Heute ist es wieder so weit. Im Kölner RheinEnergie-Stadion wird die Alemannia das nächste Spiel im Uefa-Cup bestreiten. Mir graut schon jetzt vor diesem Abend. Nicht, weil ich vielleicht Angst hätte, dass sie verlieren könnten, nein, das ist es nicht. Warum auch!? Selbst der Größenwahnsinnigste hätte nicht im Traum daran gedacht, dass sie es überhaupt jemals soweit schaffen würde. Es ist auch nicht das Wissen darum, dass das Stadion, wenn überhaupt, nur zur Hälfte gefüllt sein wird. Ein halbvolles Stadion ist man gewohnt, schließlich kickte der Klömpchensklub lange genug im Unterhaus. Es ist etwas anderes, das mich schaudern lässt. Es ist das Neue am neuen RheinEnergie-Stadion. Dieses noch Unbenutzte und Sterile. Stahl, Beton und Stahlbeton, verziert mit durchnummeriertem Hochglanzplastik. Selbst die vom Architekten sicherlich gut gemeinte illuminierte Andeutung der alten Flutlichtmasten vermag nicht über die kalte Atmosphäre hinweg zu trösten.
So ahnen wir schleichend und zunehmend sicher, was uns blüht, wenn es mit der Alemannia so erfolgreich weitergeht, wie bisher. Das Wort „Stadionneubau“ hätte gute Chancen, zum Aachener Unwort 2005 gekürt zu werden, so es denn einen solchen Wettbewerb auf lokaler Ebene gäbe. Wenn schon allein das Abmontieren der alten Stadion-Uhr zu derartigen Protest-Tsunamis der Fans führte, wie es erst jüngst der Fall war, wie soll es dann erst werden, wenn man in der Soers plötzlich einem Haufen Grillkoteletts gleich in Plastikschälchen still zu halten hat, während sich die Schwarz-Gelben unten durch den Pratsch wühlen !?
Aber so wird es kommen. Weil man sich auch oder gerade in Aachen dem Zeitgeist und vor allem den Statuten der Verbände gegenüber nicht ignorant zeigen darf. Sonst ist Schluss mit lustig. So oder so.
Genau deshalb ist der Aachener Tivoli schon jetzt ein Denkmal. Nicht nur des Fußballs wegen, der dort gespielt wird und nicht allein der Stimmung halber, die schon so manchen Ball ins gegnerische Tor beförderte. Nein, hier geht’s um mehr. Es geht um Tradition. Einmal verdrängt, bleibt nur noch die Erinnerung an den Wert, den sie birgt und der einem lange Zeit ein Gefühl von Kontinuität und Sicherheit vermittelte.
Wir leben in einer Welt des Fortschritts, und wer sich dem Fortschritt nicht beugt, gilt als ewig Gestriger. In einer Gesellschaft, in der es erstrebenswert ist, Günther Jauchs schwierige Fragen beantworten zu können, und in der man zum Star wird, weil man sich 365 Tage lang in die freiwillige Gefangenschaft eines voyeuristischen Herrn de Mol begibt, muss man mitschwimmen, um nicht unterzugehen. Eine Welt, in der ein Rennwagen fahrender KFZ-Mechaniker mehrere Millionen Euro jährlich verdient, während über vier Millionen Menschen ohne Job sind. Eine Gesellschaft, in der auch die bizarrste aller Sexvarianten absolutely safe per Cyber getätigt werden kann und in welcher der Power-Button des Rechners über Sein und Nichtsein entscheidet. Willkommen im Heute.
Wie absurd muss es da für einen Normalsterblichen klingen, wenn die Aachener schon jetzt um ihren heißgeliebten nicht überdachten Würselener Wall bangen!? Eng an eng stehen sie dort bei jedem Heimspiel beisammen. Wenn’s regnet und stürmt und man nass bis auf die Knochen wird, dann ist das eine tolle Gelegenheit, sich mit den auf dem Platz kämpfenden Jungs, dem gesamten Würselener Wall und allen vier Flutlichtmasten solidarisch zu fühlen. Das sind Momente des Glücks, nicht des Leids. Das sind Momente, in denen man weiß, dass man zu Hause ist und in denen selbst das beschissenste Wetter noch ein Gefühl von Geborgenheit vermittelt. Und wenn sich S-Block und WüWa mit abwechselnden und immer lauter werdenden TSV-Rufen gegenseitig hoch peitschen, dann ist das die schönste Musik für die geschundene Alemannen-Seele. Apropos Musik.
Erinnerst Du dich noch an deine erste LP? An den Stolz, sie nach langem Sparen und vielen Entbehrungen endlich zu besitzen? Erinnerst du dich an die Heiligkeit, die in jenem Moment lag, als du zum ersten Mal ganz vorsichtig das schwarzglänzende Rund aus dem Cover nahmst um es mit den Fingerspitzen festzuhalten und zu bestaunen? Niemals sollte ein Kratzer deinen Schatz beschädigen! Das war dein Schwur. Und in genau dem Sekundenbruchteil, als die Nadel zum aller ersten mal auf der Platte aufsetzte und der Vinyl-Staub ganz sanft durch die Boxen glitt um zuerst dein Trommelfell und anschließend deine Seele zu berühren, genau dann war sie da – die Verbindung zu deinem Star, deiner Gruppe, deinen Helden – den Idolen deiner Jugend! Das Cover in den Händen haltend versankst du in die Kissen und flogst mit jedem Klang davon. Immer weiter weg, bis du Eins wurdest mit denen, die in diesem Moment nur für dich und niemand sonst sangen.
Erinnerst du dich noch an die vielen Diens- und Donnerstage, als du die Tasche nahmst und zum Training gingst? An den Schmerz aufgewirbelter Asche in deinen Augen und das sichere Wissen um den kommenden Muskelkater? An den modrigen Geruch deiner Sporttasche, zwei Tage nach dem Training, wenn du wieder mal vergessen hattest, die nassen Handtücher und die durchschwitzten Klamotten raus zu nehmen? Du hattest deinen festen Platz in der Mannschaft und sonntags, da spieltest du für den Trainer, für deine Kumpels - und für deinen Vater. Es war eine Frage der Ehre. Darum ging’s. Um nichts sonst.
Erinnerst du dich noch an das klebrige Gemisch aus Moos und Blut, das wie eine zweite Haut ständig an deinen Knien hing, und an das schöne Gefühl, wenn du in den Ferien abends todmüde ins Bett fielst, die Beine voller Dreck, und dich auf den nächsten Tag voller Abenteuer freutest? Irgendwann wurdest du wach und warst im Heute. Wie im Flug scheint die Zeit vergangen zu sein. Zu schnell und immer schneller, um eine bleibende Spur von Sinn zu hinterlassen. Dabei scheint es so wenig zu sein, was fehlt: Staub auf Vinyl, Asche in den Augen und blutvermischtes Moos an den Knien.
Das einzige, das für mich all den Zauber von damals noch immer in sich vereint, heißt: Tivoli.
Da sind die Gerüche von nassem Gras, von feucht dampfenden Klamotten, vom Modder der Vergangenheit. Es ist, als flöge der Erinnerungsstaub aller bisherigen Spiele durch jedes Pixel Licht, das die hohen Flutlichtmasten über das Stadion verstreuen. Dort, auf den bröckelnden Stufen des immer windigen Wüwas stehend, kann ich alles vergessen. Und 90 Minuten lang einfach sein.
Noch.


