Footage - Magazin für Fußball und Popkultur



09.02.2012 02:44:30

"KuFu" oder wie die WM beginnt

Die footage WM-Kolumne # 7

Der Blick in die Zukunft wird immer wieder gern genommen, aber ich könnte schwören, dass die folgenden Prophezeiungen eintreten werden.

Es ist Freitag, der 9.6.2006. Noch knapp eine Stunde, dann wird die Fußball-Weltmeisterschaft mit der Partie Deutschland gegen Costa Rica eröffnet.

17.02 Uhr

Das FIFA WM-Stadion in München ist höchstens zu zwei Drittel gefühlt. Vor allem im VIP-Bereich herrscht noch gähnende Leere. In der gebotenen Eile sind Sicherheitskräfte nun beauftragt worden, die Arena mit Hartz-IV-Empfängern aufzufüllen. Die Tätigkeit „Stadionbesucher“ wird in den kommenden Wochen als offizieller Ein-Euro-Job anerkannt.

17.28 Uhr

Sepp Blatter hat vergessen, ob er eine Rede halten soll oder nicht. Stattdessen hantiert er mit einem Zollstock unter seinem Sitzplatz herum. Er moniert, dass sich sein Sessel nicht auf Augenhöhe mit der Mittellinie befindet. Es kommt zu einem Wortgefecht mit Franz Beckenbauer.

17.50 Uhr

Um das Motto „Die Welt zu Gast bei Freunden“ mit Leben zu füllen, hat sich der DFB etwas ganz Besonderes einfallen lassen. Hostessen werfen Bananen in den Block, in dem sich 62 zahlende Fans aus Costa Rica befinden.

17.53 Uhr

Die Bananen befinden sich dank der wurfkräftigen Mittelamerikaner alle wieder im Innenbereich des Stadions. Sie liegen nun vor Oliver Kahn.

18.15 Uhr

Durch die Diskussionen mit Blatter und die etwas zögerlich eintrudelnden Arbeitslosen verschiebt sich der Anpfiff des Spiels um ca. 15 Minuten. Der Stadionsprecher verkündet, dass diese Verspätung von der Deutschen Bundesbahn präsentiert wird. Während der WM werden alle Spielverzögerungen und Verspätungen von der Deutschen Bundesbahn präsentiert.
ZDF-Reporter Bela Rethy wendet sich an den Moderator im Studio: „Wie bist du eigentlich heute nach München gekommen, Johannes?“ „Mit Air Berlin, natürlich“ antwortet Kerner. Dann wird die Partie Deutschland gegen Costa Rica angepfiffen.

18.22 Uhr – 5. Spielminute

Jens Nowotny knickt unglücklich um. Er muss ausgewechselt werden, erste Diagnose: Kreuzbandriss.

18.42 Uhr – 25. Spielminute

Einem „Flitzer“ ist es gelungen, auf das Spielfeld zu stürmen. 40 Beamte des SEK sprühen ihm gleichzeitig Pfefferspray ins Gesicht und malträtieren ihn mit Schlagstöcken. Dann verschwinden sie mit dem armen Kerl in den Katakomben des Stadions.

18.54 Uhr – 37. Spielminute

Robert Huth wird im Strafraum der Costa Ricaner angeschossen, es steht 1:0 für Deutschland.

19.02 Uhr – Halbzeit

Lothar Matthäus erklärt sich in einem Interview bereit, die Nationalmannschaft Costa Ricas in den zweiten 45 Minuten als Interimstrainer zu übernehmen.

Im Stadion kommt noch einmal das offizielle Kulturprogramm des Deutschen Fußball Bundes zu Wort. Im Mittelkreis haben sich 7 Cellisten aus China eingefunden, die spärlich bekleidet auf ihren Einrädern flinke Pirouetten drehen. Gleichzeitig spielen sie auf ihren Instrumenten und rezitieren Verse von Konfuzius, in denen das Wort „Ball“ vorkommt. André Heller hat trotz abgesagter Eröffnungsgala noch einmal alle Register gezogen und das Projekt „KuFu“ genannt. "Ku" steht für Kunst und "Fu" für Fußball.

19.17 Uhr - Anpfiff zur zweiten Hälfte

19.30 Uhr – 58. Spielminute

Wieder gelingt es einem Flitzer auf das Spielfeld zu stürmen. Die Person ist nackt und reckt triumphierend eine Dose Nutella in den Münchner Abendhimmel. Kurze Zeit später wird Kevin Kuranyi von 106 Polizeibeamten in Handschellen abgeführt.

19.52 Uhr – 80. Spielminute

Paulo Wanchope schießt Robert Huth im Strafraum der Deutschen an. Es steht 1:1.

20.02 Uhr – Abpfiff. Der Vorhang fällt.

23.58 Uhr

Johannes B. Kerner fliegt mit „Air Berlin“ von München nach Berlin.

Autor: Arne Jens

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