Footage - Magazin für Fußball und Popkultur



09.02.2012 02:51:02

Copacabana in Minga

Die footage WM-Kolumne # 18

"Einmal im Leben möcht´ ich Brasilianer sein" - was sich anhört, wie der kitschige Refrain eines Hitparaden-Schlagers, war für viele zahlreiche deutsche Schlachtenbummler das Motto bei der Vorrundenbegegnung Brasilien - Australien im Münchner FIFA-WM-Stadion: Die ansonsten blasse und unscheinbare Sachbearbeiterin einer Versicherungsgesellschaft kleidete sich plump in die brasilianischen Landesfarben, ohne auch nur im entferntesten einer Schönheit aus Rio ähnlich zu sehen. Genauso wie der stark übergewichtige Fan, dem selbst ein brasilianisches XXXL-Trikot aufgrund seiner Leibesfülle immer noch zu klein war und den man aufgrund seines Äußeren eher am Strand von Mallorca, als an der Copacabana vermutete.
Und selbst zahlreiche Kinder legten ihr Ballack-Trikot achtlos zur Seite, um ihre Sympathien für Ronaldinho kundzutun. Auffällig oft trugen die deutschen Brasilien-Fans auf ihren Trikots eine Kombination aus ihrem eigenen Namenszug und dem des Superstars vom FC Barcelona: Kevinho, Jürginho, Seppinho, Frankinho.
Einige Stadionbesucher setzten noch einen drauf und trugen Brasil-Tangas, die erst nach einem pseudo-lasziven Tanz mitten auf der Haupttribüne sichtbar wurden. Nur zu dumm, dass in diesem Moment keine Kamera diese Szenen für die Nachwelt festhielt.
Viel stimmungsvoller waren aber die Australier. Mit ihrem britisch-geprägten Support unterstützten sie ihr Team ohne Pause und sparten nicht mit Pfiffen fürs brasilianische Team. Die australischen Fußballer hingegen hatten im Gegensatz zu ihren Fans Angst vor der eigenen Courage: Im Spiel fiel immer wieder auf, wie blitzschnell sie das Mittelfeld überbrückten, um dann in Strafraumnähe der Brasilianer den Ball solange hin- und herzuschieben, bis sich endlich die Abwehr der "Selecao" formieren konnte. Schade eigentlich, denn das Spiel hätte ein Unentschieden durchaus verdient gehabt.
Nicht nachvollziehbar war zu diesem Spiel die Preispolitik der FIFA: Karten, die bei der Partie Tunesien - Saudi-Arabien noch EUR 45,- kosteten, waren nun EUR 100,- wert? Böse Zungen behaupteten gar, dass so die immensen Kosten für den Helikopter vom ständigen Beobachter Franz B. beglichen werden sollten.
Nach Spielende spielten sich Szenen ab, die den verantwortlichen FIFA-Funktionären wohl Tränen der Rührung in die Augen getrieben hätten: Brasilianer und Australier verbrüderten sich innig und enterten gutgelaunt mit Samba und Bier Münchens Partymeile an der Leopoldstraße. Keine Aggressionen, keine Hools, sondern Partylaune pur. Mittendrin natürlich auch unsere deutschen Brasilianer. Und wer weiß, vielleicht filmte doch noch ein Fernsehteam ihre Tangas im Brasil-Style?

Autor: Jörg Scharnweber

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