Die Konkurrenz der beiden Großstädte wird nicht nur im rheinischen Karneval besungen. Aber sucht man nach wirklichen Unterschieden in zwei zankenden Nachbarstädten, gibt’s nur ein Rezept: Man macht sich selbst ein Bild - am besten abends und am besten beim … Bier!
Ein offensichtlicher Unterschied der beiden Städte findet sich schon auf den ersten Blick: in ihren Wahrzeichen. Der Kölner Dom, 594 Jahre lang gebaut auf der einen, der Fernsehturm in Düsseldorf auf der anderen Rheinseite – fertig gestellt im Jahre des Herrn 1982, nach überschaubaren 3 Jahren Bauzeit.
Das klingt zunächst einmal nach Hochkultur und trister Betonkunst, nach gewachsener Tradition und postmoderner Fernsehnadel. Und, in diesem Beispiel, ein bisschen nach „auf-den-ersten-Blick-verloren“.
Die Liste der Gegensätze ist natürlich über die Wahrzeichen hinaus (fast) beliebig erweiterbar. Fortuna Düsseldorf: Regionalliga. Der 1. FC Köln – gerade abgestiegen, aber immerhin: Zweite Bundesliga. Altbier und Kölsch. Die Toten Hosen und BAP. Joseph Beuys und Gerhard Richter. Bettina Böttinger und Wolf-Dieter Poschmann. Metrostars und Haie. … Erdig trotz Großstadt gegen Etepetete trotz Dorf? Keine leichte Frage.
Hilfreich ist also ein zweiter Blick auf die Anr(h)einer, schließlich zieht man ja nicht wegen der Kirchen oder Fernsehtürme in eine Stadt. Auch nicht unbedingt wegen der Sportvereine oder der berühmten Kinder. Und schon gar nicht wegen der Shopping-Möglichkeiten im High-Budget-Bereich, denn die Kö(nigsallee) fällt den meisten sicherlich rasch ein, wenn es um Düsseldorf geht.
Es geht vielmehr um das alltägliche Leben, um Zerstreuung: das „Ankommen“ nach dem Umzug. Hat man einmal seinen Beruf oder seinen Studienplatz, seine große Liebe, eine schöne Wohnung – oder einfach einen Ort gefunden, an dem man erstmal bleibt, ist das ein Grund zum Feiern. Und das tut man am besten, wenn die Bürolampen aus- und die Kneipenlichter angehen – sowohl in Düsseldorf, als auch in Köln.
Erreicht ist er also schon mal, der Rhein. Genauer gesagt: sein Flussbett. Fortan gibt der längste Fluss Deutschlands seinen Anwohnern Grund zu der unvermeidlichen Frage nach der „richtigen“ und der „falschen“ Seite, die es bis auf Wikipedia geschafft hat. Schäl Sick heißt es dort ganz neutral, sei dasjenige Ufer, in das die treidelnden Pferde im Morgen- und Abendlicht blinzeln mussten, also schäl oder scheel oder schief kuckten.
Der Lastentransport per Kahn, das sieht man sogleich, war langwierig. Im Gegensatz zu früher haben heute wohl die wenigstens Großstädter genug Zeit, um sonnengeblendetes Nutzvieh zu beobachten.
Und mit dem Ersetzen des Pferdes als Transportmittel durch S- und U-Bahn können wir eigentlich auch die Frage nach der „richtigen“ und der „falschen“ Rheinseite in der Geschichte verblassen lassen. Es ist ohnehin – Tierschützer mögen mir verzeihen – völlig egal, ob das Pferd blinzelt, wenn dem Reiter die Seite gefällt.
Das Leben in beiden Großstädten ist schnell. Hektisch. Intensiv. Der ÖPNV fährt in Köln meist im Fünfminutentakt. Ein Ärgernis ist es für die meisten Kölner dann, wenn sie in Düsseldorf des Nachts vor leeren Anzeigen stehen. Ab ca. ein Uhr kommt das ohnehin schlechter ausgebaute Verkehrsnetz meist gänzlich zur Ruhe. Das Dorf kommt zum Vorschein. Wer sich weit bewegen will, muss Taxi fahren oder zu Fuß gehen.
Freizeit-infrastrukturell ist es aber auch nicht unbedingt nötig, große Distanzen in der Düsseldorfer Nacht zurückzulegen. Dem Vergnügen bietet Düsseldorfs Altstadt ein relativ breites Tapet. Eindeutig nicht aus einem Stück geschnitzt steht die längste Theke der Welt als Kern der Stadt, in dem eigentlich jeder unterwegs ist, den es nicht in die wenigen großen Diskotheken oder die eher verborgen blühenden „Szeneviertel“ zieht.
Und hierin lässt sich einer der wirklich gravierenden Unterschiede zwischen beiden Städten erkennen. Die Zahl und das Spektrum an Kneipen, Bars und Clubs, die die Altstadt bietet, ist in Köln so nicht zu finden. Tagsüber Shopping, abends feiern. In Köln müsste als Preis für höhere Vielfalt mindestens einmal die Bahn genommen werden. Das Belgische Viertel mit seinem alternativen Flair oder die Zülpicher Straße scheinen eher „nach Themen geordnet“. Das fehlt der Altstadt, sie ist nicht durchgängig originell. Aber original, und davon eben viel.
Die Entscheidung für einen speziellen Auftakt der Zerstreuung muss also in Düsseldorf nicht vor Beginn des Abends getroffen werden. Es bedarf weniger Planung als in Köln. Ob dem Bewohner „eher nach Cocktails“ oder doch „nach Tanzen“ ist, kann spontan entschieden werden.
In Düsseldorf bezeichnet man die Kölner Einzelteiligkeit mitunter vielleicht deshalb als „Ansammlung von Eifeldörfern“. Der Kölner, wie der Kölner sich gerne bezeichnet, empfindet die Zentralität als „homogene Marktplatzatmosphäre“.
Beide Arten der Abendgestaltung bieten also ihre Vorteile, wenngleich Düsseldorf für den Einstieg ins „Rheinländertum“ ein bisschen unkomplizierter ist. Aber die Wahl liegt letztlich im (blinzelnden) Auge des Betrachters.
Einigkeit, und so ist es nun mal am Rhein, besteht allerdings hierin: Anschluss findet man immer noch am besten bei einem Bier. In welcher Farbe auch immer.

