Footage - Magazin für Fußball und Popkultur



30.07.2010 18:56:24

Zurück in die Zukunft mit Albert Einstein

Wie Hollywood einen wahnsinnigen Wissenschaftler erfand...

Ein Wahnsinniger aus Deutschland hat eine geheime Formel entdeckt und schickt sich an, eine Bombe zu entwickeln, mit der man die Weltherrschaft an sich reißen könnte. Der Mann wirkt mit seinen wirren Haaren völlig verstört und grinst ständig. Ebenjener wurde 1999 vom Times Magazin zum "Mann des Jahrhunderts" gekürt. Die Zuschauer des ZDF befanden im vergangenen Jahr ebenfalls, er gehöre zu den zehn wichtigsten oder bekanntesten oder was auch immer Deutschen. Der Mann war Physiker und hatte vor 100 Jahren die schwer verständliche Theorie aufgestellt, alles sei schwer relativ. Seit genau 50 Jahren ist er tot, deshalb feiern wir heuer das Einsteinjahr.

1995 erschien ein Roman von Todd Gitlin mit dem Titel "Mord an Albert Einstein". Darin erfahren ein Privatdetektiv und eine Journalistin zufällig von einer mysteriösen Theorie um einem Mord an Einstein. Ein Pathologe hat das Gehirn Einsteins gerettet und in Formaldehyd konserviert. Als das Präparat 20 Jahre später untersucht wurde, fanden sich Spuren des Rauschmittels Speed. Es sei immer ein gefährlicher Außenseiter gewesen und hätte deshalb verschwinden sollen.
In der Filmkomödie "Einstein Junior" wirbelt der Regisseur Yahoo Serious die Elemente des Einsteinmythos wild durcheinander. Einstein sieht bereits in seiner Jugend aus wie seine spätere Karikatur mit strubbeligem weißen Haar. Er erfindet neben der Atomspaltung auch die elektronische Rockmusik und komponiert den Stones-Gassenhauer "Satisfaction". Da Juniors Gestammel über Zeit- und Raumkrümmungen unverständlich sind, wird er zwischenzeitlich in eine Irrenanstalt gesteckt.
Der Science-Fiction-Film "Ich habe Einstein umgebracht", 1970 in der damaligen CSSR gedreht, erzählt von dem Versuch einer Gruppe Zeitreisender, den Physiker zu ermorden, damit in der Zukunft keine auf seinen Theorien basierenden Experimente gemacht werden können, die die Atombombe und damit eine Zerstörung der Welt realisieren können.
Film und Bühnenstück "Insignificance - Die verflixte Nacht" handeln von der Begegnung einer Filmschauspielerin, die Marilyn Monroe entfernt ähnlich sieht, und einem Physikprofessor in einem Hotelzimmer im Sommer 1953. Namen werden nicht genannt. Im Laufe der Nacht treffen der eifersüchtige Ehemann des Filmstars und ein Senator ein, der den Physiker zu einer Aussage vor einem Untersuchungsausschuß überreden will. Der Physiker hat ganz strubbelige Haare und erklärt dem leicht debilen aber drallen Starlett seine Theorie der Relativität.

Soweit die Fiktion. Wirklich ereignet hat sich folgende Geschichte. Unmittelbar nach Einsteins Ableben im Princeton Hospital nahm der Arzt Dr. Thomas Harvey eine Autopsie vor. Dabei entnahm er das Gehirn und konservierte es für weitere Untersuchungen. Einstein hatte mit dem Gedanken sympathisiert, seine sterblichen Überreste der Forschung zur Verfügung zu stellen, jedoch selber nichts veranlaßt, weil er fürchtete, es würde "eine Art Theatereffekt" geben. Ein Teil des Organs wurde in Formalin gelagert, der anderer Teil für mikroskopische Untersuchungen in dünne Scheiben geschnitten und präpariert. 1995 drehte die BBC eine auf diesem Geschehen basierende Fernsehproduktion mit dem Titel "Auf der Suche nach Albert Einsteins Gehirn". Die Dokumentation handelt von dem Besuch eines japanischen Physikers in den USA, um nach dem übriggebliebenen Präparat, das von Einsteins Gehirn im Princeton Hospital angefertigt worden ist, zu forschen und in den Besitz einer Probe zu gelangen. Dr. Thomas Harvey nahm das Gehirn an sich. Da er seine Forschungsergebnisse jedoch nicht veröffentlichte, kam es zu einem Streit mit der Universität und er wurde seiner Funktionen enthoben. Dadurch wurde das Organ juristisch sein Eigentum und verblieb bis heute in seiner Privatpraxis. Im Juli 1993 wurde in den USA ein Gentest durchgeführt, um eine Vaterschaftsklage, die Einstein betrifft, zu klären. Es sollte überprüft werden, ob Einstein neben seiner ersten Tochter Lieserl noch eine zweite, uneheliche Tochter hatte, die aus einer Verbindung mit einer Tänzerin, der Einstein 1940 in New York begegnet sein soll. Für die Gen-Vergleiche wurde DNA aus den Gehirnproben extrahiert. Das Genmaterial war jedoch zu stark degradiert, so dass keine Erkenntnisse gewonnen werden konnten.

Im Kino gibt es den Typus des "Mad Scientist". Die sehen alle aus wie Albert E. und entwickeln bewußtseinsverändernde Stoffe, Superwaffen oder Raketen. Diese Kunstfiguren der Science-Fiction fanden in Einstein ein reales Vorbild. Pointe der ganzen Geschichte ist allerdings, dass durch die realen Forschungsergebnisse von A.E. Zeitreisen nicht mehr nur vorstellbar, sondern auch wissenschaftlich legitimiert sind. E=mc² hat "Raumschiff Enterprise" wissenschaftlich denkbar gemacht. Die Science-Fiction hätte Albert Einstein erfinden müssen, um ihren "sense of wonder" mit einem Heiligen zu ehren.

Es scheint, dass das größte Interesse an Einstein daher rührt, dass man ihn als Volltrottel nehmen kann ohne abgestraft zu werden. Diese Verlockung ist einfach zu groß und das liegt eben an jenem Umstand, dass seine Theorie auf eine ebenso simple wie mysteriöse Formel E=mc² reduziert werden kann. Eddington, Experte der Relativitätstheorie, wurde einmal gebeten, etwas zu dem Gerücht zu sagen, dass es auf der Welt nur drei Menschen gebe, darunter ihn und Einstein, die die Theorie wirklich verstünden. Es entstand eine lange Pause, bis Eddington schließlich langsam sagte: "Ich möchte wirklich wissen, wer der dritte ist?'"
Dass sich die größte wissenschaftliche Leistung der Menschheit in die extrem kurze Formel fassen läßt, ist schon sehr verstörend. Da liegt nicht nur der Verdacht nahe, dass ein Scharlatan am Werk war, da schreit es doch geradezu nach der befreienden Auflösung, alles sei ein großer Schwindel. Im Grunde hat der Zauselkopf sowohl im wissenschaftlichen Diskurs als auch im geselligen Beisammensein nichts als unverständliches Zeug von sich gegeben: "Phantasie ist wichtiger als Wissen", "Gott würfelt nicht", etc. "Einstein hatte zwei, drei großartige Ideen und sich dann in eine Sackgasse verrannt, als lebender Physiker war er eine Peinlichkeit", so ein Zeitgenosse.
Das bekannteste Foto, quasi eine Pop-Ikone im eigentlichen Sinne, zeigt ihn mit herausgestreckter Zunge - so, als habe er sie nicht mehr alle beisammen.

Es gibt eine Anekdote über Einstein und Charly Chaplin: Nachdem sich die beiden auf Einladung des deutschstämmigen Filmproduzenten Carl Laemmle bei einem Essen während einer Benefizveranstaltung begegneten, bestand zwischen beiden ein loser Kontakt. Auf der gemeinsamen Fahrt zur Premiere von "City Lights" am 30. Januar 1931 in Los Angeles macht Chaplin eine Bemerkung über die vielen Schaulustigen, die die Straßen säumten: "Mir jubeln sie zu, weil mich jeder versteht, und Ihnen, weil Sie keiner versteht."

Was sagt uns das alles? Tja, ist halt relativ.

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Autor: Jan Peters

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