Astronomisch hoch sind die Schwarzmarktpreise schon seit Wochen. So kostete selbst die Ananasbolzerei Iran-Angola bei ebay 170 Euro, mein Kumpel Steve bezahlte für ein Brasilienspiel bei einem estnischen Broker immerhin 360 Euro und England-Schweden wurde für 900 Steine angeboten. Nun aber wird es grotesk, denkt man an die 5800 Taler für das Finale. Soviel verlangt die Abzockergarde der Spezialagentur Euroteam für 94 Minuten Endspielgucken. Macht zirka einen Euro pro Sekunde!
Ungeachtet der Abscheu vor der Fifa und der Wut auf kartenverschachernde Funktionäre ist mein Verlangen, endlich ein Live-Spiel zu sehen, nicht gewichen. Ghana spielt gegen die USA. Ich bin neugierig und steige daher spontan in den ICE nach Nürnberg, trotz des Bänderrisses, den ich mir vor neun Tagen beim Sonntagskick zugezogen habe. Vor dem Frankenstadion halte ich mein winziges ovales Schildchen hoch, gebastelt aus dem Pappdeckel einer Geramont-Käseverpackung: Suche Ticket.
Da bin ich nicht der einzige. Ich finde mich ein bisschen jämmerlich, weil andere Fans professioneller auftreten. Sie haben ihr „Need a ticket“ in Riesenlettern auf Pizzaschachteln und Umzugskartons gekritzelt. Egal. Es gibt erste Gespräche. Ein extrem unsympathischer Typ im blauen Polohemd und dunklen Gläsern flüstert was von 280 Euro. Ich lache ihn aus. Noch ätzender als das Preistreiben ist die Tatsache, dass Schwarzmarkthändler fast immer schmierige Schnösel sind und meist so geheimnisvoll tun, als würden sie Crack verkaufen.
Dann passiert etwas Unglaubliches: Ein ganz normaler Ami kommt auf mich zu und erzählt, dass er ein Ticket übrig habe, es sei allerdings ein sichtbehinderter Platz. Wieviel, frage ich. 30 Euro, antwortet er. Ich, der Gehbehinderte, habe urplötzlich ein sichtbehindertes Ticket in Aussicht und komme mir vor wie ein Hörbehinderter. Ich kann es nicht fassen, was der Typ eben gesagt hat und erkläre dennoch innerhalb von 1,3 Sekunden, dass ich die Karte kaufe. Er holt daraufhin das Billett aus seinem Brustbeutel, deutet auf den aufgedruckten Originalpreis und entschuldigt sich höflich. Sorry, es sind sogar nur 27 Euro! Ist das hier Comedy auf mittelfränkisch oder ist das „Verstehen Sie Spaß?“ Mein Daddy hatte mir morgens am Telefon vollmundig versprochen, die Hälfte des vermutlich überteuren Tickets zwischenzufinanzieren. Soll ich ihm jetzt sagen, er darf mir 13,50 überweisen?
Auf dem Weg ins Stadion freue ich mich wie ein Kind in der Sandkiste. Es ist superspannend eine Last-Minute-Karte der miesesten Kategorie ergattert zu haben, von der man nicht weiß, ob man überhaupt was sieht vom Spiel. Am Handy fragt meine Freundin höhnisch, ob sie mir die Zwischenstände per SMS übermitteln soll. Ha ha!
Die Karte ist ausgestellt auf Rachel Finn, wahrscheinlich ein Mädel, das spontan daheim in Massachussetts geblieben ist, als sie gesehen hat, wie ungelenk Donovan und McBride über die holländische Wiese in deutschen Stadien stolpern. Angekommen in Block 30, Reihe 27, Sitz 18, sehe ich, dass nur ein blauer Dachträger aus Stahl eine Eckfahne verdeckt, das ist alles. Etwas weit oben in der Südkurve, aber man sieht perfekt. 27 Euro, keinen Cent mehr! Ich nehme genüsslich Platz in der Gewissheit, das billigste WM-Ticket überhaupt gekauft zu haben. An meinem diebischen Geiz berausche ich mich stundenlang, auch dann noch, als die Afrikaner schon in der Kabine den Achtelfinaleinzug feiern. Zwischen Scharbeutz und Freilassing gibt es keinen, der bei diesem Turnier günstiger ins Stadion kommt, da bin ich sicher! Ich muss nicht in die K.o.-Runde, ich bin es jetzt schon: Schwarzmarkt-Sichtbehindertenticket-Weltmeister.


