Während einer bedauernswerten Zeit in meinem Leben lebte und arbeitete ich volle zwei Jahre im sächsischen Tharandt. Dort zu wohnen ist ungefähr so cool, wie einen Becher Eiter zu trinken. Doch selbst die größte Jauche hat meist irgendetwas Gutes. In Tharandt lernte ich Karel kennen. Karel ist Tscheche, war mein Arbeitskollege und wurde mein Freund. Er machte gerne all das, was Tschechen gerne tun. In der Mittagspause trank er eine Flasche Bier. Er wechselte beständig seine Frauen und manchmal schlief er im Büro. Was andere dachten, scherte ihn wenig. Wenn ich mal wieder ein Tief hatte, fuhren wir nach Tschechien und tranken Biere für umgerechnet 15 Pfennig. In diesen Momenten war Tharandt dann doch ganz okay. Kein Wunder: Wir waren dann ja auch in Karels Heimat – in Tschechien und eben nicht in Tharandt.
Mittlerweile haben Karel und ich nur noch sporadischen Kontakt. Als ich letzten Samstag im Stadion sah, wie die Tschechen gegen Ghana eingingen, fragte ich mich gleich, wie Karel jetzt gerade wohl leiden würde. Als mir der Postbote gestern morgen ein Paket aus Tschechien in die Hand drückte, wusste ich es. Dem Inhalt war ein Brief beigefügt. In Auszügen stand folgendes darin: „Lieber Sascha! (...) Aufgrund einen verlorenen WM-Match gegen Ghana, fühle ich persönliche Verpflichtung, die alle mögliche Unterstützung Kräfte zu vereinigen. Deswegen, lieber Sascha, schicke ich Dir einen Fan-Shirt und Mütze des unseren Mannschaft nach Köln und wende mich an Dich mit folgende Bitte: Sitze mal bitte bitte am Donnerstag ab 16 Uhr vor Fernsehen in tschechische Trikot und Mütze. (...) und drücke die Daumen für uns gegen Italien.“
Ich erinnerte mich kurz an unsere Bier-Ausflüge und zog ohne zu zögern Mütze und Shirt an. Danach setzte ich mich vor den Fernseher, um die Tschechen in´s Achtelfinale zu hexen. Es funktionierte nicht. Leider hatten Tschechiens Fußballer nicht das Herz ihres Landsmannes. Sie spielten völlig uninspiriert und schienen froh als das Spiel vorbei war. Das 0:2 gegen Italien bedeutete das Aus. Karels Trikot und seine Mütze konnten nichts dagegen tun.
Sorry alter Freund! Ich habe es versucht und war ein Tscheche für diese 90 Minuten! Doch es war umsonst. Wir sind draußen! Bleibt mir zu hoffen, dass Du jemanden in Tschechien hast, der das Ausscheiden erträglich für Dich macht – zum Beispiel mit Bieren für 15 Pfennig. Gruß und Danke für alles, Sascha!

