footage: In deinem Buch kommen viele weibliche Fußball-Fans zu Wort. Wie ist denn deine Beziehung zum Fußball im allgemeinen und zu Borussia Dortmund im besonderen entstanden?
Nicole Selmer: Meine Fangeschichte ist eigentlich relativ untypisch, ich bin als Kind so mit 12 Jahren über Fernsehfußball sozialisiert worden. Ich komme aus Flensburg und da gab es jetzt nicht so einen großen Verein, zu dem man mal eben hingegangen ist. Bei mir war es dann halt eher so dieses klassische WM-Gucken. Bei der WM 82 fand ich zum Beispiel Karl Heinz Rummenigge ganz toll...
footage: Aber der war ja bei Bayern...
Nicole: Der war bei Bayern...aber damals war bei mir alles noch nicht so ausdifferenziert. Auf jeden Fall habe ich mich nach der WM auf einmal für die Bundesliga interessiert, und da spielte dann das Radio eine ganz große Rolle. Da habe ich samstags alleine vorgehockt, weil es sonst auch niemanden gab, der das auch gemacht hätte. Und abends habe ich dann, bevor ich tanzen gegangen bin, manchmal das Aktuelle Sportstudio geguckt. Vielleicht habe ich das auch alles gemacht, weil es so was eigenes war, denn meine Freundinnen fanden diese Fußballgeschichte natürlich eher komisch.
footage: Und wie ist es dann zu Borussia Dortmund gekommen?
Nicole: 1989 bin ich nach Hamburg gezogen und da gab es dort die erste große St. Pauli-Euphorie. Aber das ging bei mir irgendwie nicht, ich fand die ganz gut und war auch traurig, als sie abgestiegen sind, aber das war es dann auch schon...
Und Dortmund kam dann Anfang der 90er, die konnte man im UEFA-Cup sehen, und dann hat bei denen auch noch Michael Rummenigge mitgespielt....Und dann kamen die großen Erfolge, durch die sich meine Zuneigung verfestigt hat, und nach dem Champions League-Sieg wusste ich - das war´s jetzt für lange Zeit, da gab es dann kein Zurück mehr.
footage: Ein Kapitel in deinem Buch heißt „Wenn Frauen sich in Fußball verlieben“. Bei vielen Aussagen der befragten Frauen ist aber „nur“ von Faszination oder Interesse die Rede, selten von Liebe. Ist es für Frauen schwieriger Fußball zu lieben?
Nicole: Dieses Wort „Liebe“ ist ja eigentlich erst durch Nick Hornby ins Spiel gekommen. Ich würde mal sagen, dass vor Hornby auch kein Mann von Liebe im Zusammenhang mit Fußball gesprochen hat. Aber es stimmt, dass Frauen in meinem Buch nie wirklich von Liebe sprechen...obwohl die Symptome ja dieselben wie bei Männern sind. Frauen sind natürlich auch ganz aufgeregt, wenn sie ihren Verein spielen sehen.
footage: Bei Männern, die selbst kicken, geht es ja auch um die Liebe zum Spiel an sich und nicht nur zu einem Verein? Wie stark ist die bei Frauen ausgeprägt?
Nicole: Natürlich ist diese Liebe in den meisten Fällen zunächst mal nicht so stark ausgeprägt, wenn die aktive Fußballerfahrung fehlt. Ich glaube aber, dass sich das verändern wird, weil einfach immer mehr Frauen selber Fußball spielen werden.
footage: Fehlt den nicht spielenden weiblichen Fans die Identifikationsmöglichkeit mit einzelnen Spielern?
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Nicole: Es gibt natürlich auch für Frauen so eine Art Identifikation, es gibt sogar auch Vorbilder, aber das Ganze funktioniert natürlich schon anders als bei Männern. Das mischt sich dann einfach mehr mit einem persönlichen Element oder der Frage, ob man jemanden auch attraktiv findet.
Aber bei mir spielt zum Beispiel auch die Position des Spielers eine große Rolle. Also ich mag halt einfach Mittelfeldspieler. Stürmer und vor allem auch Torhüter, die Frauen ja angeblich immer so toll finden, interessieren mich eigentlich gar nicht. Mittelfeldspieler verkörpern für mich einfach am ehesten das, was ich am Fußball allgemein so toll finde, das Spielerische. Also mein großer Favorit ist eigentlich Bernd Schneider.
footage: Würdest du Bernd Schneider auch ein Tor gönnen, wenn er es gegen Borussia Dortmund erzielt?
Nicole: Nee, das geht natürlich nicht. Es gab allerdings mal Gerüchte, dass Bernd Schneider zu Dortmund wechseln würde – das war dann fast zuviel für mich. Aber ihm ein Tor gegen meine Borussia gönnen? Nein...außerdem finde ich Dede auch super.
footage: Die Sportjournalistin Katrin Weber-Klüwer sagt, dass sich eine Frau immer nur als Fußballfan zweiten Grades fühlen kann - so wie ein Einwanderer in seinem neuen Heimatland. Siehst du das auch so?
Nicole: Da ist natürlich schon was wahres dran. Auch für mich war es irgendwie traurig, wenn ich am Montag nach einem Bundesliga-Wochenende mit niemandem so richtig über meine Fußballerlebnisse reden konnte. Und diese Außenseiter-Position hält natürlich auch heute noch viele Frauen vom Fußball weg. Aber natürlich kann diese Situation auch einen Reiz haben, weil man durch das Interesse für Fußball etwas Besonderes ist. Also ich finde es selber manchmal ganz gut, wenn man mit diesem Überraschungsmoment, dass man sich für Fußball interessiert, spielen kann.
footage: Nick Hornby spricht von einer „anal fixierten“ Herangehensweise der Männer an den Fußball und meint damit eine Detailversessenheit, die es für Männer aber auch in anderen Hobbys wie der Musik gibt. Männer wissen also, wer auf dem 82er Album Bass gespielt hat und wer damals in der 82. Minute das Tor geschossen hat. Wann gehen Frauen so ins Detail?
Nicole: Na ja, wenn Frauen über ihre Freunde und Freundinnen reden. Also so in der Art „Dann hat er das gesagt, dann hat sie das gesagt, das war doch damals auf der Party...“ Frauen besitzen sicherlich keine kognitive Unfähigkeit, sich Dinge zu merken, sondern konzentrieren sich in der Detailbesessenheit eben eher auf solche Beziehungsgeschichten. Für Männer geht es wohl vor allem auch um einen Weg, die Dinge zu ordnen und dann die Kontrolle über diese Dinge zu erlangen. Das machen Frauen auch, aber eben mit anderen Dingen.
footage: Männliche Fußballfans werden immer noch schnell (oft auch von Frauen) als „Prolls“ eingeordnet? Gibt es ähnliche Vorurteile, denen sich weibliche Fußballfans ausgesetzt sehen?
Nicole: Ja, Vorurteile gibt es gegenüber weiblichen Fußballfans natürlich auch, obwohl es vielleicht gar nicht so sehr die Proleten-Ecke ist, in die man gedrängt wird. Natürlich auch, aber viele fragen uns weibliche Fußball-Fans vor allem: „Was willst du denn mit Fußball? Wieso interessierst du dich denn dafür?“ Und dann kommt oft als Nachsatz: „Das stimmt doch gar nicht, du tust doch nur so als ob. Du interessierst dich doch nur dafür, weil dein Freund Fußball-Fan ist.“ Obwohl das natürlich Quatsch ist, weil es natürlich viele Männer gar nicht toll finden, wenn sich die Freundin auch für Fußball interessiert.
footage: Finden Frauen eigentlich automatisch Frauenfußball gut?
Nicole: Es gibt viele weibliche Fußballfans, die Frauenfußball nur tolerieren sich aber keineswegs dafür interessieren. Mit dem Argument, dass Frauenfußball halt ein ganz anderer Sport sei. Aber für die Frauen, die selber Fußball spielen ist es natürlich meistens anders. Die finden ihren Sport schon klasse.
footage: Welchen Anteil hat die ansteigende kulturelle Bedeutung des Fußballs an der steigenden Popularität des Fußballs bei Frauen?
Nicole: Die hat natürlich schon ihren Anteil, obwohl es natürlich auch viele Frauen gibt, die einen klassischen Zugang zum Fußball gefunden haben. Für die wird Fußball immer mehr mit Kämpfen und Grätschen zu tun haben als mit Kultur. Aber natürlich haben die Popkulturelemente für viele Frauen den Zugang zum Fußball erleichtert. Wenn über Spieler wie Beckham in der „Gala“ geschrieben wird, dann eröffnet das natürlich neue Möglichkeiten, um über das Thema Fußball ins Gespräch zu kommen.
footage: In den Medien wird Fußball immer noch als Männersache „verkauft“. Die Sportschau wirbt damit, dass man den Papi samstags ab 18 Uhr entbehren muss, während einer Spielunterbrechung werden nur attraktive, weibliche Fans gezeigt etc.?
Nicole: Die Medienberichterstattung ist natürlich wirklich immer noch erstaunlich frauenfeindlich, vor allem wenn man bedenkt wie ignorant da mit dem weiblichen Kundenpotential umgegangen wird. Daran merkt man natürlich wie stark dieses Klischee „Fußball ist nur was für Männer“ immer noch ist.
footage: Was könnte man an der Darstellung des Fußballs in den Medien verbessern, damit Frauen sich mehr angesprochen fühlen?
Nicole: Also zum Beispiel diese Zooms auf weibliche Fans, die wenig anhaben, das ist auf jeden Fall etwas, das Frauen richtig scheiße finden. Das ist wirklich immer noch sehr peinlich.
Und natürlich ist eine Auflockerung der Präsentation des Fußballs im Fernsehen, wie sie ja praktisch bei „ran“ stattgefunden hat, für Frauen etwas interessanter, weil sie so leichter ins Thema einsteigen können. Aber ich kenne auch Frauen, die sagen, wenn zwischen den Spielen geredet wird, mach ich einfach den Ton weg.
footage: Männer kommentieren natürlich auch gerne mal die Kleidung von Monica Lierhaus. Achtet man als Frau eigentlich auf die Garderobe von Reinhold Beckmann?
Nicole: Interessante Frage, darüber könnte man natürlich vielleicht mal nachdenken, denn eigentlich sind ja Waldemar Hartmann oder Gerd Rubenbauer für Frauen absolute No-Go-Typen. Ich achte aber natürlich schon vor allem drauf, was die Moderatoren sagen, wobei Waldemar Hartmann natürlich auch nicht so viele Sachen sagt, die ich gut finde.
footage: Welche Rolle spielen Fanklamotten bei Frauen. Reicht das modische Retro-Trikot oder muss es der selbst gestrickte Fanschal sein?
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Nicole: Das ist sehr unterschiedlich. Es gibt viele, für die klar ist, dass sie ohne Trikot niemals ins Stadion gehen würden. Und das muss dann natürlich ein richtiges Trikot sein und nicht irgendeine neumodische Variante mit Girlie-Schnitt. Auf der anderen Seite gibt es natürlich auch Frauen die sagen: wenn Fanklamotten, dann sollen sie auch gut aussehen. Das hängt natürlich auch davon ab, wie sehr man in der Fußball-Tradition verhaftet ist, welche Art von Fan man ist.
footage: Wie stehen Frauen zu den Fangesängen, die ja manchmal auch richtig gehässig sind?
Nicole: Auch das hängt stark von der Sozialisation ab. Da gibt es zum Teil sehr lustige Geschichten von Frauen, die mit 8 Jahren zum ersten Mal ins Stadion gegangen sind und dann einfach mitgesungen haben, wenn es hieß: „Wen wollen wir lynchen? Bayern München“. Und dann haben sie sich ein bisschen erschrocken, als man ihnen später erklärt hat, was das wirklich bedeutet. Aber gerade für Kinder ist dieses Rumbrüllen natürlich zunächst mal ein ganz tolles Erlebnis. Und wenn man lange als Fan dabei ist, bleibt man insgesamt doch ziemlich unbelastet gegenüber Fangesängen jeglicher Art. Wenn man später dazu kommt, ist das wahrscheinlich schwieriger. Tendenziell werden Frauen wahrscheinlich nicht ganz so ausfällig, und zeigen wohl eher Mitleid mit einzelnen Spielern.
footage: Die Stadien werden immer mehr zu Erlebniswelten. Inwiefern hat das bei Frauen die Hemmschwelle für den Stadionbesuch gesenkt?
Nicole: Die Hemmschwelle für den Stadionbesuch hat sich natürlich vor allem durch die Abnahme von Gewalttätigkeiten und Ausschreitungen gesenkt. Das Ganze geht halt jetzt oft inzwischen in Richtung Familien-Event. Es gibt insgesamt ein ganz neues Sicherheitsgefühl im Stadion, und das ist sicherlich nicht schlecht, wenn jetzt praktisch auch der Rest der Gesellschaft ins Stadion eingeladen wird und nicht nur ein paar Glatzköpfe.
footage: Wie wirst du dich weiter mit dem Thema Frauen und Fußball beschäftigen?
Nicole: Ich werde mich sicherlich weiter damit beschäftigen. Ich find es auch schon wichtig, dass das Thema von Frauen aufgegriffen wird, nach dem Motto: „Hallo, wir sind da, und wir gehen auch nicht wieder weg“. Wir haben auch ein Netzwerk zum Thema Frauen und Fußball gegründet mit Frauen aus Fanprojekten und Frauen, die das Thema journalistisch oder in der Forschung behandeln. Wir haben letzten Herbst unsere erste Tagung gemacht und werden uns in diesem Jahr auch wieder treffen.
footage: Danke für das Gespräch!
Nicole Selmer, Watching the Boys Play. Frauen als Fußballfans
Agon Sportverlag, € 15
www.agon-sportverlag.de
Nicole Selmers Seite
www.frauenundfussball.de
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