Es kam wie es kaum kommen konnte – das Wetter hielt und Lehmann auch, bis ganz zum Schluss. Und plötzlich ist alles anders und nicht die Gondeln tragen Trauer, sondern der Golf. Doch damit nicht genug. Die Politik dreht durch. Aber was spielt das noch für eine Rolle?
Die in Berlin verabschiedeten steigenden Gesundheitskosten sind im Grunde egal, man braucht ohnehin kein Einzelzimmer im Krankenhaus, man braucht überhaupt kein Einzelzimmer, weil man viel lieber unter Menschen die Spiele sehen möchte. Weil Fanmeilen aber überlaufen sind, sucht der Otto-Rehagel-Normalverbraucher einen Platz in einem Biergarten auf, um der Mannschaft zuzuprosten. Aber: Einig Deutschland hat leider nicht Platz für 80 Mio. Stühle unter freiem Himmel und so stellte sich am Tag vor dem Abend der Entscheidung nur eine Frage: Wann muss ich mit der Arbeit aufhören, um rechtzeitig für mich und meinen maradonnagroßen Begleittross entsprechende Plätze vor der Leinwand zu sichern?
Ich schaute auf die Uhr, nicht einmal, sondern ungefähr jede Minute einmal ab neun Uhr morgens. Irgendwann wurde es mir dann zu viel und ich wurde nervös. Halb drei erschien knapp, aber doch wohl noch nicht zu spät, um mir noch einen Platz zu sichern.
Ich packte eilig alle Dinge zusammen und raste mit dem Rad durch die Stadt in Richtung Biergarten. Dort angekommen musste ich feststellen, dass er noch gar nicht auf hatte. „Ab fünf Uhr“, schrie mir ein Kellner durch das verschlossene schmiedeeiserne Tor zu.
Aber ein Fan ist kein Fan, wenn er nicht komplett jede Realität ignoriert und so begann ich meinen Sitzstreik vor dem Gatter. „Ich bin auch ganz leise, ich störe euch nicht, ich mache mich quasi unsichtbar“, versuchte ich Einlass zu bekommen, aber der Kellner blieb hart wie sein schmiedeeisernes Gatter. Ich fuhr härtere Geschütze auf.
„Ich bau ’ne Bierbank auf, ich bau ’ne Bierbank auf, ich bau, ich bau, ich bau ’ne Bierbank auf“, sang ich für einige Minuten und ehe ich mich versah, öffnete sich das Gatter und ich durfte rein.
Viel zu viel wurde in der Presse schon über polnische Erntehelfer und irische Bauarbeiter geschrieben. Viel zu wenig beachtet sind jedoch die vielen illegalen deutschen Arbeitskräfte, die zur WM in den Biergärten dieses Landes Bierbänke aufbauen, um sich selbst einen sichere AHHH-Platz zu sichern. Nach nur zwei Stunden harter körperlicher Arbeit hatte ich es geschafft: ich durfte mir einen Sitzplatz für mich und meine Bagage aussuchen. Freie Auswahl. Ich wählte Tisch drei mit gerader Sicht auf die Leinwand.
Was wieder einmal nur beweist:
Was Hartz IV nicht schafft, das schafft die WM. Potenziell komplett faule Menschen wachsen über sich hinaus, wenn man ihnen anstatt eines Arbeitsplatzes einen Sitzplatz ihrer Wahl im Biergarten zusichert. Das nur mal so am Rande als kleinen Gedankengang für unsere Freunde in Berlin… Vielleicht werde ich ja mal Vorsitzender einer Kommission – Ideen hätte ich da schon…

