Die WM ist in Deutschland – gut, das sollten die meisten Menschen mittlerweile mitbekommen haben. Denen, die es noch nicht wissen, sei gesagt, dass sie ruhig weiter in den Katalogen der Beerdigungsinstitute nach hübschen Urnen Ausschau halten können. Deutschland ist das WM Land.
Doch diese WM ist so ganz und gar nicht typisch deutsch. Entweder passt sie nicht in dieses Land oder dieses Land und seine Einwohner passen nicht mehr zu dem, was man sich unter einer WM in Deutschland eigentlich vorgestellt hat. Die Stimmung ist viel zu ausgelassen, fast brasilianisch, die Temperaturen sind teilweise karibisch und das Team ist offensiv ausgerichtet. Die Menschen sind außer Rand und Band, körperbemalt und ganzkörperbeflaggt. Die Fassaden der Häuser entstammen einer feuchten Fantasie von Christo – eingehüllt in Fahnenstoffe. Was ist nur los mit diesem Deutschland?
Wo bleibt die Defensive, wo das lähmende Kurzpassspiel an der Mittellinie und die konsequente Einbindung des Torwarts als Ideengeber aus dem Hinterfeld und zentrale Anspielstation? Wo bleiben bei all der Euphorie die introvertierten Menschen, die nach einem langweiligen Spiel erst einmal in Ruhe den Wagen waschen gehen, weil das auch wichtig ist? Sie sind nirgends zu sehen. Die Menschen gehen nach den Spielen in die Innenstädte und feiern. Hupend reiht sich Wagen an Wagen und Opel wird die Bauserie seines erfolgreichen ambulanten Pflegedienstwagens nach der WM in „Opel-Korso“ umändern.
Man könnte es regelrecht mit der Angst zu tun bekommen wenn nicht, ja wenn da nicht dieses eine Problem wäre. Dieses typisch deutsche Problem, dieses Problem, das die WM auch dem samstäglichen Wagenwäscher wirklich nahe bringt und uns allen zeigt, dass diese WM eine deutsche WM ist und hier genau richtig verortet ist.
Es ist das Problem mit dem Rasen. Rasenprobleme sind deutsche Probleme. Gut, mögen die Chinesen den Fußball erfunden und die Engländer ihn groß gemacht haben. Die Deutschen haben den Rasen geliefert. Hier kommt der Rollrasen her, hier wird mit wissenschaftlichem Ehrgeiz am Saatgut gefeilt und nur in Deutschland gibt es den traditionellen Beruf des Kunstrasen-Faserdesigners.
Und so hört man in den Kleingartenkolonien dieser Nation auch keine aufgeregten Diskussionen über die Wade von Ballack oder die Wiedergeburt eines Oliver Neuville. Hier spricht man bei gegrillter Wurst und selbst geerntetem und gepresstem Johannisbeersaft nur über ein Thema: Wie kann es sein, dass der Rasen in den Stadien so rutschig ist? Wie oft müsste man vertikutieren, bewässern, umgraben oder neupflanzen. Hat man den richtigen Zeitpunkt zum Ausrollen und anwachsen gewählt? Wäre es nicht vorteilhafter gewesen, wenn man den Rasen schräg statt horizontal verlegt hätte und wäre Serbien - bald ohne Montenegro - gegen Argentinien auch chancenlos gewesen, wenn man den Rasen mit dem Gleitstreifen-Dreiklingen-Rasenmäher von Willkinson gemäht hätte, wie ihn jeder anständige Strebergärtner verwendet?
In Ratingen bei Düsseldorf gab es jüngst schon eine Unterschriftenaktion von Hobbygärtnern, die zur Bildung einer eigenen Task-Force aufrief. Mindestens aber sollte es einen parlamentarischen Untersuchungsausschuss geben, so das Votum der Kleingärtner.
Zu einer deutschen WM gehört die Frage nach dem Rasen dazu wie der süße Senf zur Weißwurst. Gott sei Dank gibt es dieses Problem, es eint und macht diese WM endgültig zu einer gesamtdeutschen – von der Gartenlaube bis zu Lausitz.
Ismael Fischmord-Website


