Footage - Magazin für Fußball und Popkultur



09.02.2012 02:33:38

Bobic, Schnoor und Breitner

Die footage WM-Kolumne # 6


Wenn die BILD am Sonntag zwanzig Tage vor einer Fußball-Weltmeisterschaft im idyllischen Lahr gegen Costa Rica verliert, stellt sich ausnahmsweise nicht die Frage nach den Gründen für Sieg oder Niederlage, sondern viel mehr die nach dem „Warum“. Groß sind die Zweifel, dass es für ein derartiges Spiel einen Sinn gibt. Wer braucht ernsthaft eine von Paul Breitner trainierte Mannschaft mit Leuten wie Schnoor, Wenzel und Bobic, um herauszufinden, wie gut die Herren Wanchope, Hernandez oder Drummond sind? Klar – man muss informiert sein über die deutschen Gruppengegner – aber lief das nicht mal anders?

Nicht lange her, da hat man einfach zwei Stunden lang das KICKER-WM-Sonderheft – in diesem Fall das Länderportrait Costa Ricas – studiert und wusste fortan, was im ersten Spiel auf die deutsche Mannschaft und damit auf einen selbst zu kam. So habe ich mich jedenfalls 1982 auf Belloumi, 1986 auf Francescoli, 1990 auf Prosiniecki, 1994 auf Sanchez, 1998 auf Dooley und 2002 auf Al-Jaber vorbereitet. Und: Noch jedes Mal hat es funktioniert – jedenfalls hat mich nie einer überrascht, auch Tom Dooley nicht.

Dieses Mal also ein wochenlang angekündigtes Spiel der sogenannten BamS-Mannschaft gegen Costa Rica. Die Vermarktungmaschinisten des Axel-Springer-Hauses hatten ganze Arbeit geleistet: die Kampfbahn an der Lahr war ausverkauft, die Nation nahm Anteil und Paul Breitner redete wie immer wirren Klartext. Das nennt man wohl „angerichtet“.
Eigentlich müsste man als geneigter Fußball-Fan ob solcher Veranstaltungen in etwa so ungestüm reagieren wie einst Jesus von Nazareth, als er das Passahfest besuchte. Allein: Man tut es nicht. Viel mehr hat man sich einfach an diesem Stumpfsinn – es war einfach zu viel in den letzten zwölf Monaten – gewöhnt. Man resigniert, auch wenn man noch nicht so weit ist, sich kreuzigen zu lassen, um Abhilfe zu schaffen. Noch nicht jedenfalls.

Es ist gerade mal vier, acht, zwölf, sechszehn, zwanzig und vierundzwanzig Jahre her, dass ich so kurz vor einem WM-Eröffnungsspiel nachts nicht schlafen konnte oder dass ich abends Freunde anrief, nur um mit ihnen zu besprechen wie man Sanchez, Francescoli oder Prosiniecki ausschalten kann.
Dieses Mal frage ich mich ernsthaft: Wird es nicht langsam Zeit sich vorzubereiten? Wird es nicht langsam Zeit endlich zu fiebern? Wird es nicht Zeit, beispielsweise den Heilungsverlauf von Philipp Lahms Unterarm vom 9. Juni ausgehend zurück zu rechnen, um sicher zu gehen, dass er rechtzeitig zum Eröffnungsspiel in Top-Form kommen kann? Wird es nicht Zeit im KICKER-Sonderheft die gefährlichsten Puerto Ricaner, die besten Ecuadorianer und die schnellsten Polen ausfindig zu machen?
Anders gefragt: Wird es nicht Zeit, dass es endlich los geht?
Mir bleibt – so traurig es ist – nur eine Antwort: So lange die BILD am Sonntag selber spielt und dabei von Paul Breitner trainiert wird und so lange Schnoor, Wenzel und Bobic gegen Costa Rica kicken – so lange geht noch gar nichts los!
So viel zum „Warum“!

Autor: Sascha Theisen

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