Die junge Dame im Stadium Ticket Centre möchte allen Ernstes ein ärztliches Attest sehen, wenn ein Ticket aus Krankheitsgründen umgeschrieben werden soll. Fünf Minuten Diskussion erst dann kann man diesen Unsinn unterbinden. Die meist blutjungen Volunteers können nichts für dieses kleine Chaos – sie sind freundlich, fleißig und überfordert.
Die Welt soll zu Gast bei Freunden sein, und ich bin zu Gast in Hamburg, um mir das Spiel Argentinien gegen Elfenbeinküste anzusehen.
Vor den Stadiontoren setzt sich die „Organisation“ aus dem Ticket Center nahtlos fort. Urplötzlich und ohne dass es dafür auf einem der zahlreichen Verbotsschilder einen Anhaltspunkt gegeben hätte, müssen große Rucksäcke am Einlass abgegeben werden. Wie man das Wort „groß“ definiert, darüber hat man sich keine Gedanken gemacht. Also gibt auch hier ein Wort das andere und am Ende gibt es ein Riesengedrängel vor einem kleinen Container, der nun Gepäck aufbewahrt, obwohl er dafür gar nicht geeignet ist.
Im Stadion selbst empfängt mich eine wunderschöne Stimmung, wenn die Argentinier voller Inbrunst singen und tanzen. Eigentlich kann man das nicht beschreiben, aber wenn man das Wort Magie mit der WM in Verbindung bringen will, jetzt bietet sich eine günstige Gelegenheit.
Dann übernimmt die FIFA das Kommando. Auf den Videowürfeln dürfen die Werbepartner ihre Botschaften verbreiten, Herbert Grönemeyer muss zu Wort kommen. Die Bässe wummern, es ist furchtbar laut und jeder der Einspieler wirkt wie ein Schlag in die Magengrube der Fußballseele.
Irgendwann betreten ein paar Männer in Anzügen und schicken braunen Schuhen den Rasen, sie prüfen die Tornetze und machen Fotos von ein paar Spruchbändern, die womöglich irgendwelche Richtlinien verletzen könnten. Man möchte diese Funktionäre fragen, ob sie sich nicht lieber für die Lücken in den Zuschauerrängen schämen wollen. Im Hamburger Stadion hätten noch einige Fans Platz finden können und spontan fallen mir in meinen eigenen Bekanntenkreis mindestens 10 Leute ein, die viel dafür geben würden, wenn sie an diesem Abend hier sein könnten.
Während des Spiels bekomme ich eine Gänsehaut und mir schießt die eine oder andere Träne ins Gesicht, nur weil die Spieler von der Elfenbeinküste so großartig mit dem Ball umgehen, und weil ihre wenigen Fans das Publikum so wunderbar mit ihrem rhythmischen Klatschen infizieren. Und irgendwann um die 60. Minute herum behauptet der Stadionsprecher, das Spiel sei ausverkauft. Zum Glück können die meisten Gäste aus Südamerika und Afrika ihn nicht verstehen, sie feiern und lieben dieses Spiel einfach weiter - unerschütterlich.


