernstes Thema der 90er: Fanfreundschaften.

Aber was sind Fanfreundschaften eigentlich? In den wilden 70ern mußte man nämlich während eines Stadionbesuches noch ernsthaft um seine Gesundheit fürchten, wenn man nicht bei Be-kanntgabe sämtlicher Halbzeitergebnisse kategorisch die anderen Vereine lautstark auspfiff. Anno 1978 reichte selbst ein anerkennendes Nicken über die 2:1-Halbzeitführung des SV Werder beim HSV aus, um den Südkurven-Mob des Münchner Olympiastadions gegen sich aufzubringen.

Da in den 70er- und 80er-Jahren die Gewalt in den Stadien immer weitere Kreise zog, war es sehr bald gefährlich, sich auf Auswärtstouren zu begeben. Nicht nur Auswärtsfans, die zu dieser Zeit Spiele ihrer Teams in Köln oder auf Schalke miterlebten, können noch heute über Vorfälle berichten, die den Veteranenberichten aus Stalingrad in nichts nachstehen.
So war es nur allzu logisch, daß sich Fans Verbündete in der Ferne suchten, um auch auswärts in angemessener Personalstärke bestehen zu können. Und so staunten in den Anfangstagen die Nürnberger Spieler nicht schlecht, als sie bei ihren Spielen im Ruhrgebiet ständig von einer ansehnlichen Zahl Schalker Fans unterstützt wurden.
Recht bald entwickelten sich zahlreiche Freundschaften. Einige resultierten aus einem konkreten Ereignis (1978 gewann der 1.FC Köln mit 5:0 bei St. Pauli und konnte sich so trotz des 12:0 Erfolges der Gladbacher die Meisterschale sichern. Im Anschluß gab es ein rauschen-des Fest zwischen FC- und Pauli-Fans, welches das Fundament für die gemeinsame Fan-freundschaft war).
Andere Freundschaften basierten lediglich darauf, daß einige Kuttenträger der Heim- und Aus-wärtsmannschaft gemeinsam am Bierstand gesehen wurden und sich prächtig unterhielten.

Weitere Freundschaften erschienen da ein wenig skurriler: Bayern und Bochum? Haben sich da zwei Übriggebliebene zusammengetan? Das kleine Wattenscheid und der große HSV? Der Underdog Kickers Offenbach und der Fast-Meister Bayer Leverkusen? (Wobei zur Ehrenrettung beider Vereine erwähnt werden muß, daß diese Freundschaft aus einer Zeit - 1981 - stammt, als beide sportlich nicht so weit auseinander lagen. Leverkusen war ständiger Gast der Bundesliga-Abstiegsränge und Offenbach ein Spitzenteam der 2.Liga.)

Doch wie so oft, wurde der Kult bald zu einem Massenphänomen und zur Modebewegung. Nicht mehr die Fans entschieden, mit wem sie befreundet waren, sondern die Fanartikelindustrie. Kaum nachvollziehbare Verbindungen wurden nun den potentiellen Käufern angeboten. Welcher Dortmund- oder Bayern-Anhänger konnte 1995 ernsthaft einen BVB-/FCB-Freundschaftsschal tragen? Wer spottete Mitte der 90er nicht auch über die Dortmunder, die scheinbar mit gefühlten 82% aller Bundesligateams befreundet waren?

Auch in den Kurven wurde es zusehends unruhiger. Mußten nun alle Löwen-Fans plötzlich bedingungslos den 1.FC Kaiserslautern vergöttern? Sollten Löwen-Fans die Lauterer nun auch auswärts unterstützen? Durch die Fanfreundschaften entstanden zum Teil tiefe Gräben in den Kurven, wie das Beispiel 1860 München zeigt: Dort stritten sich zum Teil handfest die Kaiserslautern-Sympathisanten mit den 60er-Fans, denen St. Pauli näher stand. Und dann war man ja auch noch mit Austria Salzburg und Borussia Dortmund befreundet.
Das völlige Chaos stand unmittelbar bevor.

In einer Art Selbstreinigungsaktion und ohne steuernde Impulse von außen besannen sich die Fans kurz nach der Jahrtausendwende wieder auf ihren eigenen Verein. In der Halbzeit mußte nicht mehr auf die Resultate befreundeter Klubs geschielt werden, sondern es zählte lediglich das eigene Team. Endlich war die Fan-Landschaft wieder übersichtlich und keinem neu hinzukommenden Fußballinteressenten mußten komplizierte Querverbindungen zu anderen Vereinen erklärt werden. Selbst aus den Fanshops sind die Freundschaftsschals mittlerweile verschwunden.

Eine Art besonderen Humor bewiesen allerdings die Fans von TeBe Berlin: Nachdem mit ihnen trotz intensivster Suche kein Verein eine Freundschaft eingehen wollte, ließen sie trotzdem Freundschaftsschals anfertigen ... und die zweite Hälfte des Schals blieb in strahlendem Weiß frei. "Sollte sich doch noch ein Verein finden, werden wir natürlich sofort nachbessern lassen.", gaben sie zu Protokoll.

Autor: Jörg Scharnweber

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