Die EURO läuft. Es ist Juni. Männer mit kurzen Hosen trauen sich seit einigen Tagen wieder auf die Straße. Diese Männer haben bereits gewonnen, wenn sie einen Platz im Straßencafé geblockt haben, meist für sich selbst und ihre Freunde. Dann wird Fußball geguckt. Das Tollste für diese Art der Fußballfans ist die Tatsache, dass der ganze Quatsch nach drei Wochen vorbei ist.
Für viele andere sieht die Sache anders aus. Für die „echten“ Fußball-Fans ist die Euro 2004 nicht mehr als ein Dessert. Etwas, dass man sich nach einer langen und schweren Bundesliga-Spielzeit redlich verdient hat. Ein paar Wochen einfachen Konsums anstelle des alltäglichen Fußballleidens.
Was der Fußball an dieser Stelle vereint, sind zwei radikal unterschiedliche Interessengruppen. Während die Fußballrezeption der „echten“ Fans eine inhaltliche, meinetwegen auch eine ästhetische ist, ist der Event-Fan lediglich am Rahmen der Veranstaltung interessiert. Das Straßencafé ist in dieser Konfiguration einfach wichtiger als das Spiel. Gern gönnt man den Italienern den Sieg über die Dänen, weil der zu erwartende Autokorso dann größer ausfällt. Der klassische Event-Fan ist demzufolge auch ganz gut bei Düsseldorf Rheinfire aufgehoben, da man dort schon ab 14 Uhr Bier trinken, und eimerweise Popkorn essen kann. Beim Besuch der „Arena auf Schalke“, kommt es dann auch nicht mehr wirklich darauf an, ob der FC Schalke gegen die Bayern oder gegen Hansa Rostock antritt - oder gleich Herbert Grönemeyer gegen sich selbst.
Damit man mich nicht falsch versteht. Ich fordere keineswegs, dass Besucher von Fußballstadien und Straßencafés sich durch tiefes Fußballwissen qualifizieren müssen, obwohl mir die Vorstellung insgeheim gefällt. Ein kleiner Mini-Jauch könnte an den Drehkreuzen der Arenen den Zugang auf jene beschränken, die Pierluigi Collina nicht für einen koksnäsigen Szene-Designer halten.
Ich gönne den Event-Fans ausdrücklich ihren Spaß. Gerne dürfen sie den Fußball als hübsches Beiwerk für Ihre sommerlichen Cocktailparties nutzen. Gerne dürfen sie schwachsinnige Lifestyletheorien über Victoria Beckham absondern und versuchen ihren mitgezerrten Lebenspartnerinnen die Abseitsregel zu erklären, die sie selbst niemals verstehen werden.
Ich ertrage es, weil ich weiß, dass es ein paar Menschen auf dieser Welt gibt, die wissen, wie es sich anfühlt, jeden Samstag mit einer schwer definierbaren Nervosität aufzuwachen, die sich jeweils gegen 17.20 Uhr in etwas verwandeln wird, von dem man vorher nicht weiß was es sein wird. Menschen, die ihre Event-Ressourcen genau einteilen müssen, weil sie wissen, dass ihnen noch eine schwere „Tour de France“ und olympische Spiele bevorstehen, bei denen die 50 km Gehen in der Regel sonntagmorgens um 9.00 Uhr beginnen.
Ich bin froh, ein paar Gleichgesinnte zu kennen, denen der Sport mehr bedeutet, als die Chance, einen kurzen Blick auf die Titten der Cheerleader erhaschen zu können.
Im Inneren weiß ich, der Event-Fan wird niemals das Gefühl haben, dass ich hatte, als Francis Kioyo den Elfmeter verschossen hat, der meine Borussia rettete. Nach einer Saison die sich anfühlte wie eine lange, schwere Krankheit.


