Footage - Magazin für Fußball und Popkultur



06.02.2012 01:44:35

Wie Jugendgewalt ein echter Hit wurde

Oh je, jetzt bitte nicht noch ein Artikel, der mit „Der hessische Ministerpräsident sucht händeringend…“ anfängt: Es soll hier doch um Pop gehen. Jene große, bunte – und vor allem: überall vorhandene Matrix, in der subkulturelle Kräfte auf massenmediale Verbreitungsmöglichkeiten treffen. Und um Gewalt, die irgendwie irgendwas damit zu tun zu haben scheint. Verzahnt jedenfalls sind Jugend, Pop und Gewalt seit eh und je: Das wissen wir ja nun nicht erst seit Popkünstler Andy Warhol diesen alten Ganoven Mao gesiebdruckt hat oder Popmodel Naomi Campbell ihre Mitmenschen verdrischt.

Pop also ist überall – und Pop ist also Gewalt, die gerade, um im Jargon zu bleiben, ein dickes Comeback in den Medien feiert. Völlig überraschend – Gewalt war doch eigentlich out: Und dann steigt sie, wie nur in diesem Business möglich, medial gleich so gut ein, dass sogar die Politik mitmacht, Theme: I fought the law and the law won.
Geil.

Ob Popgewalt ein Klassiker wird, muss nun nur noch die Zeit zeigen – das Rezept (der Politik) aber stimmt: Man nehme ein bisschen Altbewährtes (Hit/Jugendgewalt), kombiniere es mit etwas Frischem (Basslinie/Strafverschärfungen) und bringe es in die Heavy Rotation, um es in viele Käuferköpfe zu schleifen – ein provokatives Video ist ja schon bundesweit bekannt. Um dem ganzen die Künstlichkeit zu nehmen, braucht es nur noch organische oder klassische Einflüsse, zum Beispiel die Mitarbeit von Produzentenlegenden oder das Gastsolo eines Altstars. Hey, wie wäre es denn da mit Paracelsus: Der empfahl seinerzeit bei (Tanz-)wut einfach Isolation, Prügel und Kaltwassergüsse wider die Suggestionskraft des Tanzens anzuwenden. Soziales Verhalten jedenfalls ist „träumerisch“ und out, Ursachenbekämpfung medial zu langfristig: Die Kunden verlören schnell das Interesse. Da lieber Warnschussarrest.

Abgehängt wird so zukünftig wohl niemand mehr, denn das Polit- und Popgeschäft sind keineswegs kurzlebig: Echte Hits bleiben hängen, auftauchende und sofort vergehende Sternchen sind beiden Businessformen fremd: Der Jugendgewalt-Lösungssong der Po(p)litik wird steil gehen, und zwar langfristig, Dankbarkeit garantiert: Wer freut sich nicht, wenn er weiß – bald hab ich Arbeit, schließlich kann ich die Job-Bewerbung fortan veredeln mit dem Zertifikat „14 Tage Bootcamp zur Läuterung“ und „zweimal Warnschussarrest mit Erfolg bestanden“. Diese guten Nachrichten werden neben dem Anschreiben glänzen, fehlende Schulzeugnisse mühelos ersetzt. Papa wird mich wird ab sofort nicht wieder prügeln, denn jetzt kümmert sich die Staatsleitung um mich.

Unangenehm wird die Sache nur, wenn man es mit Ausländern zu tun hat: Die schlagen ja seit dem Ende der Schlagerzeit immer wieder gewaltig im nationalen Popmarkt ein. Was tun, wenn man aber nicht alle rausschmeißen will? Na klar, nach Amerika schauen! Da tauschen – allein durch den Druck des Gesetzes – sogar Prison-Allstars wie Snoop Dogg die Pistole gegen den Fußball und lassen sich von David Beckham das Kicken beibringen. Und solche wie Snoop, die sind ja auch hier ganz gut im Geschäft gewesen.

Bleibt also nach einem kurzen Blick auf die Hitmaschine aus Pop, Gewalt und Politik nur eine Frage offen: Wird die nächste Hitsingle „Drogenproblem durch scharfes Verbot gelöst“ heißen, oder wird man „Armut, verboten“ wählen? Hytsterie rocks!

Leserbrief

Autor: Henning Geisel

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