Ich hatte eine Farm in Afrika am Fuße der Ngong Berge…
Nä, hatte ich nicht, nicht wirklich. Hatte ich aber auch gar nicht
nötig. Es gab nämlich etwas viel Besseres. Ich hatte einen Sitzplatz… im
Biergarten… am Fuße einer Großbildleinwand. Doch für die absolut
lächerlichste Ablösesumme, die je für einen Kölner gezahlt wurde,
wechselte ich den gegen einen beruflichen Termin ein. Genauer gesagt
gegen ein Auswärtsspiel. Ziemlich weit draußen von Köln und meiner
Großbildleinwand entfernt - in Innsbruck.
All denen, die nicht so genau wissen, wo Innsbruck liegt, sei ans Herz
gelegt es auch nicht zu suchen. Es liegt in Österreich, dem Land, das
sich erneut nicht qualifiziert hat. Dem Land, das gemeinsam mit Deutschland hart dafür gearbeitet hat, dass es zu einer fundamentalen
Änderung im FIFA-Spielplan gekommen ist. Der „Schande von Gijón“ fehlte bekanntlich die „Schärfe von Dijon“ und das gezeigte Spiel war durchweg eher Quark als scharfer Senf. Seitdem werden alle letzten Gruppenspiele
in der Vorrunde zeitgleich durchgeführt und wir haben statt vielfachem
Zusehen nur das Nachsehen. Ich aber wollte wenigstens die Spiele sehen, die im Fernsehen angeboten wurden und nicht auf der Reise sein während Weltgeschichte geschrieben wird.
„Der frühe Vogel fängt die Bahn“, dachte ich und suchte mir eine
Verbindung raus, die mich zeitlich geschmeidig ins Alpenland bringen
sollte, so dass ich dort, vor einer Großbildleinwand sitzend, Italien
gegen Tschechien sehen könnte, so dachte ich in der Schlichtheit, für
die abgelöste Kölner nun einmal bekannt sind. Den Wecker auf 4:00 Uhr
morgens zu stellen ist der einzige Weg, wenn man dem folgenden Text aus dem Wege gehen möchte:
(Geräusche: Klopf, klopf, Hüstel, Poch)
„Meine Damen und Herren. Die Deutsche Bahn als Förderer der FIFA WM 2006 fährt sie zu den Spielstädten und den FIFA WM Bahnhöfen 2006. In
Kooperation mit der deutschen Telekom informieren wir sie hier an Ort
und Stelle in der Halbzeit über den Zwischenstand und am Ende eines
Spiels über den Endstand der FIFA WM Spiele 2006. Diesen besonderen
Service bieten wir Ihnen als Gäste der deutschen Bahn, dem Sponsor der
FIFA WM 2006… Japan Kroatien 0 zu 0.“
(Geräusche: Hüstel, Poch)
Das hatte ich schon einmal erlebt und beschlossen, es mir kein zweites
Mal zu gönnen. Nicht in diesem Leben und schon gar nicht während dieser WM.
In Innsbruck übermüdet angekommen, begann dann eine Suche, vor der mich keine FIFA WM 2006 sponsorende Bahn gewarnt hat. Die WM ist in
Österreich nicht existent. Verzweifelt schaute ich mich in der
Innenstadt nach einer Großbildleinwand um, ging dann dazu über, nach
größeren Flachbildschirmen in Lokalen zu suchen. Überall standen vor den Gaststätten Schilder. Aber anstatt: „alle WM Spiele auf
Großbildleinwand“, stand dort „hausgemachte Eierspeisen“. Schließlich
eilte ich, den Anpfiff schon fast in den Ohren vernehmend, von Italiener
zu Italiener und bettelte auf Knien, sie mögen einen Fernseher
auftreiben und anschließen. 36 cm Bildschirmdiagonale seien genug für
mich und ich würde zum Dank auch alle Eierspeisen aufessen. Es wäre auch okay, wenn der Kellner mir einfach sein UMTS Handy mit TV-Empfang borgen würde. Auch 3,6 Zoll und 16 Bit Farbe seinen Klasse. Zuletzt stand ich brüllend vor dem „Goldenen Dacherl“ und schrie: „Hat hier denn niemand einen scharzweiß-Fernseher?! Mehr will ich doch gar nicht!“
Am Ende meiner Kräfte erreichte ich schließlich eine miserable Pizzeria,
die zwar den Ton nicht laut hatte, aber wenigstens das Bild zeigte. Auf
einem Fernseher. In Farbe. Überglücklich lud ich den Kellner zu einer
Pizza ein. Man erklärte mir das Desinteresse an der WM läge daran, dass
Fußball ein Sport sei, an dem Hermann Maier nicht teilnähme. Da es viele
Sportarten gibt, bei denen der Alpinstar nicht mitmacht, dürfte es viele
Sportarten geben, die in Österreich einfach nicht beachtet werden. Als
nächstes wird man sich hier auf Großbildleinwänden auch die „Tour de
France“ gemeinsam nicht anschauen.
Sollte ich einmal ein berühmter Mann werden und sollte man sich, wie es
bei berühmten Menschen üblich ist, die letzten Worte aufschreiben, die
ich sagen werde, so sind dies die wahrscheinlichsten meiner letzten
Worte auf dem Sterbebett:
„Ich hatte einen Sitzplatz… im Biergarten… am Fuße einer
Großbildleinwand. Ich hätte nicht nach Innsbruck fahren sollen.“
Ismael Fischmord-Website


