Footage - Magazin für Fußball und Popkultur



11.09.2010 03:05:39

In Stuttgart

Die footage Ligakolumne - 28. Spieltag

Du wirst Augen machen, sagte Peter am Telefon, wir haben heute die größte Choreo aller Zeiten.

Peter ist um die dreißig und Automechaniker; ich kenne ihn seit über zwanzig Jahren, als er seine Sommerferien in dem „Waldheim“ verbrachte, wo ich als Betreuer arbeitete. Ein unbedingter VfB-Fan war er schon damals. Heute lebt er für den Verein. Ich bin regelmäßig mit meiner Gruppe zum ersten Heimspiel der Liga ins Neckarstadion gegangen. Das war meistens langweilig. Im einzigen Bundesligajahr der Stuttgarter Kickers zogen selbige aus dem Degerloch runter und ich mußte sogar zweimal. Ein schlimmer Kick gegen Bochum, 1:2 in einem gähnend leeren Rund. Es war so wenig los, daß ich in der ersten Halbzeit auf einer Bank geschlafen habe und meine in der zweiten bei aussichtsreichen Freistößen losgelassenen „Delzepich“-Rufe abends in der Sportschau zu hören waren und den Reporter zu der Bemerkung veranlaßten, es sei auch ein verirrter Fan im Stadion gewesen. Das war meine beste Choreo.

Vor ein paar Wochen hat Peter mir anläßlich eines Besuchs in Stuttgart die Karte für das Spiel gegen Alemannia geschenkt. Wir treffen uns in der Nähe des Stadions, das nach einem Autokonzern benannt ist, was schlimm genug ist, aber voraussichtlich immerhin verhindert, daß diese Ehre der blauen Eminenz des DFB zuteil wird. Den habe ich auch mal zusammen mit Peter getroffen, vielleicht 1986. Er saß nackt im Untertürkheimer Inselbad an einem Tisch des Restaurants und trank noch ein Viertele. Vielleicht hatte er auch eine Badehose an, das konnte ich nicht sehen. Möglicherweise hatte sein Bauch sie geschluckt. Damals war MV noch Kultusminister in Baden-Württemberg. Peter und ich saßen drei Tische weiter. Ich sagte zu Peter, er solle doch mal ein Autogramm holen. Peter war ein braver Junge, ging hin und kam mit einem Frittenschälchen zurück, auf dem MV signiert hatte. Dann schickte ich Peter noch einmal hin und schärfte ihm ein, was er auf eine eventuelle Frage zu antworten habe. Und es passierte, was ich erhofft hatte: MV hatte wirklich wissen wollen, warum er, Bub, denn zwei Autogramme brauche. Und Peter: Für zwei Mayer-Vorfelder krieg i oinen Lafontähn.

In der Vereinsgaststätte des SSC Stuttgart in der Nähe des Stadions, wo ich Peter treffe, erzählt er mir, daß er seit 9 Uhr im Stadion gearbeitet habe, um die Choreo vorzubereiten. In der kompletten Fankurve hat er das „Cannstatter Blättle“ auf jeden einzelnen Sitz geklebt. Das „Commando Cannstadt 97“ feiert nämlich heute sein zehnjähriges Bestehen. Er hat noch ein Exemplar des Infoblättles dabei. Da stehen Sätze drin wie „Alle Doppelhalter in der gesamten Kurve mit der bemalten Seite in Richtung Spielfeld hochhalten und alle Fahnen schwenken, solange bis der Schiedsrichter das Spiel anpfeift.“ Er ißt Pommes mit Schnitzel und trinkt ein Weizenbier. Dann gehen wir ins Stadion.

Das Spiel dauerte 90 Minuten, der Ball war rund. Ich wußte bei der Einwechslung schon, daß ausgerechnet der blöde Lauth die entscheidende Bude machen würde. Meine Halbzeitpizza bekäme ich gerne nächstes Mal gebacken serviert, ich habe mich ein weiteres Mal gefragt, wer denn eigentlich diese Anheizer mit Mikrophon braucht, die jeden eigenen Begeisterungssong, der aus den Tiefen eines Fankollektivs kommt, kaputtmachen, und wann das eigentlich begonnen hat mit den vorgeschriebenen durchorganisierten Jubelszenarien. Von der weltgrößten Choreo habe ich nichts mitbekommen; ich stand ja mittendrin.

Autor: Gerhard Horriar

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