Footage - Magazin für Fußball und Popkultur



06.02.2012 01:55:07

Auf der Suche nach dem european way of life

Zum Kinostart von „One Day In Europe“ - ein Interview mit Regisseur Hannes Stöhr und dem Schauspieler Florian Lukas

Vor wenigen Wochen wurde Hannes Stöhrs Episodenfilm „One Day In Europe“ auf der Berlinale von Kritikern und Publikum gleichermaßen gefeiert. Da die vier Geschichten des Films auch uns begeisterten und während eines fiktiven Champions-League-Finales stattfinden, mussten wir mit ihm reden. In Kölns geheimer Hochburg des effektiven Verhinderungsfußballs, dem „Chelsea“, trafen wir Hannes gemeinsam mit einem seiner Hauptdarsteller, dem bemerkenswerten Florian Lukas.

footage: Unser Magazin beschäftigt sich mit Fußball und Popkultur. Das impliziert eine Verbindung der Themen. Gibt es die?

Hannes Stöhr: (zu Florian) Soll ich den Jungs die Cantona-Geschichte erzählen? Eric Cantona war bei uns am Set. Weil die französische Hauptdarstellerin in der Berlin-Episode seine Freundin ist, war Eric Cantona acht Tage lang bei uns am Set. Ich muss sagen, er ist wirklich ein Riesen-Typ. Er hat mir sogar bei meinem Französisch geholfen.

footage: Hat er sich denn kein einziges Mal schlecht benommen?

Hannes: Überhaupt nicht, er war ganz, ganz ruhig, ein echt netter Zeitgenosse. Aber ok, Ärger würde ich mit ihm auch nicht bekommen wollen.

footage: Wie ist die Idee entstanden ein fiktives Champions-League-Finale zwischen Galatasaray Istanbul und Deportivo La Coruna als Klammer für den Film zu konstruieren?


Hannes: Wir sind so ein bisschen auf der Suche nach dem european way of life. Jeder amerikanische Film, egal ob von Jarmusch, Scorsese oder Spielberg verkauft uns den american way of life und ich finde das auch super. Europa definiert sich aber oft viel zu sehr aus einer Anti-Haltung heraus, aber das mach ich ja als Mensch auch nicht. Du musst ja wissen, wer du selber bist. Ich wollte nun herausfinden, was verbindet eigentlich Europa? Oder wo kann man sagen, gibt es kulturell etwas, das überall gesehen wird? Und Champions-League ist da definitiv der größte gemeinsame Nenner. Das wird überall wahrgenommen und verbindet die verschiedenen Kulturen.
Natürlich hängt das Thema Fußball auch mit mir zusammen. Ich hab selber in diversen Jugendmannschaften Fußball gespielt. An den Wänden meines Kinderzimmers hingen lauter Poster von europäischen Mannschaften, und ich war viel in Sachen Fußball unterwegs. Mit 15 in Birmingham bei Aston Villa, später mal bei AZ Alkmaar in der Nähe von Amsterdam. Und dieses Champions-League-Finale verbindet einfach die vier verschiedenen Geschichten miteinander, gibt dem ganzen einen Halt und dadurch wirkt es wie ein Bannkreis. Im Fußball gibt es dieses Europa schon ewig lang. Sogar Haifa aus Israel spielt im Europacup, politisch gesehen ist das Avantgarde. Galatasaray Istanbul und Deportivo La Coruna stehen natürlich irgendwo stellvertretend für die zwei großen Glaubensrichtungen...Christentum und Islam.

Florian Lukas: Der Film ist natürlich auch visionär. Genau dieses Finale wird natürlich irgendwann stattfinden. Hannes ist übrigens auch visionär (lacht). Er hat vor allen Anderen gewusst, dass Jürgen Klinsmann Bundestrainer wird.

footage: Weißt du dann auch schon, wer Klinsmanns Nachfolger wird?

Hannes: Da hab ich nur eine Befürchtung. Der Typ, der momentan in Ungarn ist.

footage: Florian, wie sieht es bei dir mit Fußball aus?

Florian: Also ich interessiere mich eigentlich gar nicht für Sport, außer eben für Fußball. Fußball ist schon ganz schön wichtig. Ich habe aber keinen Lieblingsverein, ich komme ja aus Ost-Berlin und wenn ich beim BFC Dynamo im Stadion war, dann hab ich immer nur Faschos gesehen in den 80er Jahren. Der BFC war nicht so mein Verein. Wenn ich überhaupt von einem Lieblingsverein sprechen kann, dann ist es letztendlich die deutsche Nationalmannschaft. Ich selber habe früher viel gekickt. Zwar nicht im Verein aber auf dem Bolzplatz. Heute versuche ich, so viele Spiele wie möglich zu sehen.

footage: Fan der Nationalmannschaft. Heißt das, du warst Fan des DDR-Teams?

Florian: Nein, Fan der Bundesrepublik. Was aus dem Osten kam, war für uns alle relativ uncool. Ich kann mich noch genau an die WM 1986 in Mexiko erinnern, da hat Matthäus, glaube ich, dieses Freistoß-Tor geschossen. Da brach in Ost-Berlin, nachts in dieser toten Stadt, ein unglaublicher Jubel aus.

footage: In Deiner Filmographie fällt auf, dass Deine Rollennamen anfangs Christian, Manuel, Wolfgang und Klaus lauteten. In letzter Zeit heißt Du Richie, Ricky, Rico und Rokko. Was sagt das über Deine Karriere aus?


Florian: Tja, als ich das Drehbuch zu „One Day In Europe“ bekam, hieß die Rolle noch Florian und das wollte ich schon gar nicht. Hannes kam dann auf Rokko und ich dachte: Gut, dann haben wir alle Namen mit R am Anfang endlich durch. Letztendlich sind sich diese Rollen vielleicht ähnlich. Aber bald bin ich sowieso zu alt, für Ricos und Rokkos.

footage: Was uns noch aufgefallen ist; eine deiner ersten Rollen taucht in deiner Biographie gar nicht auf: „Unser Lehrer Dr. Specht“.

Florian: Ich habe 50 oder 60 Projekte gemacht, da tauchen sowieso nicht alle Rollen in meiner Biographie auf. Aber die Zeit mit „Lehrer Dr. Specht“ war zwar interessant, aber die war auch irgendwie Horror. Ich war Anfang 20 und gerade von der Schauspielschule geflogen und wollte es jetzt halt noch ein paar Jahre ohne Ausbildung probieren. „Dr. Specht“ war zwar vollkommen anspruchslos, aber ich habe immerhin gelernt selbständig und schnell zu arbeiten. Und insofern war es eine extrem gute Schule für alles, was danach kam. Ich wusste damals, dass ich nicht so weitermachen wollte. Eher hätte ich mir einen ganz anderen Job gesucht.

footage: In Eurem Film ist Fußball eine Klammer aber eben auch „nur“ die Klammer. Gab es Überlegungen dem Fußball größeren Platz einzuräumen. Wir sind ja immer noch auf der Suche nach dem ersten wirklich guten Fußballfilm.

Hannes: In „One Day In Europe“ ist Fußball die Metapher für das Europa, das da am Werden ist. Und was ist überhaupt ein richtiger Fußballfilm? Wenn überhaupt, dann müsste es schon eine typische „Maradona-aus-der-Bronx“-Geschichte sein. Aber wer wäre heute noch eine Figur für einen solchen Film? Obwohl - wie ist denn die Biographie von Robert Huth, der Typ den sie in England „The Berlin Wall“ nennen?

Florian: Dabei gibt es schon Ähnlichkeiten zwischen Film und Fußball. Du hast in beiden Fällen hoch spezialisierte Individualisten, aber das Ganze funktioniert nur, wenn sich diese Individualisten einbinden lassen.

footage: Wie war denn überhaupt die Zusammenarbeit mit so vielen Schauspielern und Teams aus verschiedenen Ländern?

Hannes: Wir mussten natürlich überall einen gemeinsamen Nenner finden. Das ging in der Türkei zum Beispiel sehr gut, weil die alle sehr gut Englisch sprechen. Aber in Russland mussten wir Russisch lernen. Insgesamt ist die Sprache des Kinos aber universell, weil es ein Handwerk ist...

footage: Nach der Berlinale gab es für „One Day in Europe“ schon viele Vorschlusslorbeeren, was erwartet ihr jetzt vom regulären Kinostart?

Hannes: Das Entscheidende, was die Berlinale gebracht hat, waren die guten Reaktionen der internationalen Presse. Die Financial Times hat geschrieben, dass der deutsche Humor auch subtil sein kann und Reuters sagt: „Germans Do Have Humour“. Auch El Pais hat den Film sehr gut besprochen. Das Wichtigste war, dass sich Europäer im Film wieder finden. Deshalb haben so viele Länder den Film gekauft. Die Miete ist drin und die Idee einen Film über Europa zu machen hat funktioniert, den Rest muss man jetzt abwarten. Wenn jetzt der Frühling ausbricht und drei Wochen lang schönes Wetter ist, dann haben wir eben Pech gehabt.

Florian: Der Film ist beim Publikum auf der Berlinale super angekommen. Insofern bin ich schon ganz optimistisch und glaube, dass wir gute, intelligente Unterhaltung gemacht haben.

footage: In vielen Kritiken wird der Vergleich zu Jim Jarmuschs „Night On Earth“ herangezogen, wie groß ist der Einfluss dieses Films auf „One Day In Europe“ wirklich?

Hannes: Das ist halt meine Ära. Ich bin Jarmusch-Fan. Mein Film ist zwar auch ein Episodenfilm, aber wer heute glaubt noch eine neue Erzählstruktur erfinden zu können, irrt sowieso. Auch Jarmusch hat den Episodenfilm ja nicht erfunden. In der Literatur gibt es das Prinzip schon sehr lange. Trotzdem hinkt der Vergleich, finde ich, Jarmusch ist viel dunkler als ich.

footage: Das Thema Kommunikation betrifft ja nicht nur die Europäer verschiedenster Nationen im Film, sondern vielleicht auch dich Hannes. Wie fühlt man sich als Schwabe in Berlin?

Hannes: Tja, das Thema des Fremd-Seins. Ich komme nicht aus Berlin, aber ich fühl mich eigentlich überall fremd, egal wo ich bin. Ich glaube dieses „Heimisch-Fühlen“ ist eher eine Sehnsucht, vielleicht nach der Jugend. Hölderlin hat ja mal gesagt: „Aus der Ferne ist die Heimat immer am schönsten...“

footage: In Deinem Film geht es auch um die integrative Kraft des Fußballs. Funktioniert diese Kraft vielleicht nicht zur zwischen verschiedenen Nationen sondern auch zwischen verschiedenen sozialen Schichten?

Hannes: Ich bin mal gefragt worden, ob ich dafür bin, dass die Türkei der EU beitritt. Das geht sicherlich nicht von heute auf morgen, aber diejenigen die jetzt daherkommen und sagen, mit einem Beitritt der Türkei würde das Abendland untergehen, also die solche Angstpolitik machen, denen erzählt der Film schon: Die schauen dort genauso Fußball wie wir...

footage: Könnt Ihr Euch vorstellen, im WM-Kontext das Fußball-Thema noch mal zu bedienen? Was schwebt Euch da vor?

Hannes: Ein Dokumentarfilm vielleicht. Wir haben beim Magnet-Cup (Berliner Kneipen-Turnier A.d.R) gegen die Cameroon Lions gespielt. Riesen-Typen. Vielleicht könnte man etwas über afrikanische Fans machen. Ich behaupte, dass in den nächsten zehn Jahren noch viele überragende Spieler aus Afrika kommen werden. Toll wäre auch eine Klinsmann-Doku. Nicht nur, weil wir beide Schwaben sind, sage ich, dass Klinsmann ein großer Psychologe ist, und ein Kosmopolit im besten Sinne. Er hat schon überall gespielt und kennt alle Spielsysteme. Er wird nach vielen Experimenten bald noch einen Gang hoch schalten. Die WM wird ein ganz spannendes Ding. Wenn man da nah ran käme, wäre das toll. Wird aber wohl nicht funktionieren. Außerdem würde ich gern mal etwas zum Thema Schiedsrichter machen.

Florian: Apropos Schiedsrichter. Ich hatte zuletzt einen abgefahrenen Comic in der Hand. So ein Science-Fiction Ding, indem die Teams in einem riesigen futuristischen Stadion ohne Zuschauer spielten. Die Schiedsrichter waren unterirdisch in Metallcontainern untergebracht, und sahen das Spiel durch eine Kuppel aus Sicherheitsglas. Wenn was passierte, fuhren die Container kurz hoch, und die Schiris haben die Entscheidung bekannt gegeben. Die Spieler waren so Kampfmaschinen. Abgefahren. Kennt Ihr das?

footage: Nein, nie gesehen! Was sind Eure nächsten Projekte?

Hannes: Ich möchte einen deutschen Western machen. Ist aber schwer zu finanzieren.

Florian: Im letzten Jahr habe ich einen Film mit Jürgen Vogel und Heike Makatsch gemacht: „Keine Lieder über Liebe“. Er ist toll, und kommt im Herbst in die Kinos.

footage: Vielen Dank für das Gespräch.

Kinostart "One Day In Europe": 7.April 2005

Website: www.onedayineurope.de

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Autor: Die Redaktion

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