Footage - Magazin für Fußball und Popkultur



09.09.2010 06:04:37

Die Ecke

Die Einzelheiten des Fußballspiels - eine footage-Serie zur WM 2006

„Drei Ecken, ein Elfer“ – früher haben Freizeitfußballer diese Regel aufgestellt und tatsächlich manchmal befolgt. Heute würde niemand mehr mit dieser Forderung durchkommen. Zehn Ecken können im Einzelfall mit einer ähnlichen Wahrscheinlichkeit wie ein Elfmeter zum Tor führen, drei schaffen das mit Sicherheit nicht.

Doch immer noch werden Ecken mit wohlwollendem und manchmal gar frenetischem Beifall begrüßt – so wie ein altehrwürdiger Schauspieler, der die Bühne betritt. In Jubel artet das Ganze meist dann aus, wenn das Spiel Spitz auf Knopf steht und der Schlusspfiff in der Luft liegt.

Dann sind Ecken die letzte Hoffnung, der Strohhalm an den sich Fans und Spieler klammern. Der Torwart eilt nach vorne, 21 Spieler versammeln sich in einem Strafraum. Sie zupfen, zerren und hoffen, dass der Ball ausgerechnet ihnen auf den Kopf oder die Füße fällt. Nur ein Spieler steht einige Meter entfernt, und deutet mit den Fingern seiner Hand noch eine Variante an. Viel Erfolg wird er damit wahrscheinlich nicht haben, denn wenn es Fußballspielmomente gibt, in denen alles dem Zufall überlassen bleibt – dann sind es Eckbälle in den letzten Minuten der Partie.

Theoretisch gibt es viele Möglichkeiten, eine Ecke auszuführen. Selten und eher unfreiwillig wird der Ball flach gespielt, doch meistens segelt er hoch auf den kurzen oder den zweiten Pfosten. Manchmal landet er auch an der Strafraumgrenze, wo sich ein schussstarker Spieler an einer Direktabnahme versuchen kann.

Neue Einfälle genießen bei Eckbällen jedenfalls inzwischen einen echten Seltenheitswert. Vielleicht liegt es daran, dass vor der Ausführung im Strafraum vor allem eines herrscht – die feste Zuordnung, und kaum ein Begriff klingt so sehr nach unterdrückter Kreativität.

So ist die Ecke mittlerweile das klassische und bei Fußball-Ästheten nicht besonders beliebte Beispiel für eine Standardsituation. Standard steht dabei nicht nur für einen festen Status Quo, sondern auch für Durchschnittlichkeit. „Hoch rein und hoffen, dass etwas passiert“, ist das Credo vieler Ecken geworden. Aber Mannschaften, die so zum Erfolg kommen, verkörpern selten mehr als fußballerisches Mittelmaß.

Was die Ecke bräuchte wäre eine Evolution, damit sie endlich wieder so gefährlich wie ein Elfmeter wird – zumindest jedes dritte Mal.

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Autor: Arne Jens

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