Footage - Magazin für Fußball und Popkultur



09.09.2010 06:11:52

Die Mutter aller Tiefschläge

Die footage-Ligakolumne - 24. Spieltag

Der Spieltag war voller Tiefschläge: Für die Bayern, die erstmals in ihrem Testosteron-Autoreifen verloren, für Jürgen Klinsmann, da ausgerechnet Christian Wörns gegen Mainz traf und für die Fans von Hertha BSC Berlin, deren Verein sogar gegen den 1. FC Köln verlor. Tatsächlich fing der Spieltag aber schon am Donnerstag an – mit der ARD-WM-Show. Das Protokoll eines besonderen Tiefschlages:

20.20 Uhr: Moderator Jörg Pilawa betritt das Studio mit einem Sakko, auf das er die drei Sterne geklebt hat, die für die drei deutschen WM-Titel stehen. Pilawa sagt: „Ciao“. Ein Witz – Deutschland hatte einen Tag zuvor in Italien vier Stück gekriegt.

20.23 Uhr: Pilawa stellt seine Mannschaft für den bevorstehenden Fernsehabend vor – ein illustrer Kreis voller Fußball-Fachleute: Verona Pooth, Tim Mälzer, Ulla Kock am Brink und Günther Jauch. Man wird über die WM 1974 sprechen.

20.27 Uhr: Ulla Kock am Brink erklärt, warum gerade sie bei dieser Sendung zu Gast ist. Sie sei damals – 1974 – „ziemlich rabaukig“ gewesen. Aha. Verona Pooth übrigens ist da, weil sie 1974 in die Schule gekommen ist. Ich gucke ihr in den Ausschnitt, soweit man das vom eigenem Sofa aus kann.

20.33 Uhr: Eine Home-Story über Ulla Kock am Brink lockert die Sendung auf. Schwester Ina und Mutter Helga erzählen, wie Ulla ihre Jugend auf dem Bolzplatz in Bottrop verbracht hat. Ulla sagt: „Damals wurde ich Ulla Müller oder Ulla Hölzenbein gerufen.“ Mir wird zum ersten Mal richtig schlecht. Als sie in der nächsten Einstellung genau auf „ihrem“ Bolzplatz Gerd Müllers Siegtor gegen Holland nachspielt, kommt mein Abendessen hoch.

20.40 Uhr: Nachdem Ulla den Ball jongliert hat, soll Verona Pooth auf Pilawas Wunsch hin ebenso ein Kunststück vorführen. Sie wirft den Ball 10 cm hoch und fängt ihn sicher. Anschließend steht sie auf und verbeugt sich. Das Publikum applaudiert amüsiert. Ich muss wieder kotzen – Galle diesmal.

20.50 Uhr: Gerd Müller und Paul Breitner stoßen zum erlauchten Kreis. Die Hoffnung stirbt zuletzt. Ich bleibe also dran. Nützt nichts - Gerd Müller hat ein Wollknäuel im Mund und Paul Breitner Buchstabensuppe gegessen – er faselt sich schwindelig.

21.02 Uhr: Tim Mälzer macht Kartoffelsalat. Gerd Müller ist sauer, denn er (der Kartoffelsalat) ist mit Mayonnaise. Das mag er (Müller) nicht. Mälzer beschuldigt seine Mutter.

21.15 Uhr: Breitner faselt weiter. Die Beiträge dazwischen – etwa der über Horst Dahmker, Koch von 1974 – lassen mich überleben.

21.36 Uhr: Verona blättert im Otto-Katalog von 1974. Sie soll sich ein Kleid aussuchen und es nachher anziehen, weil: 1974 war ja die WM. Sie entscheidet sich für ein oranges Kleid aus Elastahn. Keiner macht den „Oranje-Witz“. Aber gut mit Elfmetern hat das ja hier eh nichts zu tun. Verona geht aus dem Studio, um sich umzuziehen. Ich hoffe, dass sie nicht wieder kommt.

21.42 Uhr: Gerd Müller wird zum Stürmer des Jahrhunderts gewählt. Er freut sich. Pilawa fragt aber nicht, was jetzt in ihm vorgeht. Mälzer macht Hühnerfrikassee.

21.51 Uhr: Verona kommt wieder. Sie hat das Kleid an und fragt Pilawa, ob sie ihre Gage gegen WM-Karten tauschen darf. Ich überlege, ob ich die WM boykottiere.

21.55 Uhr: Günther Jauch, Tim Mälzer, Ulla Kock am Brink und Verona Pooth schießen in ein Tor, in dem ein Geschwindigkeitsmesser steht. Sie wollen rausfinden, wer am härtesten schießen kann. Mälzer gewinnt. Er freut sich diebisch.

21.57 Uhr: Die Band Brings spielt „Fußball ist unser Leben“. Alle Bandmitglieder haben rot-schwarz karierte Hosen an. Sie spielen Playback. Brings kommt aus Köln und gerade war Karneval.

22.02 Uhr: Pilawa kündigt die nächste Sendung an. Es soll um die WM 1990 gehen. Stargast ist Florian Silbereisen. Der ist Volksmusikant.

Autor: Sascha Theisen

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