Früher konnte man auch ohne Insiderkenntnisse und mafiöse Beziehungen todsicher Wetten gewinnen. Als zum Beispiel das „Tor des Monats“ noch durch das rhythmische Klatschen des Santa Esmeralda-Hits „Don´t let me misunderstood“ präsentiert wurde, stand mit jeder Beteiligung der deutschen Nationalmannschaft der Sieger bereits fest. Tore der DFB-Elf landeten eigentlich immer auf Platz 1 und konnten wenn überhaupt dann nur durch den unvermeidlichen Fallrückzieher gebremst werden.
Heute ist das anders, nicht nur weil das Tor des Monats mittlerweile mehrere kleinere Geschwister namens Tor der Woche hat. An diesem Wochenende konnte Florian Kringe im Dress des BVB Oliver Neuville im Trikot der deutschen Nationalmannschaft in die Schranken weisen. Ob sein strammer Weitschuss gegen den HSV schöner war als der Treffer des Gladbachers gegen die US-Amerikaner, lässt sich natürlich nicht beantworten. Klar ist aber, dass dem Fan auch wenige Wochen vor der WM der eigene Lieblingsverein viel näher ist als das deutsche Auswahlteam. Zum einen weil das DFB-Team oft in den internationalen Vergleichen schlecht aussieht, die den meisten Bundesligaclubs (zum eigenen Glück) in der Regel erspart bleibt. Zum anderen, weil die Generation Praktikum sich auch im Fußball wiederspiegelt. Man gibt sich mit wenig zufrieden, man ist sich im heimischen Kreis genug. Warum soll man in die Ferne schweifen, wenn es in der Nähe schon genug Probleme gibt?
Alles Unsinn, alles ambivalent? Aus ganz anderen Gründen hätte ich jedenfalls auch für Kringe gestimmt.

