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Denke ich an Jürgen Klopp im Weihnachtsurlaub, denke ich an Genesis – nicht aus dem 1. Buch Moses, sondern an die Band von Phil Collins, die einst zuverlässig und passgerecht den elektronischen Soundtrack für die „Miami-Vice-Gesellschaft“ einspielte. Eins der einprägsamsten Genesis-Videos jener Zeit war das zum Song „Land of confusion“, in dem Ronald Reagan von Alpträumen geschüttelt, aus einem See aus Angstschweiß aufwachte, weil ihn die Probleme der Achtziger klar machten. So ungefähr stelle ich mir die Nächte des BVB-Trainers zur Zeit auch vor. Zwar wird den guten Pöhler nicht unbedingt die Angst vor einem Atomkrieg umtreiben, dafür aber die vor der 40-Punkte-Schwelle. Krise hin, Krise her – absteigen will in Dortmund nun wirklich keiner.

In dem Zusammenhang sind sich die Experten allerdings einig: 40 Punkte müssen es schon sein, damit der BVB den Ligaverbleib klar machen kann. Die 40-Punkte-These ist tief verwurzelt in der vor Experten nur so überlaufenden Fußball-Szene – so tief, dass niemand sie ernsthaft anzweifelt. Trotzdem sei die investigative Frage erlaubt: Stimmt sie wirklich? Footage hat den ultimativen Statistik-Check gemacht und ist dafür tief in die Tabellen vergangener Spieljahre abgetaucht. Wir haben uns die Abschlusstabellen der letzten zehn Jahre genau angeschaut und überprüft, wie viele Punkte für den Nichtabstieg – also Platz 15 – gereicht hätten und wie viele Punkte der Tabellen-Fünfzehnte denn nun jeweils wirklich am Ende der Saison verbuchte.

Das Ergebnis ist überraschend, aber deutlich! Denn es zeigt: Niemand braucht vierzig Punkte, um den Abstiegskampf zu bestehen! Nicht ein einziges Mal hatte ein Verein auf Platz 15 vierzig Punkte. Die höchste Punktzahl auf der Haben-Seite verbuchte in der Saison 2010/11 der VfL Wolfsburg mit 38 Punkten, die allerdings auch nötig waren, da in dieser Saison 37 Punkte für den Klassenerhalt notwendig gewesen wären. Die niedrigste Punktezahl in den letzten zehn Jahren auf Rang 15 erspielte sich in der Saison 2008/09 Borussia Mönchengladbach mit 31 Punkten, die aber auch nur so zum Nichtabstieg reichten. Interessant ist die durchschnittliche Punktzahl, die im Mittel zum Ligaverbleib gereicht hätte, sagt sie doch: Mit 32,9 Punkten bleibst Du in der Liga – in der letzten Saison (2013/14) hätten gar 28 gereicht.
Was aber auch nicht stimmt, ist, dass ein gutes Pferd nur so hoch springt, wie es muss. Denn die meisten Nichtabsteiger (Platz 15) sammelten im Schnitt 1,5 Punkte mehr als notwendig und erreichten in den letzten zehn Jahren 34,4 Punkte. Satte drei Mal landete übrigens der VfL Wolfsburg in dieser Zeit auf. Rang 15

Also Kloppo, falls Du das liest: This is the world we live in and these are the hands we’re given: 15 Punkte hast Du schon – holst Du noch 18, bleibst Du drin! Süße Träume und keine Ursache!

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Die Top-Five des Fußballjahres 2010 – Momente, an die wir vorher nicht im Traum gedacht hätten. Aber nicht nur die WM-Momente sind es, die in Erinnerung bleiben. In Erinnerung an ein grandioses Fußballjahr 2010. Unsere Top-Five der Fußball-Momente 2010.

Platz 5: Ein Moment Pokal
Weil diese Hitparade nie ohne einen Moment der Alemannia aus Aachen auskommt, war der Autor sehr in Sorge, als sich das Jahr dem Ende näherte. Was sollte er nur nehmen? Eine Stadtbürgschaft, den Genuss einer Stadionwurst oder ein stinknormales Tor von Zoltan Stieber an einem nicht weniger normalen Sonntag Mittag? Es wäre schwer geworden, einen Aachen-Moment in dieser Hitparade ernsthaft zu verkaufen – wäre da nicht ein wahrhaft brillantes Pokal-Achtelfinale im Dezember 2010 dazwischen gekommen: Alemannia Aachen gegen Eintracht Frankfurt im neuen Aachener Tivoli, der ausverkauft vor sich hin brodelte als beide Mannschaften sich einen dieser typischen Fights lieferten, die es so nur im Pokal und nur dort gibt. Großartige Zweikämpfe, fanatische Fanlager auf beiden Seiten und ein Spiel, das jederzeit so oder so hätte ausgehen können. Tat es aber nicht. Stattdessen gipfelte die Partie in einem Elfmeterschießen, das ich vor dessen Beginn bei meinem Sitznachbarn im Stadion nur so ankündigte: „Das verlieren wir jetzt. Die sind abgezockter!“ Waren „sie“ aber nicht. Denn bis zu Benjamin Auer hatten alle Aachener – so jung sie auch waren – ziemlich überzeugend und sicher getroffen. Und wenn Auer nun treffen würde, würde die Alemannia ins Viertelfinale einziehen und – das war klar – ein komplettes Stadion würde explodieren. Mit kleinen Trippelschritten lief Auer an, schaute noch einmal hoch und – schickte den Keeper den Frankfurter in die falsche Ecke. Der Rest ist Verschmelzung von Publikum und Mannschaft. Schon beim ersten Jubelsturm hatte sich die komplette Kulisse so verausgabt, dass sie fast in sich zusammensackte – ein großartiger, ein unvergleichlich euphorischer Moment. Ein Moment, der schuld daran ist, dass man immer wieder hingeht zu diesem Verein. Ein Moment, der so groß war, dass man nun die nächsten fünf Jahre wieder davon zehren kann. Ein Moment Pokal. Ein Moment Alemannia!

Platz 4: Die Schande eines Hurensohns
Der in der Grand Nation ewig umstrittene Mittelstürmer Nicolas Anelka hatte den zugegeben eher beklagenswerten Trainer Frankreichs in der Halbzeitpause eher nonchalant einen Hurensohn geschimpft – so berichteten es jedenfalls die Gazetten. Ein Skandal sondergleichen einerseits, andererseits offenbarte er den inneren Verfall einer Mannschaft, die das Wort schon lange nicht mehr verdient hatte. Die Auftritte der Equipe Tricolore in Südafrika waren eine Beleidigung aller Franzosen – nicht mehr und nicht weniger. Ribery, Henry oder Malouda – klingende Namen, die ihren Landsleuten allerdings im WM-Sommer 2010 mit Anlauf in den Allerwertesten traten. Nur noch mal für das Protkoll: Eine WM findet alle vier Jahre statt und für manche Liebhaber des großen Spiels ist sie von großer Bedeutung. Doch weder ein Fehlpass noch ein missglückter Torschuss oder die sich bis zur Lethargie steigernden Einsatzbereitschaft der französischen Stars wäre hier eine Erwähnung wert, denn das kann passieren und ist auch schon des Öfteren bei früheren Meisterschaften geschehen. Der Gipfel der Impertinenz und gleichzeitig Beleg dafür, wie weit sich Fußballprofis manchmal von denen entfernen, die das Spiel lieben, war eine andere Szene. Nämlich die, als sich die Spieler dem Training verweigerten und im Spielerbus sitzen blieben, als ihr Trainer auf sie wartete. Vielmehr ließen sich die Herren durch ihren „Kapitän“ Patrice Evra mittels einer mindestens lächerlichen – vom Papier abgelesenen – Erklärung entschuldigen. Eine einzige Szene, die eine Bankrotterklärung war für den Fußball insgesamt. Für Frankreich war sie eine Schande.

Platz 3: Ohne Kompass durch Old Trafford
Noch ehe das Spiel in Old Trafford überhaupt richtig begonnen hatte, brauchten die Spieler des deutschen Rekordmeisters schon ganz dringend einen Kompass. Zu schnell zirkulierte der Ball zwischen den Spielern von Manchester United, zu famos war deren Spiel, das die Krönung in drei wunderschönen Toren fand. Keine Frage: Der FC Bayern schien mausetot zu sein. Mit gequältem Gesicht raunte Arjen Robben seinem Kapitän Mark van Bummel beim dritten Wiederanstoß zu, dass man irgendwie besser spielen müsse, um in der Champions League Saison nicht im Viertelfinale die viel zitierten Segel zu streichen. Das gelang den Bayern zwar nicht, was ihnen aber gelang, war ein unverdientes und glückliches Tor. Ivica Olic hatte den Ball fast von der Außenlinie durch die Hosenträger von Edwin van der Saar bugsiert und damit für ein Fünkchen Münchener Hoffnung gesorgt. Und tatsächlich spielten die Bayern in der zweiten Hälfte United in deren eigenen vier Wänden gegen eine derselben. Nur das Tor wollte scheinbar nicht fallen – bis, ja bis sich Franck Ribery den Ball zu einer Ecke zu recht legte und dabei Blickkontakt mit Robben aufnahm, der am Sechszehner stand. Ribery zirkelte die Ecke hoch über alle im Strafraum versammelten Köpfe genau auf den Fuß des Holländers. Robben nahm den Ball genau ins Visier und schickte diesen anschließend volley per Vollspann in Richtung van der Saar. Er tat das allerdings nicht mit purer Schussgewalt sondern – und das ist selten für eine solche Situation, die einst Lothar Matthäus und Andi Brehme erfunden hatten – überlegt in die lange Ecke des Tores. Und genau dort schlug er ein. Was für ein Treffer! Einer zum Nachspielen an Abenden, an denen man noch viel zu spät in seiner Stammkneipe sitzt und mit anderen Verstrahlten über genau solche Situationen fabuliert. Großartiger Robben! Der drehte indes ab, zeigte mit einer entspannten Jubelgeste, dass er sich diesen Schuss genau so ganz klar zugetraut hatte und lief an der Seitenlinie Old Traffords direkt in die nächste Runde – ganz ohne Kompass.

Platz 2: Asamoah Gyan – mehr als nur ein Spiel
Fußball in Afrika ist mehr als nur ein Spiel – eine zugegeben derart abgedroschene Phrase, die in einer Liga spielt mit Sätzen wie „Dein Verein wird Dir gegeben“ oder „Das Runde muss ins Eckige“. Sei´s drum! Als Asamoah Gyan, der bis dahin beste Spieler der Black Stars aus Ghana bei dieser Fußballweltmeisterschaft, zum Elfmeter in der 120. Minute anlief, hat er daran sicher auch nicht gedacht. Vielmehr wird er daran gedacht haben, wie er seine Elf in das Halbfinale der WM schießen würde. Und wahrscheinlich wird er auch daran gedacht haben, dass dies vor Ghana noch nie einem Team aus Afrika geglückt war. Und vielleicht hat er auch schon eine Statue von sich selbst in Accra, der Hauptstadt Ghanas gesehen, die ihn als einen Pionier des Landes darstellte, der den Weg in die Zukunft weist und an deren Fuß der Staatspräsident von nun ab jedes Jahr einen bunten Kranz niederlegen würde. Und als Gyan dies alles gedacht haben mag, wuchtete er das Leder gegen die Latte und von dort in den afrikanischen Abendhimmel. Kein Halbfinale, keine Statue! Gegner Uruguay gewann das anschließende Elfmeterschießen, in dem Asamoah Gyan übrigens sicher traf, und Ghana war raus. Untröstlich wurde der elende Elfmeterschütze anschließend vom Platz geführt. Viele Menschen auf den Rängen und in Ghana weinten tagelang hemmungslos. Fußball in Afrika ist mehr als nur ein Spiel.
https://www.youtube.com/watch?v=tDpx9GGH79I

Platz 1: Das Begräbnis eines Tores
Wenn man das Spiel seit ein paar Jahrzehnten intensiv verfolgt, ist man oft geneigt zu denken, dass einen nicht mehr viel aus der Fassung bringt. Schließlich hat man schon so ziemlich alles erlebt, was dieser Sport so hergibt. Ziemlich arrogant belächelt man ungläubige Jubel-Touristen nach großen Toren, zerberstenden Fouls oder einfach nur sensationellen Spielen. Doch dann gibt es Spiele, die sind einfach nur so unglaublich, dass es schon fast klebrig wirkt. Die Partien Deutschland gegen England bei internationalen Turnieren sind so etwas wie eine Endlosstaffel dieser Reihe. In diesem Jahr war die Begegnung der beiden aber eine Prüfung der besonderen Art, die schon in der Halbzeitpause alle Beteiligten überfordert hatte. Ich verfolgte dieses Spiel bei ca. 35 Grad Außentemperatur in der Kölner Fußball-Bar meines Vertrauens und sah den Wirt des Hauses nach Lukas Podolskis Tor zum zwischenzeitlichen 2:0 quer durch die Kneipe fliegen und anschließend nach Luft ringen. Unbeschreibliche Szenen spielten sich ab – dank einer deutschen Elf, die aufspielte, wie es die Lebenden selten zuvor gesehen hatte. Doch plötzlich und wie aus dem Nichts schlugen die bis dahin schlicht nicht stattfindenden Engländer zurück, köpften den Anschlusstreffer und schickten Frank Lampard mit dem Ball am Fuß in Richtung Manuel Neuer. Ein Schuss, ein Tor! Das Leder sprang von der Querlatte klar hinter die Torlinie – 2:2. Lampard ließ sich an der Seitenlinie feiern und die 20.000 wild gewordenen Engländer feierten eine schreiende Ungerechtigkeit des Fußballs. Die Bar in Köln schwieg – aber nur einige Sekunden lang. Denn der Schiedsrichter gab das klare Tor nicht. Unglaublicher Fußball! 44 Jahre nach Wembley fiel ein klares Tor für England, kurz nachdem er vorher die Querstange berührt hatte. Sorry, aber mehr Kitsch geht nicht! Dieses Tor hätte theoretisch in jedem Spiel der Welt fallen können, bei jedem Verein gegen jeden anderen Verein, bei jedem Land gegen jedes andere Land. Millionen von Möglichkeiten, in denen dieses Tor hätte fallen können. Nein – es fiel ausgerechnet bei einer Fußball-Weltmeisterschaft, in einem KO-Spiel, bei der Begegnung zwischen Deutschland und England – und: Der Schiedsrichter verweigerte dem Tor die Anerkennung. In der Kölner Bar nahm sich der Wirt nach dem Spiel das Mikrofon, gab unzählige Liter Freibier und adelte den Moment als den, an dem das Wembley-Tor begraben wurde. Seine wild gewordene Kneipe feierte den Moment enthusiastisch bis ekstatisch. Ein Moment, in dem ich zum ungläubigen Jubel-Touristen wurde. Fast klebrig! Für uns der Fußball-Moment des Jahres 2010.

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Tore, Grätschen, Meisterschaften – in einem Jahr, in dem Deutschland Weltmeister wird, scheint es einfach, die besten fünf Fußball-Momente des gerade ablaufenden Jahres zu küren. So ganz leicht ist es am Ende dann aber doch nicht – keine Mertesacker´sche Eistonne, kein Götze-Seitfallzieher und auch keine Manuel-Neuer-Grätsche. Und trotzdem haben wir drei der fünf großen Momente des Fußball-Jahres direkt aus Brasilien eingeflogen, zwei dagegen aus den Untiefen des deutschen Liga-Abgrundes. Liebt oder hasst sie – die Fußball-Momente des Jahres 2014.

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Meine Zeit in Hamburg begann, wie sie beginnen musste. Mit einem Auswärtsspiel. Der FC trat beim FC St. Pauli an. Ich sah das Ganze in einer willkürlich ausgesuchten Kneipe im Schanzenviertel.

Der FC gewann 2:0 und meine zurückhaltende Freude war nichts anderes als eine Beleidigung für das Wort „Jubel“. Die Einheimischen bemerkten meinen Gefühlsausbruch trotzdem und schauten mich an wie eine Kiez-Größe, die ein Tutu trägt.

Es war mal von einer Fanfreundschaft zwischen St. Pauli und dem FC die Rede. Ein paar Schals wurden dadurch verkauft, verankert wurde nichts. Aber keine Freundschaft heißt natürlich nicht gleich Feindschaft. Auch Hamburger können Toleranz. Als FC-Fan wird man zwar nicht groß geachtet aber auch nicht geächtet. Meistens folgt auf mein Bekenntnis zum FC ein mildes Lächeln, so als hätte ich meinem Gegenüber einen Witz erzählt, den er zwar ganz ok findet aber schon dreimal gehört hat. Mit diesem höflichen Desinteresse kann man leben, schließlich hätte man auch Werder Bremen mögen können. Dafür gäbe es dann eine ordentliche Portion Verachtung – so wie wir sie gerne an die wenigen Anhänger von Leverkusen gerecht verteilen.

Mittlerweile kann ich sogar die wenigen FC-Tore bejubeln ohne dabei leise zu sein. Denn im Hamburger Stadtteil Eppendorf steht eine Oase für die kleine Karawane durstiger Kölner im Exil. Eine Kneipe mit dem maximal optimalen Namen „Rheinländer“ überträgt alle FC-Spiele live. Wer hier sein Kölsch trinkt, fühlt sich direkt wie ein Asylant dessen Antrag auf eine Aufenthaltsgenehmigung aber mal so richtig glatt durch gegangen ist. Vor dem Spieler werden die Höhner gehört, es gibt Bier, das richtige Essen und die Toiletten sind ein Traum in rot-weiß.

Doch ich habe es im Urin, der „Rheinländer“ war nur der Anfang. Immer mehr Ausläufer des rheinischen Brauchtums werden sich in die Hansestadt einschleichen. Schon jetzt singen die Hamburger ja manchmal nur um sich selbst und die eigene Stadt zu feiern. „Hamburg, meine Perle“ und „Auf der Reeperbahn“ sind Cover von „ En unserem Veedel“. Dem Kölner Karneval eifert man auf so genannten Hafengeburtstagen nach. Nur die Stimmung schwappt noch nicht so recht über – oft feiern die Hamburger noch so, als wären sie in einer fremden Stadt und würden sich da über ein Tor ihres Lieblingsvereins freuen.

Foto: Christoph Huebner

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Früher waren Jobs in der Kommunikationsbranche heiß begehrt. Heute – keine Ahnung.

Die Sorgen der TV-Sender, Verlage, Zeitungen, Agenturen haben aber bestimmt damit zu tun, dass sich nie viel verändert hat. Auch heute noch beginnt dort jeder Tag mit – einem Meeting.

In diesen Meetings wird mit Keksen, Kaffee und Obst für das leibliche Wohl gesorgt, und es wird erzählt, berichtet und diskutiert. Nachher wird allgemein als gut befunden, dass – worüber auch immer – gesprochen worden ist. Das Dumme ist nur – ein Meeting kommt selten allein. Schätzungsweise zwei bis drei pro Tag muss man über sich ergehen lassen. So wird es mit der Zeit für die eigentliche Arbeit schon mal knapp.

Alles Unheil nimmt seinen Lauf mit einer Besprechungsanfrage. Verschickt von einer Assistentin, die den Auftrag dazu von ihrem Chef zwischen Tür und Angel erhalten hat. Deshalb erfährt man über Hintergründe zunächst nicht viel. Vielleicht wann das Meeting stattfinden soll und wer sich als „erforderlicher Teilnehmer“ fühlen darf. Wo man sich einfinden muss oder worum es geht, erfährt man meist nicht.

Oft dauert es aber keine fünf Minuten bis fast die gleiche Mail erneut eintrudelt. Bei genauerem Hinsehen wird man jetzt feststellen, dass ein Raum für das Meeting gefunden worden ist und sich die Anfangszeit verändert hat. Im Normalfall werden nun noch zwei aktualisierte Besprechungsanfragen folgen – selten sind es weniger, mehr kann durchaus vorkommen. Dabei werden dann wahlweise Zeitspannen verändert, Mitarbeiter aus- oder eingeladen und Raumnummern durcheinander gewirbelt. Logischerweise kommt es nun zu ersten Unmutsäußerungen und Überschneidungen im eigenen Kalender.

Der Name ist Programm

Meetings in der Medienbranche schmücken sich dabei gern mit einem eigenen, unverwechselbaren Namen. Berühmt und berüchtigt ist insbesondere:

Die Redaktionssitzung

Erstaunlich ist, dass sich die Redaktionssitzung bisher so erfolgreich gegen die sonst sehr angesagten englischen Meeting-Titel wehren konnte. Vielleicht liegt es daran, dass der Name perfekt beschreibt, worum es geht: Eine Redaktion, die sitzt.

Zu Beginn des Meetings gibt der Redaktionsleiter die Themen bekannt, über die er reden möchte – das ist dann die sogenannte Agenda. Der letzte Punkt der Agenda heißt in aller Regel „Sonstige Themen“.

Bei Bekanntgabe der Agenda setzt bei den Redakteuren Stirnrunzeln, Kopfschütteln oder kurzes Gelächter ein. Bei dem einen Thema ist für sie schon alles gesagt worden, bei dem anderen wussten sie gar nicht, dass es existiert. Meistens werden deshalb „Sonstige Themen“ an den Anfang des Meetings bugsiert. Der Einwand des Redaktionsleiters, dass man zum Schluss auf diese Angelegenheiten zurückkommen könne, stößt auf wenig Gegenliebe: „Am Ende ist ja immer keine Zeit mehr“ heißt es dann.

Der Redaktionsleiter ist überstimmt, es kann losgehen. Jetzt wird nach Lust und Laune über verschmutzte Kaffeemaschinen, die unfähige IT-Abteilung und redaktionelle Zuständigkeiten diskutiert. Kurz vor Ende des Meetings wird festgestellt, dass man es nicht geschafft hat, die anderen Punkte der Agenda durchzusprechen. Der Redaktionsleiter trifft nun entweder die Entscheidungen zu den übrig gebliebenen Themen allein oder es muss ein weiteres Meeting anberaumt werden – und zwar „zeitnah“. Ein dehnbarer Begriff, der schon mal einige Wochen Wartezeit in Anspruch nehmen kann.

Der Jour Fix

Noch erstaunlicher, ja fast eine kleine Sensation, dass sich ein französischer Name im allgemeinen Anglizismus-Wahn der Medien immer noch behaupten kann. Die Bezeichnung „Jour Fix“ soll andeuten, dass man sich immer an einem bestimmten Tag zu einem festen Termin trifft. Natürlich ein völlig aussichtsloses Unterfangen.

Zum „Jour Fix“ laden meist Redaktions- oder Abteilungsleiter ein. Das Meeting soll dazu dienen, sich gegenseitig auf den neuesten Stand zu bringen. Falls für das Unternehmen wichtige Entscheidungen getroffen worden sind und der Abteilungsleiter dies mitteilen möchte, würde er es in diesem Meeting tun. Er möchte aber nicht und startet deswegen meistens mit der Frage: „Habt Ihr etwas auf dem Herzen?“

Wenn der Jour Fix morgens stattfindet, wird man nun nur eines hören – nämlich nichts. Es herrscht Müdigkeit. In diesen Fällen ist der „Jour Fix“ nach zwei Minuten beendet. Unter anderen Voraussetzungen verläuft der Jour Fix genauso wie eine Redaktionssitzung. Nur über einen neuen Termin muss man nicht nachdenken – denn der steht ja angeblich fest.

All Hands-Meeting

An diesem Meeting dürfen alle Mitarbeiter einer Firma teilnehmen. Grund: Der Geschäftsführer, der CEO, der Managing Director, möchte eine Ansprache halten.

Warum das Meeting „All Hands“ und nicht „All Heads“ oder „All Heels“ heißt? Darüber lässt sich nur spekulieren. Eventuell gibt es Fälle, in denen sich die Mitarbeiter während der Veranstaltung an den Händen halten müssen. Ausschließen kann man das mit Sicherheit nicht.

Das All Hands-Meeting unterscheidet sich in zwei Dingen von allen anderen Meetings. Es findet höchstens einmal im Monat statt und nur der Geschäftsführer spricht. Für die Mitarbeiter besteht zuweilen die Chance, in der letzten Minute des Meetings Fragen zu stellen. Meistens traut sich aber niemand oder die Fragen gehen in der allgemeinen Aufbruchstimmung unter.

Was der Geschäftsführer mitzuteilen hat, ist oft nicht viel und selten die Wahrheit. Meistens erzählt er, wie das Unternehmen ganz klein angefangen hat und an welchem Meilenstein der Entwicklung man gerade angekommen ist. Dann folgt noch ein Ausblick in die Zukunft, der fast immer mehr als rosig ausfällt. Gegen diese Darstellung wird dann meistens in der nächsten Redaktionssitzung oder beim nächsten Jour Fix protestiert.

Die Rolle der Kultur

Neben verschiedenen Meetingformen haben viele Unternehmen auch noch eine eigene Meetingkultur entwickelt, auf deren Einhaltung sie großen Wert legen und bestehen. Diese Kultur beschwört dann – meistens auf mehreren Powerpoint-Folien – Werte wie Pünktlichkeit oder gegenseitiges Ausreden-Lassen. Natürlich kommt und redet aber jeder trotzdem, wann er will. Viel wichtiger scheint auch zu sein, dass eine solche Kultur immer wieder neu entwickelt und diskutiert wird, und zwar mit viel Eifer und Mühe in einem – man ahnt es schon – Meeting.

Und so dreht man sich im Kreis, ohne dass es irgendwen stört. Meetings sind die große Allzweckwaffe. Niemand weiß wofür oder wogegen, aber wir tippen mal auf die Zeit, die sonst mit ganz normaler Arbeit gefüllt werden müsste und mir nichts, dir nichts verstreichen würde.

 Bild: Luis Argerich

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Es gibt Fußballspiele, die vergisst man nicht.

Die junge Dame im Stadium Ticket Centre wollte allen Ernstes ein ärztliches Attest sehen. Sonst könne Sie das Ticket nicht umschreiben. Fünf Minuten Diskussion – erst dann konnte ich diesen Unsinn unterbinden. Natürlich – die meist blutjungen Volunteers konnten nichts für dieses Chaos, sie waren freundlich, fleißig und überfordert.

Die Welt sollte zu Gast bei Freunden sein, und ich war zu Gast in Hamburg, um mir das Spiel Argentinien gegen Elfenbeinküste anzusehen.

Vor den Stadiontoren setzte sich die „Organisation“ aus dem Ticket Center nahtlos fort. Urplötzlich und ohne dass es dafür auf einem der unzähligen Verbotsschilder einen Anhaltspunkt gegeben hätte, mussten große Rucksäcke am Einlass abgegeben werden. Über die Definition des Wortes „groß“ war man sich nicht einig. Also gab ein Wort das andere und am Ende gab es ein Riesengedrängel vor einem kleinen Container, der nun Gepäck aufbewahrte, obwohl er dafür in keinster Weise geeignet war.

Im Stadion dann eine atemberaubende Stimmung. Argentinier sangen und tanzten voller Inbrunst und das unaufhörlich. Wenn man das Wort Magie mit dem Wort Fußball unbedingt einmal bemühen wollte – jetzt bot sich eine günstige Gelegenheit.

Dann übernahm die FIFA das Kommando. Auf den Videowürfeln durften Unternehmen Werbebotschaften verbreiten, Herbert Grönemeyer durfte singen. Die Bässe wummerten. Es war Lautstärke, die das lauthalse Singen verstummen ließ. Und jeder der offiziellen Einspieler wirkte wie ein Schlag in die Magengrube der Fußballseele.

Irgendwann betraten Männer in Anzügen und schicken braunen Schuhen den Rasen. Sie prüften die Tornetze und machten Fotos von ein paar Spruchbändern, die vielleicht irgendwelche Richtlinien verletzen konnten. Man wollte diese Funktionäre fragen, ob sie sich nicht lieber für die Lücken in den Zuschauerrängen schämen wollten. Im Hamburger Stadion hätten noch einige Fans Platz finden können und mir fielen all die echten von ihnen ein, die viel dafür gegeben hätten, an diesem Abend hier zu sein.

Während des Spiels bekam ich eine Gänsehaut und mir schoss die eine oder andere Träne ins Gesicht, nur weil die Spieler der Elfenbeinküste so großartig mit dem Ball umgingen, und weil jetzt ihre Fans das Publikum so unbeschwert mit ihrem rhythmischen Klatschen infizierten. Ganz leicht ging das. Nur einmal wurden sie unterbrochen. Irgendwann um die 60. Minute herum behauptete der Stadionsprecher, das Spiel sei ausverkauft. Zum Glück konnten die Gäste der Freunde ihn nicht verstehen. Sie feierten und liebten dieses Spiel einfach weiter – unerschütterlich.

Bild: BineHerzog

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Ohne die kulturpessimistische Keule zu schwingen ist die digitale und analoge Kulturproduktion zu einer traurig-affirmativen Angelegenheit geworden. So oder ähnlich habe ich gestern Abend zumindest  Dennis Scheck verstanden, der als Gast von Markus Lanz wenig später Julia Klöckner noch eine fein formulierte Absage an die Berechtigung der Demokratie in der Kultur servieren durfte. Das weckte bei mir die Erinnerung an Clemens Herbstmeister, den deutsch-schweizerischen Eishockeyprofi und Querflötisten, der vor einiger Zeit seinen Lieblingskulturdiktatoren von WDR 5 ein publizistisches Denkmal setzte.

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Stürmer gewinnen Spiele. Torhüter gewinnen Meisterschaften!

Da war es wieder das Gefühl – elf Jahre nachdem dieser Ball in der D-Jugend an mir vorbei gerollt war. Ein schmerzhafter Gegentreffer, der eine Karriere beendete, lange bevor sie begann. Aussichtslos! Chancenlos! Unhaltbar! Der Ball war links an meinem Standbein vorbei gerollt, nicht geflogen, einfach nur gerollt. Für die da draußen sah er haltbar aus, aber das war er nicht. Das Schicksal eines Torhüters – die Situation sieht für all die Pfeifen, die nie auch nur irgendwann in einem Tor standen, lösbar aus. Schweigt, Ihr Narren! Unhaltbar war er – dieser Ball, der 1982 an mir vorbei grüßte. Mehr noch: Wer im Lexikon unter „unhaltbar“ nachschlägt, findet dort ein Foto von diesen Moment – diesem Moment in der D-Jugend der SG Düren 99. Niemand hätte den Ball gehalten – nichts und niemand, weil er eben unhaltbar war. Unhaltbar – dieses wunderbare Wort, erfunden für solche Situationen und nur genutzt in der Welt des Fußballs, weil es nirgendwo sonst Momente gibt, für die das Wort taugen würde.

Der Ball 1982 WAR unhaltbar – so wie sie es war: Julia aus

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„Das bringt nichts!“ Der Satz des Stadionheft-Verkäufers im Kölner Südstadion schien wie ein Fanal für die bevorstehende Regionalliga-Saison zu stehen – hart, unverblümt und ein bisschen resignierend. Ich hatte versucht, ihm eine Zeitung abzuschwatzen, er hatte sich aber gesträubt und es auf diese Weise begründet. Die Zeitung sei für Aachen-Fans raus geworfenes Geld. Selbst mein Einwand, dass ich ganz allgemein interessiert wäre und das Teil eh umsonst sei, beeindruckte ihn wenig. Im Gegenteil, er legte noch mal nach: „Das bringt nichts!“ Nun denn – nahm ich mir halt selbst eine weg und

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Ich mag Eintrittskarten! Schon immer! Früher hatte ich einen eigens dafür hergerichteten Schuhkarton, in den sofort nach dem Spielbesuch die Karte eines Spiels abgelegt wurde, um sich dort mit alle den anderen über die Tore und Spielzüge für die sie durchtrennt wurden, auszutauschen. Und da hat eben jede Eintrittskarte ihre eigene Geschichte, nur die eine. Denn Eintrittskarten sind nicht mehr und nicht weniger als in Papier gegossene Zeitzeugen mit der Lebensdauer eines einzigen Spiels. Irgendwie mag ich den Gedanken, dass sie dem einen Spiel hoffnungslos ausgeliefert sind, während wir – und das ist tröstlich – immerhin die Möglichkeit haben, beim nächsten Mal

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Wir haben uns mit dem Leben arrangiert. Vieles ist nicht perfekt. Vieles nicht zu ändern. Wir neigen aber auch dazu, gelernte Vorgaben zu akzeptieren. Dabei sollte man manchmal auch das ganz Grundsätzliche hinterfragen. 

Ich jogge seit ein paar Monaten. Erst wenig, jetzt öfter. Für mich wäre ideal, wenn ich jeden zweiten Tag joggen würde. Geht aber kaum. Und das liegt daran, dass ich zum Beispiel jeden Mittwoch Tennis spiele und lieber an Tennistagen nicht laufen würde. Mein Plan war daher in geraden Wochen mittwochs, und in ungeraden donnerstags zu spielen. Die Leute von der Tennishalle haben dann aber gesagt, dass sie dieses Modell in Ihrer IT nicht abbilden könnten.

Jetzt habe ich gedacht,vielleicht entzerrt man das Ganze und überlegt sich ein paar neue Tage und schiebt die so zwischen die Alten, dass die Woche nachher zehntägig ist. Das hätte bei näherer Betrachtung ein paar Vorteile. 

tendays

Vielleicht rechnen die Jungs von Price-Waterhouse-Whatever das mal kurz aus. Ich glaube eine gerade Woche spart volkswirtschaftlich 36 Mrd. € im Quartal, weil alles etwas gerader wäre. Im Gesundheitssystem, in der Bildung und im Arbeitsleben. Ausserdem wäre das durch die Umstellung der IT und der Kalender weltweit ein gigantischer Konjunkturmotor.

Ich möchte aber keinen Cent daran verdienen. Das wäre dann eben einfach mein Beitrag. Um auch mal was zurück zu geben. Vielleicht spricht man dann mal als kleines Dankeschön vom Post-Gregorianischen Kalender. Dagegen sähe Peter Hartz dann ziemlich blass aus. Das würde mir schon reichen.

Ich könnte dann die Leute beraten, was sie so am Quitwoch und Drittwoch anfangen könnten. Am Kompensiertag dürfte dann jeder machen was er will, also Angler angeln, Nudisten ablegen und Gebrauchtwagenhändler könnten Gebrauchtwagen an die Leute verkaufen, die gerade nicht angeln. Vielleicht könnte Lanz mal 24 Stunden durchmoderieren und den Rest der Woche wäre Ruhe.

Es gäbe dann übrigens 36 Wochen und 5 zusätzlich wochenlose Tage. Für diese Tage erhält jeder ein großzügiges Steuergeschenk. Das wäre kein Problem für den Staat, weil der ja sehr viel spart. An diesen Tagen hätten alle Menschen Freizeit – die Restaurants hätten Raclette-Flatrates mit exzellentem Vacherin.

In einer solchen Welt wären wahrscheinlich nicht einmal die Sääbe ausgestorben.

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Nicht nur Tiere machen Sachen, auch das Internet. Das Internet reduziert alles. Preise, die Zeit zur Muße und Filme – auf ihre besten Szenen. Das funktioniert ganz gut, denn nur Cineasten glauben, dass man Filme nur als Ganzes verstehen und würdigen kann. Das Internet weiß es besser. Es ist ein Wimmelbuch voller Einzelszenen aus großen und kleinen Meisterwerken des Kinos. Und die reichen. Ohne die ganze Geschichte drum herum. Ohne Handlungsstränge. Und manchmal sogar ohne viele Kostüme und Kameraeinstellungen.

Der Film „Burn After Reading“ ist eines der vielen mehr oder weniger großen Machwerke der Coen-Brüder. Worum es darin geht – habe ich vergessen. Das dürfte mittlerweile vielen anderen auch so gegangen sein und das liegt nicht nur daran, dass der Film aus dem Jahr 2008 stammt. Die Story ist verworren und ein Erfolgsgeheimnis des Film. Absurdes Theater mit Stars wie George Clooney, Brad Pitt, Tilda Swinton oder John Malkovich macht eben gute Laune.

Man könnte sich den Film nun nochmal angucken, muss man aber nicht. Die Essenz des ganzen Werkes spiegelt sich in der Schlussszene wieder. Der CIA-Angestellte Palmer versucht, seinen Chef über die letzten Ereignisse zu informieren. Mehr passiert nicht. Aber was da an Mimik in den beiden Gesichtern vorgeht, ist ein sagenhafter Spaß – mindestens so groß wie ein „Kino-Erlebnis“, für das man anderthalb Stunden braucht. Ein Spaß ohne Stars, denn im Mittelpunkt stehen David Rasche und J.K. Simmons. Große Starbesetzungen werden vom Internet manchmal auf kleine Namen reduziert.

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Flexibilität ist immer dann gefragt, wenn die Märkte enger werden. Klingt nach neo-liberalem Gelaber, trifft aber zu. Deshalb habe ich meinen Tagesablauf angepasst. Jeden Tag um Punkt 13.10 Uhr unterbreche ich meine Arbeit und gehe zum Kiosk 319, Luxemburger-Ecke-Gürtel.

Dort treffe ich Tim, Gill, Kevin, Kevin und Schwacho. Warum Schwacho Schwacho heißt erschließt sich nicht auf den ersten Blick, denn er wiegt bei geschätzten 1,55m, sichtbar mehr als ich. Kinder können grausam sein. Aber auch nützlich. Wir tauschen Panini.

Um die Frage zu beantworten: Nein, es kommt mir nicht komisch vor, mit Schwacho zu dealen. Erstens sind Panini keine Kalorienbomben, und zweitens haben Typen wie Schwacho Typen wie mich früher gern mal eine ganze Busfahrt lang erleben lassen, was das Wort Schwitzkasten bedeutet. Im Gegenteil. Im Sammelbild-Business werden Win-Win – Situationen geschaffen, alle Markteilnehmer profitieren gleichermaßen von regem Austausch. Mit Schwacho und einem der Kevins habe ich sogar die Handynummern ausgetauscht. Sie klingeln kurz durch – ich drücke weg, um ihre Prepaid-Budgets nicht zu belasten, und komme runter zum Kiosk. Das ist effizient und diskret und, was mir wichtig ist – ich muss nicht am Schulhof abhängen.

Schwacho ist ein bisschen cleverer als die Anderen. Deshalb ist sein Album etwas voller. Zum Beispiel dealt er Deutsche gegen Ausländer generell nur 1:2. Ich habe kurz überlegt, ihn öffentlich als analfixierten Sammel-Nazi anzuprangern, aber das hätte womöglich zu bösen Missverständnissen geführt. Außerdem ist er ein zu wichtiger Tauschpartner. Er hat drei Costa Ricaner, die mir fehlen. Costa Ricaner sind künstlich verknappt.

Seit zwei Tagen macht Schwacho auf „dicke Hose“, weil er glaubt, dass sein Album bald voll ist. Ihm fehlen noch ungefähr 30 einzelne Bilder, und ein komplette ukrainische Viererkette.

Gestern ziehe ich Fedorov, Radchenko und Rusol aus einer Tüte. Sofort wähle ich Schwachos Nummer, um ihm einen Deal vorzuschlagen. Eine erwachsene Frauenstimme meldet sich. „Ist Schwacho da?“ will ich fragen, lege aber doch lieber auf. Vielleicht nennt seine Mutter ihn anders.

Heute Mittag ist er schon da, als ich reinkomme. Ich halte ihm triumphierend die Bilder unter die Nase. Er grinst nur und winkt ab. „Hab ich schon, sorry. No deal! Nur noch zwölf, dann bin ich durch, alter Mann.“

Mit gesenktem Kopf verlasse ich den Kiosk. Im Supermarkt zahle ich mit EC-Karte. Eine komplette Box. 500 Bilder für € 50,-, und vollende mein Werk in aller Stille. Ich denke kurz an meine Kindheit. Mit einer Prise Wehmut, aber auch mit der Gewissheit, das manches im Alter leichter wird.

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Peter Hyballa ist Fußball-Lehrer – und das im besten Sinne. Denn nicht nur auf seinen Stationen in Aachen, Graz oder Dortmund erklärte, zeigte und macht er vor, wie es geht – nein, Hyballa legt in regelmäßigen Abständen auch Bücher vor, die sich mit Fußballtraining und dessen Tücken beschäftigen. „Modernes Passspiel“ heißt das neue Werk, das er mit Hans-Dieter Poel zusammen geschrieben hat und das laut Untertitel nicht mehr und nicht weniger als den „Schlüssel zum High-Speed-Fußball“ beinhaltet. TORWORT-Vater und Footage-Redakteur Sascha Theisen, selbst nie ein High-Speed-Fußballer, sondern eher behäbiger Stratege, sprach mit Hyballa über das Buch und seine Tätigkeit als Trainer.

Theisen: Peter, der FC Barcelona und die spanische Nationalmannschaft haben im letzten Sommer nicht eben überzeugt. Dazu wurde dem FC Bayern zu viel schädlicher Ballbesitz angedichtet als das Champions League Halbfinale gegen Madrid verloren ging. Ausgerechnet jetzt legt Ihr ein Buch über perfektes Passspiel vor. Scheiß Timing oder haben all die selbst ernannten Fußballkenner einfach keine Ahnung, worum es im Fußball tatsächlich geht?

Hyballa: Das ist ja das Geile – viele denken Passspiel ist Ballbesitz und Tiqui Taca und dann wird die Passschublade aufgemacht und die beiden Begriffe reingeworfen und zugeschlossen. Und wenn irgendeine prominente Mannschaft damit erfolgreich ist, wird die Schublade wieder aufgemacht und damit trainiert und wieder angewendet. Doch Passspiel ist doch viel mehr – es gibt auch unzählige Passarten, wie den Wechselpass, Dreieckspass oder Last-Moment-Pass. Man kann verschiedene Passarten in verschiedenen Situationen anwenden. Der bestimmte Spielmoment kreiert die Passart – das haben wir auch in unserem Passpuzzle dargestellt. Und man darf auch nicht den Fehler machen, das was bei den großen Profi-Mannschaften während einer WM oder Champions League passiert, gleich über zu bewerten. Wenn was erfolgreich ist, ist es gut – wenn was erfolglos ist, ist es schlecht. Das ist zu viel „Stammtisch“ – der Pass ist immer modern, besonders auch in der Ausbildung. Es ist die Vorhand im Tennis und die trainierst du auch jeden Tag in verschiedenen Facetten!

Theisen: Genau wie Du früher, bin ich heute Trainer einer F-Jugend-Mannschaft. Und wenn ich für jedes „Schiiieeeßßß…“ vom Spielfeldrand, wo die Väter und Großväter alles besser wissen, einen Euro bekommen würde, wäre ich schon lange mit Lena Gehrke im Entmüdungsbecken gelandet. Wie lange wird es noch dauern bis die Wichtigkeit von gutem Passspiel auch bei Spielervätern und Trainingskiebitzen angekommen ist?

Hyballa: Guck, ich bin auch ein halber Niederländer! Das bedeutet dass ich auch viele Pass/trap-Formen im Training anwende. Passen/trappen – Passen und schießen. Denn auch schießen will gelernt sein – denn im Fußball geht es, soviel ich weiß, immer noch um Tore. Dass ist das Wichtigste! Doch aus einem guten Pass kann sich auch ein guter Schuss entwickeln. Denn es ist die ähnliche Bewegung – deshalb haben wir in unserem Buch auch den Torschuss-Pass dazu genommen, was so eine Art Kombi zwischen Passen und Schießen darstellt. Aber wenn die Spieler einen „freien Ball“ haben und keinen Balldruck bekommen und in der Nähe des gegnerischen Tores sind, sollen sie natürlich schießen. Nur mit einem guten und effektiven Passspiel kann der gewinnbringende Torschuss vorbereitet werden. Aber wieso dürfen die Väter und Großväter überhaupt was bei dir rein coachen? Bisschen mehr Autorität ausstrahlen, Trainer Theisen! Junge, Junge, Junge!

Theisen: Junge Profi-Fußballer sind nicht immer mit gnadenloser Intelligenz geschlagen. Euer Beispiel zeigt aber, dass man schon über einen einzigen Aspekt wie das Passen ein ganzes Buch schreiben kann. Wie bekommt man das alles in den Kopf eines 17-jährigen Jungen, der eh schon glaubt, alles zu wissen? Oder bin ich gerade einem gängigen Vorurteil aufgesessen?

Hyballa: Ach Intelligenz, wichtig ist auf´m Platz! Und ob eine gute Spielintelligenz mit einer gewissen Schulintelligenz zu verbinden ist, will ich mal anzweifeln. Entscheidend ist es, wie schnell Spieler Spielsituationen lösen können und wie stark sie am Ball sind. Wenn sie spielintelligent sind, Räume erkennen und balltechnisches Know-how besitzen ist das schon viel wert. Das Buch ist explizit auch für Trainer geschrieben, die letztendlich filtern müssen. Sie müssen erkennen, was der Spieler braucht und wie kann ich es vermitteln. Es ist ähnlich wie ein Kochbuch – es gibt zu bestimmten Gerichten (z.B. No-Look-Pass) bestimmte Tipps zur Zubereitung (z.B. 8 gegen 8 mit vier No-Look-Toren). Dann ist die Vermittlung wichtig bei einer Mannschaft. Bei dem einen musst du es ausführlicher beschreiben, bei dem anderen kurz und knapp!

Theisen: Du trainierst die A-Jugend von Bayer Leverkusen. Wie viel können die Jungs in ihrem Alter noch lernen und woran erkennst Du, ob es einer nach ganz oben packt?

Hyballa: Die können total viel lernen! Technisch: im Passverhalten, Schußverhalten und Fintenreichtum im Dribbling. Taktisch: wie ich bestimmte Räume erkenne, wie ich sie am Ball ausspielen oder wie ich sie gegen den Ball verteidigen kann. Athletisch, wie schnell ich zum Ball laufen kann und wie ich mich robust in Zweikämpfen durchsetze – defensiv wie offensiv. Und aus mentaler Sicht: wie selbstbewusst bin ich in Stresssituationen, wie kann ich mit Niederlagen umgehen und wie hoch ist meine Eigenmotivation, so dass ich mich nicht abhängig mache von einem bestimmten Trainertyp! Und ob es einer packt – die Dinge die ich angesprochen habe, können als Grundlage dienen und zeigen, ob der Spieler etwas Besonderes hat, egal in welchen Teilgebieten. Das sind Erfahrungswerte und auch das Trainerfeeling, aber auch ich liege nicht immer richtig. Denn es kommen sehr viele Faktoren in der Zukunft vor, die nicht immer planbar sind!

Theisen: Als ich noch gespielt habe, haben wir im Training nach 15 Runden um den Platz, eine Serie auf unseren Torwart gebolzt und dann ein Spielchen gemacht. Sonntag gab’s dann auf die Nuss. Wo warst Du als ich Dich brauchte?

Hyballa: Bei allen Konzepttrainingseinheiten – das sind noch Einheiten, die Spieler auch heutzutage lieben. Ok, ich muss zugeben: ohne die 15 Runden! 😉 Da hat kein Fußballer Bock drauf!
Ach, ich glaube viele Trainer machen sich viele Gedanken und das ist auch gut so. Dazu kommen noch viele visuelle Bilder, die man als Trainer in seiner Analyse mit einbeziehen kann. Auch deine F-Jugend-Cracks himmeln doch Messi, Götze und Ribery an und wollen wissen, wie man dies oder jenes trainieren kann. Und wenn man halt viel mit Ball trainiert, wird man logischerweise mit Ball besser. Wenn man viel in Räume trainiert anhand von Spielformen, wird man logischerweise in der Spielintelligenz besser. Und wenn man viel mit Zeitdruck trainiert, wird man logischerweise in stressigen Spielsituationen besser und das ist doch die Idee vom heutigen Trainer. Das hat auch nichts mit Konzepttrainer oder Laptop-Trainer zu tun, was wieder nur eine blöde Schublade darstellt. Man versucht als Trainer den Spieler zu verbessern und nimmt Sequenzen aus dem Spiel in sein nächstes Training. That´s it! Und 15 Runden zu laufen gehört vielleicht mal dazu, aber ganz ehrlich, wird man da besser am Ball oder spielintelligenter?
Wir machen es einfach so, Coach Theisen, deine Spieler kriegen Top-Training von Dir, denn die Jungs und Mädels haben es verdient und deine „Schlaubi-Schlumpf-Väter“, die nur reinbrüllen, laufen die 15 Runden. Dann hast du wenigstens deine Ruhe als Trainer. 😉

Mehr über Peter Hyballa hier: Webseite Peter Hyballa

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Schande über Dich! Paolo Rossi! Schande über Dich – mögest Du in der Hölle schmoren und alle, die Dich kannten, für immer verneinen, dass Du je zu etwas Gutem führtest. Paolo Rossi – Du bist die Schande! Ich hasse Dich, Paolo Rossi – ich tat es damals und ich tue es heute! Immer noch!
Du warst es, der am 5. Juli 1982 in Barcelona den Fußball ermordete. In dieses Spiel hinein betrogen hattest Du Dich mit Deinen Komplizen. Komplizen wie Claudio Gentile, diesem niederträchtigen Schlächter an Deiner Seite, der Diego Armando Maradona ein Spiel vorher

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Europapokal – das sind für mich die Glasgow Rangers, was vor allem daran liegt, dass mein erstes Europapokalspiel in Köln-Müngersdorf stattfand als eben der damalige schottische Rekordmeister zu Gast war.

Begonnen hatte es damit, dass der 1. FC Köln ein paar Monate vorher im Pokalfinale gegen Fortuna Köln gestanden hatte. Ich hatte das Spiel damals als Zwölfjähriger mit meinen Eltern besucht, was vor allem auf meine Mutter zurückzuführen war, die weder Raute noch Wappen im Herzen trägt, sondern seit jeher einen Geißbock – den des 1. FC Köln. Und der stand damals im

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Andreas Bourani – boah – ich kann Deinen Scheiß nicht mehr hören. Den Sender wechsel ich, wenn ich Dich höre. Ich friere rein gar nichts mit Dir ein! Ich stehe auch nicht mit Dir im Regen, höchstens allein! Ich schwör dir keine ewige Treue und gehe auch nicht für Dich durchs Feuer. Boah Typ, keine Endorphine, kein Moment und erst recht kein Hoch auf´s Leben! Bourani, glaub mir – da, wo ich Weltmeister wurde, wärst Du gerne gewesen! Aber weißt Du, Bourani: Du warst nicht cool genug – nicht cool genug für dieses Leben. Wenn Du in diesem Sommer Bruder Samwer warst, war ich das Internet – wenigstens für diese vier Wochen im Juni und Juli.

Klar, Du warst direkt in

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Den perfekten Song gibt es nicht. Höchstens für ein paar Musik-Intellektuelle, die dann etwas von den Beatles, den Beach Boys oder Bob Dylan faseln. Den perfekten Song für bestimmte Momente gibt es aber sehr wohl.

Wer einmal für drei Minuten und vierundzwanzig Sekunden der Welt mit einer echten und unüberwindbaren Portion Coolness gegenüber treten will, hört The Gun Club „Mother of Earth“. Ein Lied, das es verbietet, eine Miene zu verziehen. Ein Lied, das dich in eine einsame Wüste katapultiert. Oder auf einen Bahnhof, an dem nur einmal am Tag ein Zug hält, aus dem dann finstere Gesellen austeigen, die dir aber überhaupt nichts anhaben können. Genauso wenig wie die Wespe, die sich über Minuten hinweg immer wieder in deinem Gesicht platziert.

 


Banner: Ebola: Das DRK hilft in Afrika.

„Mother Of Earth“ ist genau der richtige Song bei Geldmangel, innerlicher Kündigung, Wohnungsverlust, Niederlage des Lieblingsvereins, gestresster Ehefrau oder starkem Schnupfen. Wer „Mother of Earth“ hört, schweigt nicht nur selber sondern bringt auch alle Gegner zum Schweigen – egal ob es Menschen oder die Unwägbarkeiten des Lebens sind. Mitsingen ist also strengstens verboten – ein Qualitätsmerkmal, das nur wenig Musik für sich beanspruchen kann. Mitfühlen ist aber erlaubt – wenn auch nur in einem sehr engen Rahmen. Passt auf eure Mundwinkel auf!