Footage - Magazin für Fußball und Popkultur



09.02.2012 02:48:59

Pfuscher zu Gast bei Charakterschwäche

Die footage WM-Kolumne # 5

Noch 21 Tage sind es bis zum Sepp-Blatter-Marketing-Event und man weiß nicht so recht was man über den Weltfußball der neuesten Neuzeit denken soll. Als Appetitmacher taugen die jüngsten Ereignisse jedenfalls nicht. Die Schlaglichter der Woche haben mich derart verwirrt, ja erschüttert, dass ich inzwischen schlecht schlafe und mir der Kopf brummt. Was soll das alles? Wir lesen, dass ein polnischer Torwart aus dem Fernsehen erfährt, dass er zuhause bleiben muss. Wir erfahren, dass der Argentinier Demichelis sogar nicht mehr leben will, weil er nicht zum WM-Kader gehört.

Nebenbei hat in Italien ein gewisser Herr Moggi mal eben die komplette Serie A verschoben - seit acht Jahren. Rudi Assauer wird zum Rücktritt gezwungen. Die Schweizer Agentur ISE ist auf 15.000 Vip-Tickets sitzen geblieben und versucht, die Karten fürs üppige Hummer-Buffet mit Rasenschach im Hintergrund nun verbilligt an ihre Mitarbeiter zu verramschen. Das OK will die Tickets lieber an echte Fans weiterreichen – per Optionsticketprogramm. Ich logge mich auf der Fifa-Seite in selbiges ein, komme viermal bis Ebene neun, dann blinkt eine Fehlermeldung auf: Derzeit keine Datenübertragung möglich. Ha! Kein Problem, ich habe ja schon Verkaufsphase 1 bis 6 erfolglos überstanden.

Loser suchen gewöhnlich Ablenkung via TV, natürlich mit Live-Fußball, was sonst. In Mannheim janckert der Sportkamerad Hanke derart hüftsteif über die badische Wiese, dass man sich fragt, warum man nicht selbst nominiert wurde. In Paris vergisst die Uefa, dass zu einem Finale auch ein Referee mit Finalqualität gehört. Ein Norweger beim europäischen Königstreffen ist wie wenn ein mexikanischer Tequilabauer das Eishockey-WM-Endspiel pfeifen würde. Was kommt wohl morgen auf uns zu? Ich zittere ja schon, wenn ich den Sportteil aufschlage. Das ist nicht mehr der Fußball, den wir Ende der Siebziger begannen zu lieben, der in langen Jahren zum Lebensinhalt wurde. Klar, wir wissen das längst.

Aber passiert eigentlich gar nichts Normales mehr, bestaunen wir nur noch Nichtskönner, Zehenföner, Vorzeigefilz, Peinlichkeiten, Korruption, Schiebung und Profitgier? Mir fällt da nur noch Oleguer Presas ein. Der wurde vom spanischen Nationalcoach berufen für das Freundetreffen, sagte aber ab. Begründung: Er sei Katalane und kein Spanier. Ein Dummkopf, sagen viele. Mag sein, vielleicht ist er sogar arrogant, ja ignorant, aber der Mann hat zumindest eine ehrliche Haltung. Und er geht das Risiko ein, etwas zu verpassen. Das imponiert mir. Denn wir, wir kommen aus dieser schäbigen Gruselnummer „Fifa WM 2006“ ganz sicher nicht mehr raus.

Autor: Erik Wegener

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