Footage - Magazin für Fußball und Popkultur



30.07.2010 20:58:12

Starthilfe für Schlaudraff

So funktioniert die kurzfristige Denke in der Bundesliga

Auf dem Gymnasium, vor 20 Jahren, stand mal ein Geschichtsreferendar an der Tafel, Joachim Döbbeler oder so ähnlich. Viele Wuschelhaare, langer Bart, wenig Geschick. Die deutsche Sprache war nicht sein Kumpel. Einmal kreidete er das Wort Rückrad an die Wand. Ein Prusten im Saal. Der überforderte Lehrvolontär meinte „Rückgrat“. Der Begriff (lat. Spina dorsalis) steht im übertragenen Sinne für Mut, Zivilcourage, Konsequenz, Standhaftigkeit, Ehrlichkeit.

Stehvermögen ist genau das, wovon die Menschen im März 2007 in unserer Blabla-Welt anscheinend gar nichts mehr und ganz besonders deutsche Profikicker ziemlich wenig haben. Pussierlich, was gerade beim SC Freiburg passiert. Da holen die Breisgauer aus sieben Rückrundenspielen die fast optimale Ausbeute von 19 Punkten. Und der kickende Angestellte Roda Antar stellt sich hin und will den Trainer behalten. Dass die Truppe zuvor in 17 (!) Vorrundenmatches ebenfalls nur 19 Punkte geholt hatte, das hat er mal eben vergessen. Die Umfallerdenke.

Dass die Klubführung im Dezember folgerichtig entschied, sich von Trainer Volker Finke zu trennen, der noch dazu seit fast 16 Jahren im Amt ist, und damit dienstältester Coach in Deutschland, das wollen Antar und einige SC-Fans partout nicht wahrhaben. Wirklich amüsant. Es läuft nicht, dann kann der Coach gehen. Es läuft wieder (wohl auch, weil Finkes Abschied beschlossene Sache ist, der mediale Druck damit weg ist – für diese simple Analyse benötigt man wahrlich kein Psychologiestudium) und plötzlich soll der Trainer unbedingt bleiben. Sehr putzig, diese Wankelmütigkeit.

In jedem Stadion steht mittlerweile ein Defibrillator (medizinisches Gerät gegen Herzrhythmusstörungen) aber manchmal wäre es gut, es stände auch ein Starthilfekabel fürs Cerebrum, das Denkzentrum, neben dem Kabinentunnel bereit – für alle Drauflosplapperer. Vielleicht einfach mal den Choke im Kopf ziehen, dann klappt`s auch mit dem Überlegen, möchte man den Betroffenen zurufen. Beruhigend, dass diese Leute bei Vereinschef Achim Stocker kein Gehör finden. Für ihn ist der Trainerwechsel zum Sommer unumstößlich.

Fehlender Realitätssinn, Abgehobenheit – dies sind auch die Vokabeln, die mir bei den Ereignissen um die Herren Hamit Altintop (Schalke 04) und Jan Schlaudraff (Alemannia Aachen) einfallen. Diese Sportskameraden haben immerhin den GAPF (größten anzunehmenden Profi-Fettnapf) im Kopfsprung genommen: ein Wechsel zum FC Bayern.

Natürlich ist es das gute Recht der beiden Herren, an der Isar anzuheuern, obwohl auch weitaus sympathischere Klubs Interesse an ihnen zeigten. Aber es ist auch nur zu verständlich und im voraus kalkulierbar, wenn dann einige Zuschauer an der Bande ausflippen. Sie hängen oft ein Leben lang an ihren Klubs (das ist Standhaftigkeit, das ist ein echtes Statement!) und niemand von ihnen kann verstehen, warum man zu einem Klub wechselt, der eine so armselige Kultur aufweist wie der erfolgsglatte FCB.

Vielleicht wird ein Schlaudraff irgendwann mal daran zurückdenken und sich sogar freuen, dass ihn die Alemannia-Fans als „Bayern-Schwein“ beschimpften. In München wird der Jungspund nicht mehr viel hören von den Tribünen. Da sitzen höchstens Schulkinder, Businessmenschen oder gespenstische Weißkittel, die das T-Com-Logo darstellen. Totenstill ist es da. Ein Publikum von Autisten.

Autor: Erik Wegener

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