Manchmal ändern sich Dinge von einem Tag auf den anderen. In den Jahren zuvor halfen all die Stoßgebete nicht, um eben den erhofften Wandel zu bewirken. Dann geschieht es doch und man merkt es nicht. Das eigentlich Sensationelle ist selbst-verständlich, noch bevor es angefangen hat.
Alemannia Aachen ist erfolgreich. Seit fast vier Jahren gewinnen wir mehr Spiele als wir verlieren. Ich kann nicht wirklich sagen, wann es anfing. Es ist einfach so passiert ohne dass ich es gemerkt habe. Seitdem gehe ich ins Stadion und denke nur noch in Drei-Punkte-Dimensionen – als wäre es immer so gewesen. War es natürlich nicht, aber irgendwie habe ich vergessen, wie es vorher war. Dieses Vakuum versuche ich seitdem krampfhaft zu füllen. Und so rede ich mir ein, dass früher alles besser war und baue mir mein eigenes Bild der Vergangenheit: Damals als alles nach Gras roch. Damals als uns Trainer die Treue hielten, nur weil eben wir es waren. Damals als es phantastische Riesen-Krakauer an der Würstchenbude hinter unserem Block gab. Damals als wir noch Trikots hatten, die keine Augenbeleidigung waren. Manchmal schaue ich mir sogar unser Stadion an und denke an damals – merke gar nicht, dass wir heute darin spielen. Schlimm ist das!
Aber: War das wirklich so? Als ich den vergangenen Tagen durch die wirren Christoph-Daum-Gedächtnis-Fanforen von Hannover und Aachen steuerte, die völlig (kind)lichen Liebeserklärungen Dieter Heckings zur Nicht-Stadt Hannover las und mich fast erbrach, als ich die Reinkarnation Günther Eichbergs, Martin Kind im DSF reden hörte, habe ich mich das oft gefragt.
Zum ersten Mal seit ein paar Jahren ist mir wirklich aufgefallen, dass sich etwas grundlegend geändert hat in den letzten Jahren. Alemannia Aachen ist im Jetzt angekommen – ist mitten drin in der Schmierenkomödie Fußball. Und das eigentlich schon viel länger als wir, die wir alle 14 Tage hin gehen, es wahr haben möchten.
Auch in Aachen gehen Trainer einfach nur weg. Klar - sie reden zwar von Familienzwängen und unerfüllten Hannover-Träumen. Aber eigentlich gehen sie, weil man das so macht in der Bundesliga und weil ihnen Alemannia egal ist. So läuft das halt und man kann das auch niemandem ernsthaft vorwerfen – wenigstens keinem der Typen, die trainieren, spielen oder managen.
Geändert hat sich auch, dass die Fleisch gewordenen Abfindungen der Branche auf einen Job in Aachen – ja in Aachen – hoffen. Die Herren Fach, Rappolder und Neururer sitzen in Sachen Alemannia genauso mit der Hand über der Telefongabel zu Hause wie in vergleichbarer Situation in Wolfsburg oder Bochum. Einziger Trost: Es hat sich noch nicht so viel verändert, dass einer von ihnen den Job bekommen hat. Viel mehr steht nun Michael Frontzeck an der Tivoli-Bande – am Samstag schon mal äußerst erfolgreich. Ob das insgesamt und langfristig gut oder schlecht ist? Keine Ahnung! Ob sich etwas ändern wird? Keine Ahnung!
Vielleicht kann der neue Trainer ja Wunder geschehen lassen – mal abgesehen von großen Siegen gegen selbsternannte Mythen. Vielleicht riecht es bald nach Gras auf dem Stehplatz und er hält uns die Treue einfach nur weil wir es sind. Vielleicht findet im alten Stadion bald Gegenwart statt. Vielleicht aber auch nicht. Aber im Ernst: Gab es das wirklich schon mal? Roch es wirklich schon mal nach Gras? Ich habe es vergessen. Oder habe ich es einfach nicht gemerkt?

