Footage - Magazin für Fußball und Popkultur



09.02.2012 02:22:03

Der Einwurf

Die Einzelheiten des Fußballspiels - eine footage-Serie zur WM 2006

Der Einwurf ist so etwas wie der Sidekick des Fußballs. Früher hat Manuel Andrack bei Harald Schmidt den Ball aufgenommen und zurückgeworfen, das Spiel, die Show hatte sich danach verlagert. Genau das passiert beim Einwurf auch – zumindest theoretisch.

Praktisch wird der Einwurf unterschätzt und oft ungerecht behandelt. Weder bei Spielern noch bei Fans ist er sonderlich beliebt. Er ist ein notwendiges Übel und gilt als Sicherheitsrisiko. Einen guten Ruf hat der Einwurf nur dann, wenn er in der Nähe des gegnerischen Strafraums als Flanke in den Strafraum segelt. Dieser Job wird dann von Spielern erledigt, die früher während der Bundesjugendspiele im Kugelstoßen fleißig Punkte gesammelt haben.

Doch in der Regel ähnelt der Einwurf einer Aktion, gegen die sich der Spieler sträubt. Mit den Ball in den Händen wendet und windet er sich hin und her, ohne eine Lösung für das wichtigste aller Fußballprobleme zu finden: „Wohin mit dem Ball?“
Einfach mal draufhalten fällt als Lösungsansatz flach. Das kann nur alle Jubeljahre mit den Händen von Uwe Reinders und der Hilfe von Jean Marie Pfaff gut gehen.

Viel größer sind die Chancen, dass der Einwurf nicht der Norm entspricht und zum falschen Einwurf mutiert. Wohl jeder Fußballer könnte an jeder Außenlinie die Abseits-Regel fehlerfrei erklären, aber gibt es nicht diesen einen Moment, in dem der Ball spätestens die Hände verlassen haben muss? Im Regelwerk des DFB wird die Antwort verschwiegen, stattdessen gibt man sich philosophisch: “Der Ball ist im Spiel, sobald er innerhalb des Spielfeldes ist.“

Doch der Einwurf stellt nicht nur den ausführenden Spieler vor Probleme - sondern auch denjenigen, der den Ball bekommen soll. Er muss blitzartig entscheiden, welches Körperteil zum Stoppen oder Weiterleiten des Spielgerätes geeignet ist. Keine leichte Aufgabe, denn Einwürfe landen gerne im Niemandsland zwischen Brust und Oberschenkel – dort, wo es weh tun könnte und wo nichts existiert, das die problemlose Verarbeitung eines Fußballs garantiert.
Nicht zuletzt deshalb gleicht der Einwerfende nicht selten einem aufdringlichen Angeber, der seinen Klassenkameraden wieder eines seiner amourösen Abenteuer erzählen will. Folgerichtig suchen seine Kollegen das Weite - über die ganze Breite des Spielfeldes verteilt.

Fast logisch also, dass sich die geringe Wertschätzung des Einwurfs auch in den Medien wiederspiegelt. Wenn der Reporter „Aus“ oder „Einwurf“ konstatiert, klingt immer ein Stückchen Resignation in seiner Stimme mit - bei einer Ecke fügt er hingegen häufig ein gönnerhaftes „immerhin“ hinzu, manchmal bricht er auch in leisen Jubel aus.

Ich wünsche mir, dass der Einwurf bis zur WM 2006 Karriere macht. Wäre ich Trainer, würde ich Einwurf-Varianten einstudieren, nach denen meine Mannschaft Raumgewinn verzeichnet und in Ballbesitz bleibt. So was ähnliches haben Manuel Andrack und Harald Schmidt ja schließlich auch geschafft.

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Autor: Stanley Weiss

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