Sie mogeln sich auf die offiziellen Mannschaftsfotos und lungern bei der Seitenwahl grinsend im Mittelkreis herum. Sie zeigen sich stets bester Laune und winken selbst beim vierten Gegentor noch vergnügt in die Fankurve. Sie heißen Fritzle, Jünter oder Herthinho und gehören mittlerweile ebenso zum Bundesliga-Alltag wie vergebene Torchancen zu einem Spiel des SC Freiburg.
Wohlgemerkt, es geht uns hier nicht um die Generationen von Geißböcken, die seit Jahrzehnten fleißig die Tartan-Bahnen von Müngersdorf beschmutzen. Vielmehr um die fragwürdige Mode, einfach einen verschwitzten Studenten in die dickbäuchige Knuddel-Version eines mehr oder weniger vereinsnahen Vierbeiners zu stecken - und fortan "unser Maskottchen" zu nennen. Das Verhältnis zwischen den Gute-Laune-Kreaturen und dem Anhang ist nämlich längst nicht so entspannt, wie es sich die Marketing-Abteilungen erhofft haben.
Die zukünftigen Kunden – im Volksmund auch Kinder genannt - wolle man frühzeitig an den Verein binden, heißt es immer wieder. Doch genau hier liegt der Denkfehler, diese Rechnung geht spätestens dann nicht auf, wenn der Vater mit dem Sohne in der vorabendlichen S-Bahn gemeinsam den späten Ausgleichstreffer der Gastmannschaft beschweigen und ihn damit in die Gefühlswelt des Fußballfans einführen möchte, der Spross aber nur irritiert hochschaut, um zu bekennen: "Der Dino hat aber voll klasse getanzt!" Ein verantwortungsvolles Familienoberhaupt wird an dieser Stelle laut werden. "Du hast überhaupt nicht verstanden, worum es heute ging. Du gehst ohne Abendbrot ins Bett."
Vereinzelt ist es sogar schon zu direkten Übergriffen gegen die Glücksbringer gekommen. Zwei Beispiele: In den Neunzigern, als noch eine übergewichtige Hummel (?) regelmäßig durchs Hamburger Volksparkstadion brummte, schwirrte diese einmal etwas übermütig zu nah an den Fanzaun, so dass eine Handvoll hasserfüllter Gesichter mit doppelt so vielen flinken Fäusten das Innenleben des armen gelb-schwarzen Insekts rasch blau und grün prügelte. Jahre später streckte der gefrustete Düsseldorfer Schlussmann Carsten Nulle den Krefelder "Grotifanten" nach einem verlorenen Pokalspiel der Fortuna nieder, weil der Dickhäuter sich das Grinsen zwischen seinen Stoff-Stoßzähnen nicht verkneifen konnte. Wie auch?
Natürlich sind solcherlei Ausbrüche von Gewalt weder zu rechtfertigen noch zu billigen, doch seien wir ehrlich: Auf den Stehtribünen hielt und hält sich das Entsetzen in Grenzen. "Endlich bekommt der blöde Glücksbringer auch mal was ab. Ist schließlich keine Spaßveranstaltung hier." Zumindest nicht im eigentlichen Sinn. Ich jedenfalls möchte die Geschicke meiner Kicker mit meinesgleichen begleiten, Freude und Schmerz nicht mit kuscheligen Kunstfiguren aus der Muppet-Show teilen. Gebt dem Berliner Tanzbären einfach mal ein Wochenende frei, es geht nämlich auch noch ohne ihn.



