Footage - Magazin für Fußball und Popkultur



09.02.2012 02:23:06

Das Warten hat ein Ende

Die footage WM-Kolumne # 10

Schon seit vielen Wochen ist Deutschland im WM-Fieber. Die kleine Bäckerei um die Ecke verloste WM-Tickets, der örtliche gutbürgerliche Gasthof kreierte ein eigenes WM-Menü „Samba do Brasil“ und ganze Monatsgehälter wurden in panini-Klebebildchen investiert. Niemand konnte sich mehr dem WM-Rummel entziehen.
Selbst sterile Schaufensterauslagen von Reinigungen und Wäschereien, die über Jahre hinweg nur ausgeblichene Plakate, langweilige Teppichreiniger und tote Insekten vom Vorsommer zu bieten hatten, wurden im WM-Styling aufgepeppt.
Die Medien bombardierten die Zuschauer schon seit vielen Wochen mit allerlei Informationen rund um die Fußballweltmeisterschaft. Egal, ob es sich um ein Interview mit der früheren Gitarrenlehrerin von Arne Friedrich handelte oder mit dem längst pensionierten Postboten Gerd H., der in der DDR für die Familie Ballack zuständig war. Und vor allem: Es war nicht wichtig, wie groß der Informationsgehalt oder auch Unterhaltungswert für den Konsumenten war.
Hauptsache, der Beitrag beschäftigte sich im weitesten Sinne mit der WM und füllte Sendezeit bzw. Zeitungsseiten.

Wer da leise aufstöhnte und den Wunsch äußerte, dass es doch bitteschön bald losgehen möge mit der WM, damit sich der Kommerz irgendwann einmal legt, erntete nur Unverständnis: Die WM im eigenen Land, dass sei doch ein Riesenereignis, dem sich niemand entziehen sollte!
Einige Zeitgenossen verknüpften sogar aktuelle Aspekte des Arbeitsmarktes mit der WM und verwiesen stolz darauf, dass die WM viele zusätzliche Arbeitsplätze schaffe. Dieses Argument ist aber nur zum Teil richtig. Einerseits wird der überwiegende Teil der anfallenden Tätigkeiten von den Volunteers abgeleistet und diese arbeiten bekanntermaßen ehrenamtlich.
Und zum anderen bringen die ausländischen Teams ihren eigenen Fachleute mit, so dass sich kein deutscher arbeitsloser Krankenpfleger um einen verletzten Brasilianer kümmern muss. Oder ein arbeitssuchender deutscher Sportjournalist plötzlich Spielberichte für die australische Version des „Kicker“ schreibt.

Wie dem auch sei, dass Warten hat ein Ende. Am Freitag begann die WM nach einer schwungvollen Eröffnungsfeier im WM Stadion München mit einem ordentlichen 4:2 der deutschen Mannschaft gegen Costa Rica.
Diejenigen, die in den kommenden Wochen nicht live im Stadion dabei sein können, werden
es sich vor dem Fernseher gemütlich machen. Eingekleidet in das Fan-Trikot der größten deutschen Telefongesellschaft, ein Bier der WM-Edition (mit Stickern der Weltmeister-mannschaften 1954-1974-1990 und sämtlicher Ehrenspielführer der Nationalmannschaft) in der linken, die WM-Paprikachips (mit beiliegender Fan-Tröte in schwarz-rot-gold) in der rechten Hand. Und sie alle werden darauf hoffen, dass es irgendwann nach dem 09.Juli wieder normale Chips zu kaufen gibt. Ohne Tröte in schwarz-rot-gold.

Autor: Jörg Scharnweber

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