Was einige verwunderte, geschah letztendlich doch: Ein Jahr nach der Fußball-Apokalypse 2006 wurde weiter in aller Öffentlickeit gegen den Ball getreten. Ein Glück – wie hätten wir sonst die alljährliche Rangliste der Top-5 Fußball-Momente erstellen können. Hier ist sie:
Platz 5:
Am Ende des Jahres erreichte uns eine Geschichte aus dem fernen Paraguay, die genau die nötige Schwere von kitschigem Pathos in sich trägt, die Generationen von Fußball-Reportern den Satz „Eine Geschichte, die nur der Fußball schreibt“ schwatzen lässt. Julio Gonzalez, einst hoch gehandeltes Talent aus Paraguay, verlor in Folge eines Autounfalls Ende 2005 seinen linken Arm – eigentlich das Ende einer noch jungen Karriere. Bis dahin hatte der Nationalspieler in Italien bei Vicenza gekickt und gute Aussichten bei der WM in Deutschland für sein Land die Stiefel zu schnüren. Das schien zu Ende noch bevor es angefangen hatte. Von wegen: Ende diesen Jahres vermeldeten die Agenturen die Rückkehr von Julio Gonzalez – nicht in Italien, sondern in Paraguay. Dort spielte Gonzalez 90 Minuten in der ersten Liga für seinen Heimatverein Tacuary Asuncion. Sein Ziel: die WM 2010. Vielleicht eine Geschichte, die...
Platz 4:
Franck Ribery spielte sein gerade einmal zweites Bundesligaspiel, als er einen Ball aus der Luft auf seinem Spann parkte, den Fuß kurz nach oben wippte und mit dieser einen Bewegung gleich zwei Gegenspieler lächerlich machte. Anschließend blieb er nicht etwa stehen, um den verdienten Szenenapplaus zu genießen, sondern leitete in einem atemberaubenden Tempo den Gegenangriff ein, der ein einseitiges Spitzenspiel endgültig entschied. Was für eine Szene, was für ein Spieler!
Platz 3:
Kalle Rummenigge schaute aus dem Augenwinkel leicht erregt und etwas abstrus immer wieder zu seinem Sitznachbarn rüber – gerade so als wolle er nicht so recht glauben, wie dieser sich dort in Rage redete. Auf der Jahreshauptversammlung des FC Bayern brach es aus Uli Hoeneß raus, als gäbe es kein Morgen mehr. Die heftige Kritik an der Stimmung in seinem so teuren Stadion und an der Behandlung einiger Bayern-Fans durch den Verein - das schien zu viel für ihn. Und da ließ er es eben raus. Gut so – denn eins wurde klar: Der Uli steht mehr auf Seiten des Fans und weniger auf der des Kunden, als man es vielleicht vermutet hatte. Und noch eines wurde klar: Dem Kalle, dem wäre das nicht passiert.
Platz 2:
Der Ball von Petric schlug unten links an Scott Carson vorbei ins englische Tor ein. Ein Schuss, der bedeutete: Die EM in der Schweiz und Österreich findet ohne England statt – ein ordentlicher Tritt ins Gemächt der so Testosteron gesteuerten Fußballmacht. Ein noch größerer Tritt war allerdings die Haltung, die der englische Nationalcoach während und nach dem Spiel einnahm. Steve McClaren suchte während der gesamten neunzig Minuten Schutz unter einem überdimensionalem Regenschirm – vor dem Regenwetter in London aber wohl auch vor der Scham der Niederlage. Das war zu viel für das englische Fußball-Selbstverständnis. „Der Trottel mit dem Regenschirm“ wurde er am Tag danach von der erbarmungslosen Presse in England geschimpft. Hart aber gerecht!
Platz 1:
Als Rafael van der Vaart mit dem Trikot des FC Valencia in Händen von einer spanischen Zeitung lächelte, war ein weiteres Mal klar: Fußballer interessieren sich nicht für Vereine und deren Werdegang. Sie interessieren sich für den Augenblick. Der HSV blieb damals temporär standhaft und veränderte den Augenblick für van der Vaart. Der nahm ihn an und küsste fortan nach seinen Toren schamlos weiter das Hamburger Wappen auf seinem Trikot – in vielen Kommentaren war daraufhin von der Charakterstärke des Holländers zu lesen, der so gut mit dem Druck umgeht. In diesem Augenblick befindet sich van der Vaart im Urlaub und überlegt, ob er beim HSV verlängert oder ob er wechselt – nach Valencia, zu Juve oder doch noch England.
Das Foto, die Aufregung danach und die Huldigung van der Vaarts nach ein paar Toren im Anschluss zeigen deutlich: Charakterstärke ist nur ein Wort des Augenblicks – jedenfalls bei denen, die auf dem Spielfeld stehen und das Wappen auf ihrem Trikot küssen. Auf den Rängen im Stadion habe ich noch nie jemanden gesehen, der das Wappen seines Vereins küssen würde. Aber das ist ein anderes Thema, hier interessiert sich auch niemand für den Augenblick.
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