Wenn ich es mir recht überlege, ist es gar nicht mal so lange her: Jeder Fußballer, der einen Ball geradeaus kicken konnte, sprach davon, eines Tages die Stiefel in Italien schnüren zu wollen. Italien war in den späten Achtzigern und den frühen Neunzigern definitiv das Schlaraffenland des Welt-Fußballs. Die Top-Vermarktung des Fußballs fand ihren Anfang, als Maradona für Neapel, Matthäus für Inter, Elkjaer-Larsen für Verona und van Basten für Milan kickten. Erst vor dem Hintergrund des italienischen Glamours wurde der Fußball, das was er heute ist: ein globales Abenteuer.
Und wenn heute jemand vom Sommermärchen 2006 spricht, dann sollte er das von 1990 nicht vergessen. Gianna Nannini trällerte von der magischen Nacht - und zwar um Klassen besser als Xavier Naidoo 16 Jahre später. Der Gastgeber wurde mit einem phantastischen Toto Scillachi WM-Dritter und der Fußball selbst war ähnlich schlecht wie vor etwas mehr als einem Jahr in Deutschland – aber das interessierte damals niemanden wirklich. Die Stadien waren gerammelt voll und die Stimmung phantastisch.
Was ist nur passiert seit damals? In den Stadien Italiens sucht man begeisterte Tifosi mittlerweile mit der Lupe, die wirklichen Stars Europas spielen längst in England und der Fußball selbst ist so begeisternd wie die Heimspiele von Borussia Dormund. Stattdessen tummeln sich gewaltbereite Hooligans in den maroden Arenen von Mailand bis Empoli, reißen Gerüchte von geschobenen Spielen nicht ab und verkommt der italienische Fußball zum Schlachtfeld rechter und linker Extremisten, die sich mit Fußball-Trikots tarnen.
Am Wochenende erlebte der italienische Fußball einen neuen Tiefschlag: Ein Lazio-Fan wurde auf einem Autobahn-Rastplatz von einem Polizisten erschossen. Als Juve-Tifosi damit beschäftigt waren Lazio-Fans die Köpfe einzuschlagen (und umgekehrt), gab der Polizist einen Warnschuss ab und traf dabei einen Mann namens Gabriele Sandris, der kurz darauf starb. Ein Mensch musste sterben, weil er auf dem Weg zu einem Spiel war.
Oft fragt man sich, was eigentlich passieren müsste, damit man als Fan dem Fußball den Rücken kehrt. Oft steht dabei die ewige Kommerzialisierungsdebatte im Vordergrund. Würde man noch zum Fußball gehen, wenn der Sponsor im Vereinsnamen auftauchen würde? Würde man noch ins Stadion gehen, wenn das wunderbar alte Stadion einem neuen Vergnügungstempel weichen müsste? Oder hörte man auf hinzugehen, wenn ein amerikanischer Dollar-Milliardär den eigenen Club kaufen würde? Keine Ahnung – ich denke, ich würde trotz allem immer wieder hingehen.
Würde ich aber auch noch hingehen, wenn sich neben mir Nazis und Autonome prügelten? Würde ich weiter den Weg ins Stadion finden, wenn ich wüsste, dass Spielausgänge von der Wettquote abhängen? Würde ich auch dann noch weiter hingehen, wenn auf Parkplätzen Leute erschossen würden, nur weil sie auf dem Weg zum Fußball sind? Um ehrlich zu sein: Ich glaube, dann bliebe ich zu Hause.
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