Die Würfel sind bereits gefallen. Am vergangenen Freitag hat eine seelenlose Recheneinheit im Auftrag der FIFA entschieden, ob ich das packende Duell zwischen dem zweifachen Champion Argentinien und dem sympathischen Turnier-Neuling von der Elfenbeinküste im Stadion verfolgen darf. Oder mir stattdessen im heimischen Wohnzimmer gestelzte Floskeln aus der reichhaltigen Sammlung des Reinhold Beckmann anhören muss. ("Das Spiel ist zu verhaftet, die 'Gauchos' wirken saturiert...")
Meinetwegen ja auch die Slowakei in ihrem letzten, vielleicht schon gänzlich bedeutungslosen Gruppenspiel gegen den Iran – ich will doch einfach nur dabei sein. Wie Millionen andere leider eben auch. Mehrere Wochen, bevor der berühmte Ziehungsbeamte, in diesem Fall Horst R. Schmidt, sich vom ordnungsgemäßen Zustand der Bestellformulare überzeugt hat, saßen wir daher konspirativ im kleinen Kreis zusammen, um den Kampf gegen die Kartenknappheit zu planen. Mit dem bescheidenen Ansinnen, "das System" irgendwie zu überlisten.
Insgesamt drei Treffen wurden abgehalten, wohl auch, weil wir die ersten beiden in allgemeiner Bierseligkeit und zugegebenermaßen wenig ergiebigen Diskussionen über "den Fußball im Wandel der Zeit" mit sinnlos erhobenen Zeigefingern verschwendet haben. Und weil auch unser kleines Organisationskomitee schließlich bemerkte, dass der 31. März unaufhaltsam näher rückte, wurde folgender Pakt geschlossen: Jeder bringt sich und drei weitere Personen, die definitiv nicht zum kollektiven Goleo-Beschimpfen in die Stadien – pardon, Arenen natürlich – pilgern wollen, in die Verlosung ein, die Beute wird dann paritätisch geteilt.
Klingt gut und minimiert zudem das Risiko, am Ende gänzlich ohne Karten da zu stehen. Doch wie treibt man auf die Schnelle drei komplette Datensätze von WM-Ignoranten auf? Gibt es die überhaupt?!?
"Schön, dass Du mal wieder anrufst, Junge." Jetzt heißt es hart sein. Zwei Minuten Smalltalk und dann irgendwie das Gespräch unauffällig auf das Thema Personalausweisnummern lenken. Sternstunde der Diplomatie, aber was tut man nicht alles für ein Fußball-Weltturnier? Doch Oma holt tatsächlich ihre Lesebrille und diktiert die ersehnte Zahlenkombination in den Hörer. Fangruppe "neutral", würde ich sagen. Danke! Überraschend zeigen sich auch meine Eltern lobenswert desinteressiert am WM-Spektakel im eigenen Lande, die 28 Tickets – zum Spottpreis von gut 1.500 EUR - können also geordert werden.
Ein letzter Schreckmoment. So zitierten die Medien am Wochenende das OK: "Unsere Sicherheitsvorkehrungen zum Schutz aller aufrichtigen Besteller griffen sehr gut. Es ist uns gelungen, einen offensichtlichen Manipulationsversuch aufzudecken." Woher wissen die denn, dass meine Großmutter nicht vielleicht doch zum Finale ins Berliner Olympiastadion möchte?!? Erleichterung, als es weiter heißt, es handele sich dabei um eine amerikanische Bestellung über gut zwei Millionen Karten, mit falschen Adressdaten. Durchatmen.
Ich gestehe: Das WM-Fieber bricht langsam aus, am Freitag, dem 22. April, soll es die mit Spannung erwartete Zuteilungsnachricht geben. In wie viele Arenen ich schließlich darf, weiß bislang nur der FIFA-Computer.
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