Ein Interview mit dem Bochumer Fußball-Filmer Ben Redelings über seinen neuen Film „Wem gehört das Spiel?“
footage: Ben, gemeinsam mit Martin Brand hast Du den Dokumentarfilm „Wem gehört das Spiel?“ gedreht. Darin geht es um die Vereinnahmung des Fußballs durch kommerzielle Interessen. Wie kam es zu der Idee für den Film?
Redelings: Es war ein eigenartiger Weg bis dahin. Martin Brand beschäftigt sich in seinen Arbeiten viel und sehr direkt mit Menschen, hat aber eigentlich keine Ahnung vom Fußball. Er glaubte, die Stadien wären immer noch ein Ort der rohen Gewalt und er fragte mich deshalb, ob wir etwas zum Thema „Hooliganismus“ machen wollten. Ich hatte nichts dagegen mich näher mit dieser „Randerscheinung“ zu beschäftigen, aber wir merkten doch recht schnell, dass das nicht das Thema war, das uns und vor allem die Leute draußen im Moment interessiert. Auch wenn es immer noch eher unpopulär ist, den Finger in die Wunde zu legen, genau hinzuschauen und Missstände zu benennen, fesselte uns die Thematik der radikalen Veränderung des Fußballs in den letzten zwanzig Jahren von Tag zu Tag mehr.
footage: Wann hat die Vereinnahmung des Spiels begonnen? Kann man die Entwicklung an einem konkreten Datum fest machen?
Redelings: Es war erst einmal interessant sich ins Gedächtnis zu rufen, dass der Fußball nicht immer so uneingeschränkt beliebt und in der Gesellschaft akzeptiert war, wie er es heute unbestritten ist. Wir und viele Experten sehen Heysel und die Katastrophen in England (Bradford, Hillsborough) in den 80er Jahren als Schlüsseldaten für den schleichenden Prozess der Umwandlung. Nach diesen Ereignissen begann man den Fußball zu „säubern“. Leute wurden erstmals bewusst aus den Stadien verdrängt. Vor allem natürlich durch ein simples wie nachhaltiges Mittel: Man wandelte nach und nach die Stadien in Sitzplatzarenen um. Zwangsläufig blieb eine gewisse Klientel aufgrund der gestiegenen Eintrittspreise zu Hause. Aber um es noch einmal zu betonen: Es ist ein schleichender Prozess oder wie es Freddie Röckenhaus von der SZ beschreibt, „es wird ganz langsam an einem Rädchen gedreht“.
footage: Ihr beklagt, dass der Fußball zum globalen Massenevent verkommt. War in dieser Hinsicht die WM mit ihren psychedelisch gefeierten Partys der Eventfans ein vorläufiger Höhepunkt dieser Entwicklung?
Redelings: Die WM war ein schönes großes Fest, das völlig zu Recht so vielen Spaß gemacht hat. Aber natürlich beinhaltete dieses Ereignis auch viel von dem, was typisch ist für den Fußball, wie man ihn heute sieht und erlebt: eben als ein durchkommerzialisiertes Event, wo das eigentliche Spiel in der Regel in den Hintergrund gedrängt ist. Es ging doch gerade bei dieser WM nicht mehr darum, Fußball von zwei mehr oder weniger attraktiven Mannschaften zu schauen, sondern wichtig war, dabei gewesen zu sein. Tickets mussten gebucht werden, bevor überhaupt feststand, wer da überhaupt spielen wird. Die Hülle war das, was interessierte und zählte. Vereinsfußball funktioniert noch anders. Da sind die „echten“, engagierten, „ehrlichen“ Fans, die Anhänger noch in der Mehrzahl. Die Frage ist nur wie lange noch?!
footage: Wie sah der typische Fußball-Fan Anfang der 80´iger aus?
Redelings: Den typischen Fan gab es natürlich auch damals nicht, aber man kann feststellen, dass diejenigen – übrigens deutlich weniger als man heute vielleicht noch in Erinnerung hat – , die da waren, eine sehr starke Bindung zu ihrem Verein hatten. Schließlich mussten diese Fans, gerne mit einer Kutte versehen, auch häufig den Spott vieler Nicht-Anhänger ertragen. Fußball war der so genannte „Proletensport“. Gewalt, viele kleine und große Schlägereien waren an der Tagesordnung. Rassismus, etwa von so berühmt-berüchtigten Gruppierungen wie der „Borussenfront“ ausgeübt, spielte eine nicht zu unterschätzende Rolle. Man kann sagen, der Fußball lag in den 80er Jahren am Boden.
footage: Was unterscheidet ihn von heutigen Stadionbesuchern?
Redelings: Die traditionellen Fans gibt es natürlich immer noch, aber die Mischung innerhalb einer Arena ist eine vollkommen andere geworden. Man muss sich ja nur einmal die Frage stellen, woher auf Schalke plötzlich im Schnitt rund fünfzehn Tausend mehr Zuschauer kommen als beispielsweise 2001. In dem Jahr hat Schalke übrigens die Meisterschaft nach einer sehr guten Saison erst in der Nachspielzeit an Bayern verloren. Aber wer sind diese Zuschauer? Die Antwort fällt ganz leicht, wenn man einmal die Arena Auf Schalke im Kreis herum anschaut: Logen sieht man da. Es sind die VIPs, Firmenkunden, Tagesgäste und natürlich die Event-Fans gekommen. Leute, die schon eine Stunde vor Anpfiff mit dem über Videowürfel ausgestrahlten Fan-TV, Cheerleadern, lächerlichen Maskottchen und eigenartigen Spielen berieselt werden wollen.
footage: Früher ist man zunächst an der Hand seines Vaters ins Stadion gegangen, später hat man sich leicht emanzipiert und dank seines Taschengelds stolz alleine den Weg dort hin geschafft. Irgendwann war es dann selbstverständlich hin zu gehen, bis man selbst Vater ist und den Sohn mitnimmt. Ist dieser klassische Weg in Zukunft überhaupt noch denkbar?
Redelings: Das, was du beschreibst, enthält genau zwei der wichtigsten Dinge, die den Fußball als das „einfache Spiel“ noch retten können: Nostalgie und Leidenschaft. An den Vätern wird es nicht liegen. Aber man muss schauen, ob diese ganz spezielle Mischung aus Reiz und Zwang noch von den Vereinsmannschaften in Zukunft ausgehen kann, um neue, leidenschaftliche Fans zu binden. Auch die New York Yankees haben Anhänger, aber der Sport drum herum ist ein anderer. Paul Breitner hat Anfang der 80er Jahre vehement eine Entwicklung hin zur amerikanischen „Operettenliga“ gefordert: jetzt sind wir wohl nicht mehr allzu weit davon entfernt.
footage: Englische Fans schauen mit Wehmut nach Deutschland, da es hier durch die Vereinsstrukturen wenigstens nicht die Möglichkeit gibt, dass ein russischer Öl-Multi aufkreuzt, um sich am eigenen Club auszuprobieren. Ist das nur eine Frage der Zeit?
Redelings: England dient in unserem Film als ein mögliches „Schreckensszenario“. Man ist erstaunt, wie kaputt und vollkommen anders, als dass wir es in unseren klischierten Erinnerungen haben, der Fußball dort mittlerweile ist. Dave Boyle, ein umtriebiger Aktivist von der englischen Organisation „Supporters Direct“, hat den bitteren Satz geäußert: „English fan culture ist dying, absolutely dying“. Überhöhte Eintrittspreise verhindern übrigens in England das Nachwachsen von jungen Fans in den Stadien.
Natürlich ist Abramowitsch in Deutschland aufgrund unserer Strukturen Gott sei Dank auf diese Art und Weise nicht denkbar, aber wer glaubt, dass Schalke mit Gazprom nur einen neuen Trikotsponsor bekommen hat, der verkennt die Lage der Dinge. Fußball ist eine hochkommerzielle Angelegenheit, sagt jemand im Film, und was das für die gesamten Rahmenbedingungen bedeutet, werden wir noch sehen.
footage: In Eurem Film kommen viele Fans zu Wort. Ein Indiz dafür, dass sich Widerstand gegen die Kommerzialisierung formiert oder eher das Pfeifen im Walde?
Redelings: Es wird, so sehen wir es im Moment wenigstens, keinen nennenswerten Widerstand gegen die Kommerzialisierung geben. Das hat vor allem etwas mit unserer Gesellschaft und in zweiter Hinsicht mit der Art des Wandels zu tun. Große Demonstrationen, gesammelte, starke Aktionen gehören ja scheinbar auch im politischen Kontext der Vergangenheit an. Und so lange die Sache so kompliziert bleibt – wer will schon noch im Regen stehen, wenn es inzwischen beheizte Arenen gibt – und der Wandel nur ein schleichender ist, so lange wird nichts Nennenswertes geschehen. Passiert es allerdings radikal wie bei Red Bull Salzburg oder bei Manchester United, dann werden spannende Gegenaktionen provoziert. Aber dafür sind die DFL und die Herren Funktionäre in Deutschland ganz einfach zu ausgebufft.
footage: Wann und wo kann man Euren Film sehen?
Redelings: Premiere ist am 16.11.06 um 19.30 Uhr im Bochumer RIFF. Anschließend wird die Doku ab dem 17.11. erst einmal eine Woche täglich in der UCI Kinowelt in Bochum zu sehen sein. Wir möchten aber gerne mit dem Film in der nächsten Zeit noch viele Fans erreichen und sind deshalb dabei, das Fernsehen für eine Ausstrahlung zu begeistern. Denn das strahlende „Sommermärchen“ hat auch seine Schattenseiten…
Infos zum Film: www.scudetto.de.


