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Komische Komiker sind hierzulande rar gesät. Komischerweise. Axel Post und Sascha Theisen müssen hier natürlich genannt werden, aber sonst? Moritz Neumeier ist wahrscheinlich der deutsche Komiker mit dem größten Talent. Er hat als Poetry Slammer angefangen, ist Stand-Up-Comedian, Kabarettist und betreibt einen formidablen Videoblog, in dem man sich „Auf eine Zigarette mit“ ihm treffen kann. Neumeier kratzt souverän an den Grenzen des guten Geschmacks, landet überraschende Pointen und manchmal berührt er einen sogar – im besten Sinne. Ich habe ihm ein paar Fragen zum Thema Humor gestellt.

foo: Gibt es eigentlich wirklich Menschen, die gar keinen Humor haben?

Moritz: Auf jeden Fall haben sehr wenige Menschen MEINEN Humor. Und das ist zum einen gut so, zum anderen muss man dadurch in der Show natürlich Kompromisse eingehen und etwas harmloser werden. Ich denke alle Menschen haben Humor. Die Meisten eben nur den falschen.

foo: Humor darf ja fast alles, aber darf man als Komiker auch Gags klauen?

Moritz: Auf gar keinen Fall. Man darf seine Geschichten natürlich an die von anderen anlehnen – das nenne ich Inspiration. Aber bewusst ganze Gags klauen ist ein Fall für die Comedy-Scharia.

foo: Hast du humoristische Vorbilder?

Moritz: Ja, die liegen aber alle außerhalb von Deutschland. Comedians wie Bill Burr, Louis CK, Dylan Moran und Simon Amstell. Das ist die Form von Stand Up, die ich in diesem Land auch gerne sehen würde.

foo: Gab es Gags, die du schon mal bereut hast oder im Nachhinein hättest anders machen wollen?

Moritz: Ja, natürlich. Das sind vor allem Gags, die man spontan macht. Improvisation hat den Nachteil, dass sie oft genug daneben geht. Das kann ganze Shows kaputt machen.

foo: Hat Humor für dich etwas mit Coolness zu tun?

Moritz: Nein, nicht wirklich. Oftmals macht gerade die Uncoolness Menschen witzig. Und Humor wird nicht immer als Coolness gewertet, wie viele von uns aus der Schule wissen.

foo: Wie ist denn die Idee zum Videoblog „Auf eine Zigarette mit …“ entstanden?

Moritz: Ich rauche für mein Leben gern. Auf die Idee an sich, kam mein Agent, nachdem ich unsere Besprechung vier Mal unterbrochen habe, fluchend über das Nichtraucherbüro. Und natürlich über die ZEIT-Rubrik „Auf eine Zigarette mit Helmut Schmidt:“

foo: Gibt es einen Menschen, mit dem du mal gern zusammen vor der Kamera eine rauchen und erzählen würdest?

Moritz: Helmut Schmidt natürlich. Im besten Fall stirbt dabei einer von uns vor der Kamera. Wegen der Publicity. Und mit dem Harald Schmidt von früher – einer der wenigen Deutschen, die im Fernsehen zu ertragen waren. Irgendein Schmidt einfach.

foo: Gibt es einen Lieblingswitz, den du uns hier erzählen kannst?

Moritz: Ich hasse Witze.

foo: Vielen Dank für das Gespräch.

Wer Witze hasst, kann aber trotzdem witzig erzählen. Und das macht Moritz Neumeier zum Beispiel in seinem letzten Video.

Und hier mein Favorit, für alle Familienväter:

Alles Weitere zu Moritz Neumeier: www.moritz-neumeier.de

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Vor ein paar Jahren saß ich einmal in einer Talkshow des Fernsehsenders Center TV und versuchte mich in einer illustren Runde von selbst ernannten Fußballexperten, die aus skrupellosen Spielerberatern und Vertretern des regionalen Boulevard bestand, daran, über Fußball zu sprechen. Das ging damals nicht immer gut. Denn ich sagte Sätze wie „Carl-Zeiss Jena ist keine Laufkundschaft!“ oder „1860 München wird noch eine gute Rolle spielen!“ – Schlüsselreize der allgemein gültigen Fußballersprache und Grund genug für meine Kumpels, mich seit der Ausstrahlung der Sendung ausdauernd mit diesen Sätzen nach alter Väter Sitte zu verarschen. So muss ich mir seitdem auf dem Fußballplatz bei meinen immer weniger werdenden Auftritten als Freizeitkicker regelmäßig anhören, dass „ein Sascha Theisen beileibe keine Laufkundschaft sei“. Wer den Spott hat…

Neben diesen verbalen Entgleisungen hatte ich aber damals auch meine guten Momente – nämlich als ich leidenschaftlich dafür eintrat, dass die Kommerzialisierung des Fußballs diesem auf Dauer schadet und dass viel zu viele Dinge komplett am Fan, der als Kunde ja eigentlich König sein sollte, vorbei entschieden würden. So gut ich mich aber in meiner Haut damals auch fühlte, so sehr wurde ich auf der anderen Seite von den übrigen Talk-Gästen belächelt. Der Boulevard bezeichnete mich debil lächelnd als „unbelehrbaren Sozialromantiker“ und der findige Spielerberater, der zuvor die hübsche Maskenbildnerin zu sich nach Hause eingeladen hatte, sprach im Zusammenhang mit mir „vom kleinen Mann“, der nicht wüsste, wo der Hase lang liefe.

So weit, so gut oder besser gesagt: so lange her! In dieser Woche musste ich aber das ein oder andere Mal an diesen bitteren Nachmittag in den großen Fußballsesseln des Spartensenders denken. Denn so wie es aussieht, habe nicht ich, sondern haben die anderen das Spielchen gewonnen. Kostprobe des Untergangs: Die FIFA bestimmt nach unerträglicher Gutsherrenart, wann die Fußball WM in einem Land stattfinden wird, das Menschenrechte mit Füßen tritt, wenn dort Stadien oder Pressezentren gebaut werden. Offiziell möchte das niemand, verhindert wird es aber auch nicht! Doch wäre es nur das: Präsidenten von Bundesligisten regen fröhlich an, dass doch eine einmalige 1000-Euro-Spende ihrer Mitglieder eine gute Sache sei. Wie sonst wolle man denn mithalten mit Vereinen, die mal eben 30 Millionen in die Hand nehmen, um sich auf Rechtsaußen zu verstärken. Da muss schon auch mal der sozialromantische Fan ran.

Weltfremd, wer das anprangert! Denn so läuft das Geschäft eben nun mal. Das Ganze funktioniert halt über all die Millionen, die dann auch über fragwürdige Märkte rein geholt werden müssen.Oder anders gesagt: Je schneller man sich damit abfindet, dass Leidenschaft, Tradition und Enthusiasmus nur die Blödheit des kleinen Mannes sind, mit der man eben wunderbar verdienen kann, desto schneller findet man sich zurecht! Man kann ja auch weg bleiben.

Ich bleibe nicht weg! Auch wenn mich das alles zunehmend ankotzt! Außerdem ist es da, wo ich hingehe, gerade mal ein bisschen anders. Und auch wenn ich weiß, dass Alemannia wieder mitten in diesen Sog hinein geraten wird, wenn es weiter so gut läuft, versuche ich mich täglich daran zu erinnern, die momentane Phase am Tivoli möglichst ausgiebig zu genießen. Sozialromantisch ausgedrückt passiert hier nämlich gerade das: Ein No-Name-Trainer, mit einem ehemaligen Mannschaftskapitän an seiner Seite, stellt sich ein Team zusammen, das namentlich vor der Saison kein Spielerberater und auch kein Boulevard-Schmierfink kannte. Sie begeistern mit diesen Jungs die Massen. Sie begeistern sie so sehr, dass sie sogar in der vierten Liga – am Rande des scheinbar Unwichtigen also – ein ganzes Stadion damit füllen. Es schaut wenigstens von außen so aus, als würde eine Mannschaft gemeinsam für ein Ziel einstehen und sich sogar das ein oder andere Mal bewusst darüber sein, was alleine das schon für all die gebeutelten Fans da draußen auf den Rängen bedeutet. Yep – das ist der Fußball, den ich als meinen bezeichnen würde.
Wie ein Treppenwitz des Schicksals mutet es da an, dass der ärgste Konkurrent in der Tabelle die Zweitvertretung des Champions League Aspiranten vom Niederrhein ist – eine Mannschaft also, die nicht vor Zuschauern, sondern vor Spielerberatern spielt.

Und so kommt man als Sozialromatiker – der man nun mal ist – nicht umher, aus dieser Saison den ultimativen Battle zwischen der neuen und der alten Welt zu machen.

Sollen Sie mich doch belächeln! Ich mag Alemannia derzeit, weil sie so wunderbar anders ist! So anders als Wolfsburg, Leverkusen oder Leipzig. Ich mag Alemannia derzeit, weil Millionen-Transfers oder Europapokal-Teilnahmen weit weg sind und nur die fußballerische Wahrheit der Regionalliga zählt.
Und: Ich könnte heulen, wenn ich daran denke, was passiert, wenn dieser großartige Trend anhält und diese wunderbare Mannschaft weiter gewinnt. Wo soll das nur hinführen? Scheiß Sozialromantik!

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Tourmanager von Rocko Schamoni und Studio Braun, Erfinder von „Leider geil“, preisgekrönter Werber aber vor allem Plattenhändler und bester Newsletter-Literat – das ist noch nicht alles, aber das alles ist Gereon Klug. Als Gründer des Hamburger Plattenladens Hanseplatte haut er unter dem Namen Hans E.Platte E-Mails an mittlerweile 30000 Abonnenten raus, um dem Leser Musik schmackhaft zu machen. Einige dieser E-Mails sind in einem Buch verewigt worden. Die Texte strotzen vor guten Einfällen und Sprachwitz, man sollte sie kaufen oder sich zumindest eine Lesung des Autors ansehen. Das Werk heißt „Low Fidelity. Hans E. Plattes Briefe gegen den Mainstream.“ Und zum Mainstream und anderen Kleinigkeiten haben wir Gereon Klug befragt.

foo: Deine Newsletter sind ja Briefe gegen den Mainstream. Wer ist denn das überhaupt?

Gereon: Briefe gegen den Mainstream meint Briefe, die ohne die üblichen Effizienz-Zwänge oder handelsüblichen Feigheiten im Marketing auskommen. Der Mainstream ist mächtig und wichtig, interessanter sind aber natürlich die Nebenflüsse: Wo es hakt, wo nicht alles rund läuft, wo es schwierig wird und kompromisslos geschraubt wird. Das gilt für die Musik ebenso wie für andere Gebiete.

foo: Muss man sich den Mainstream eigentlich ab und zu ansehen oder anhören, um zu wissen, wie der funktioniert?

Gereon: Ja, unbedingt. Das ist ja lehrreich. Denn der passt sich im Überlebenskampf natürlich ständig an, saugt den anderen Streams das Geile ab, imitiert, kauft sich ein und bringt hochgerüstet viele zarte Pflänzchen zu Hochblüte. Nicht unbedingt zur ästhetischen, aber zur kommerziellen.

foo: Man soll ja nicht immer nur gegen was sein, sondern auch mal für etwas. Für was sind denn deine Newsletter? Außer natürlich für die Künstler, die dort vorkommen.

Gereon: Na, für Humor und für die Seele, bilde ich mir ein. Wenn beides noch nicht zu sehr vernarbt ist.

foo: Gibt es eigentlich Newsletter, die du liest und die nicht von dir sind?

Gereon: Klar. Sehr gut Booty Carell von GrooveCity, der immer wieder sehr erhellend und lustig über Musik schreibt. Und Kollege Maurice Summen von Staatsakt – auch so ein freier Spinner, der jeden Tag leuchten machen kann, wenn seine Letter kommen. Noch ein Tip: Mal den Newsletter der bescheuerten Formation THE DISCO BOYS bestellen. Da wird endlos über den Niedergang der Clubkultur lamentiert, ausgerechnet von absolut kulturfremden Typen, das ist echt irre.

foo: Was erwartet den Besucher auf deinen Lesungen, außer dass du da liest?

Gereon: Viele Ankedötchens und Gequatsche drumrum. Ich verrate grundsätzlich alle intimen Geheimnisse bekannter Hamburger Musiker. Und ich lese nicht nur Newsletter, sondern auch hohe Literatur, die tief fällt. Die Leute werden unter- und überfordert im steten Wechsel.

foo: Und Fußball? Was ist eigentlich mit Fußball bei dir? 

Gereon: Ich habe bis vor wenigen Jahren – ich schwöre – jede Nacht von Fußball geträumt. Ich bin extremer Experte. Was willst du wissen?

foo: Und Midlife-Crisis? Schon eine gehabt oder einfach ausgelassen?

Gereon: So was rauch ich nicht, Du bist wohl verrückt!!

foo: Vielen Dank für das Gespräch.

Hier sind die aktuellen Tourdaten von Gereon Klug!

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Wir Fußballfans fallen ja besonders dadurch auf, dass wir noch während der Bescherung am Heiligabend im Internet forschen, ob wir nun diesen mazedonischen Wunderstürmer von Pobeda Prilep verpflichtet haben oder am Samstagmorgen auf dem Weg zum Heimspiel dem just vom Brötchenholen kommenden Nachbarn mit der Büchse Bier zuprosten. Was uns aber besonders auszeichnet: Wir singen oft und gerne! Keine Lebenslage, in der wir nicht ein Fußballliedchen auf den Lippen hätten.

Da wundert es kaum, dass selbst an Silvester, wenn die Familie Formeseyn traditionell mit den Kindern durch die Nachbarschaft „Rummelpott“ läuft, um das Jahr gebührend zu verabschieden, Neujahrslieder zu singen und dafür Süßigkeiten (Inga und die Kids) und Schnäpse (ich) zu empfangen, so manches Fußballlied zum Repertoire gehört. Zumindest bei mir. Seit ich weiß, dass unser Nachbar Schalke-Fan ist, wird er am 31.Dezember – Jahr um Jahr – mit dem guten alten Westkurven-Hit „Wenn du mal auf Klo musst und hast kein Papier, dann nimm doch die Fahne von Schalke 04“ bedacht.
Womit wir bei meiner Mutter wären. Die ist zwar allein mir zuliebe seit Jahr und Tag HSV-affin, derart schmutzige Fußballsongs allerdings nähme sie niemals in den Mund. Sie singt mit Luis und Marlene lieber Wanderlieder, statt sich auf mein unflätiges Fußballfan-Niveau herabzulassen.

Als wir neulich bei besagter Oma Christa an der Kaffeetafel saßen, war die Überraschung entsprechend groß, als Luis von unserer Silvestersause erzählte. Er versuchte – offenbar immer noch schwer beeindruckt von Vaters silvesterlicher Sangeskunst – seiner Oma oben besagten Fan-Chant stimmgewaltig vorzutragen, geriet allerdings nach dem Intro „Wenn du mal auf Klo musst und hast kein Papier…“ ins Stocken, während ich – ehrfürchtig, ob der bekannten Strenge meiner Mutter – mich unauffällig zu verpieseln versuchte. Ich machte mich schon auf eine Standpauke gefasst, da platzte es aus Großmutter formvollendet in C-Dur heraus: „…DANN NIMM DOCH DIE FAHNE VON SCHALKE 04!“ Und sie umarmte Luis, guckte ernst zu mir rüber und fragte: „So ging das doch, oder?“

Wie sangen die fabulösen Fünf Sterne Deluxe einst, zumindest so ungefähr: Jaja, meine Mudder… Immer für eine Überraschung gut. Wie wäre es denn, wenn heute du uns mit einem Sieg gegen Schalke ähnlich überraschen tätest, du – trotz allem – immer noch (und nu alle ebenso in C-Dur!) „wun-der-schöner HOA-ESS-VAU!?“

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Es kommen so viele Fußballer-Biographien auf den Büchermarkt. Man muss wohl nicht alle lesen. Aber bei dieser Neuerscheinung, die vor wenigen Tagen erst ganz frisch aus der Druckerei im thüringischen Pößneck kam, da war ich ausnahmsweise mal neugierig. Andrea Pirlo, der letzte noch lebende Mittelfeldregisseur alter Schule, hat bereits 2013 ein Buch verfasst über seine Karriere. Nun ist es endlich auch auf Deutsch erschienen. Titel: „Ich denke, also spiele ich.“ (Hardcover, mit Alessandro Alciato, riva-Verlag, 158 Seiten, 19,90 Euro). Und es ist, wenig überraschend: ein Volltreffer. Unterhaltsam, witzig, überraschend, inspirierend – wie ein Abend in einer neapolitanischen Trattoria. Das Buch ist beinahe ein literarischer Genuss, es kommt ebenso leicht daher wie die Zuckerpässe des Spielmachers von Juventus Turin, diese einzigartigen, coolen Chip-Bälle auf Balotelli, Inzaghi, Toni, Gilardino und Tevez.

Du legst es nicht mehr weg. Denn, es ist alles drin: Intimes, sauehrliche Bekenntnisse, herrliche Anekdoten, Urteile über Machtmenschen und ganz viel italienisches Lebensgefühl. Pirlo streichelt den Ball, und hier streichelt er auch die Worte. Er hat viel erlebt und noch mehr zu berichten. Er war ja bei allen drei großen Klubs: Inter, Milan und Juve. Er war fünfmal Meister, zweimal Champions-League-Sieger, zweimal Uefa-Cup-Sieger und Vize-Europameister. Trotzdem, sein geheimer Traum, einmal bei Real oder Barcelona zu spielen, hat sich nie erfüllt.

Wenn Pirlo erzählt, wie er mit Daniele De Rossi und Gennaro Gattuso (Spitzname: Rino, trägt gerne Leopardenpyjamas, feiert kaum, ist herzensgut, aber auch neben dem Platz ein Ungehobelter) bei der Nationalmannschaft das Zimmer geteilt hat, möchte man am liebsten 20 Seiten darüber lesen. Es sind aber nur drei. Die Geschichte, als sie Rino nachts mit dem Hotel-Feuerlöscher aufwecken, ist jedenfalls göttlich.

An einer Stelle erinnert er sich an die schweren Schritte im WM-Finale 2006. Pirlo musste den ersten Elfer schießen, er musste als Erster antreten im Elfmeterdrama. Lippi wollte es so. Er traf natürlich, und die Azzurri wurden Weltmeister. Das Wichtigste aber: In diesem Moment war Pirlo Italien. „Es ist eine unglaubliche Erfahrung, zu spüren, wie das, was man selbst empfindet, durch Millionen Menschen geht, im selben Augenblick, aus denselben Gründen“, schreibt er.

Kein einziges Wort fällt allerdings über die berühmte 119. Minute in Dortmund, als er uns Deutschen im Halbfinale diesen bitteren Dolchstoß verpasste. Pirlo war es nämlich, wer sonst, der im Gewühl nach einer Ecke den Überblick behielt, und den Ball clever zu Fabio Grosso durchsteckte, der dann eiskalt das 1:0 gegen Jens Lehmann erzielte.

Pirlo trägt immer noch die 21 auf dem Trikot. Es ist seine Glückszahl. Obwohl er zehn Jahre für Milan spielte, war er von Kindesbeinen an ein großer Interisti. Als Jugendlicher war er deshalb oft im San Siro, um die Schwarzblauen spielen zu sehen. Dabei wurde er übrigens, man höre und staune, ein Bewunderer von Lothar Matthäus. Er holte sich sogar ein Autogramm von Ihm.

Bild: Picasa 

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Eines Tages werde ich mich mit meiner ältesten Tochter in einen Zug setzen und meine Helden der Popkultur besuchen. Ich werde das als Teil meines Erbes betrachten. Auf der Reise würden wir London nördlich streifen und Darren Hayman besuchen. Darren war der Kopf von Hefner, einer Band die mir so viel bedeutet, wie kaum eine andere.
 
Viele Jahre und Alben nach Hefner – solo und in diversen Konstellationen hat sich Darren nun mit William Morris befasst. Morris war Maler, Architekt, Dichter und Ingenieur – und Vorreiter der sozialistischen Bewegung in England.
 
Über „Chants for socialists“ sprach ich mit Darren Hayman. Diesmal leider nur per eMail.

foo: Im Grunde stammt alles, was ich über England weiss, von Billy Bragg, Hefner und the Wedding Present. Hast Du Billy eigentlich um Erlaubnis gefragt, „Charts for socialists“ machen zu dürfen?
 
Darren: Vielleicht läuft das bei Euch etwas anders. Bei uns ist das nicht genehmigungspflichtig. Nein, ich habe nicht gefragt.
 
foo: War Dir bereits in dem Moment, in dem Du auf William Morris gestoßen bist klar, dass dieses Thema das nächste Ding ist, das Du machen würdest?
 
Darren: Nein. Ich kann mich eigentlich gar nicht richtig erinnern, wann mir William Morris begegnet ist. In dieser Region ist Morris eine gefeierte Person. Er kommt aus dieser Gegend. Ich bin also sehr vertraut mit seiner Arts & Crafts – Bewegung. 
 
Eines Tages fand ich ein kleines Büchlein im William-Morris-House, ein Libretto mit Originaltexten. Ich war sofort begeistert von der Idee. Der Titel sprang mich förmlich an. Der Fußweg nach Hause dauerte nur zehn Minuten. Doch als ich ankam war die Idee in meinem Kopf bereits ausgereift. Ein Album namens „Chants for socialists“. Ich konnte es bereits in den Plattenregalen stehen sehen.
 

Das Making-Of „Chants for socialist“

 

foo: Du hast für Dein Album mit einem Chor von Laien gearbeitet. Wie hast Du die Sänger rekrutiert?
 
Darren: Über Twitter. Es war mir wichtig, willkürlich Personen zu rekrutieren, die Lust hatten zu singen. Es gab keinerlei Casting oder Proben. Ich hatte Fußballfans im Hinterkopf. Ohne dass man sie dirigiert schwingen sie sich dennoch auf eine gemeinsame Note ein. Es ging mir dabei von Beginn an mehr um Community als um Können.
 
foo: Mich interessiert die Rezeption von Pathos und Leidenschaft in der Musik. Hefner hat mich immer berührt, weil es sehr emotional war und ironisch zugleich. Der Pathos, den man vom sozialistischen Liedgut kennt funktioniert anders, oder?
 
Darren: „Chants for socialists“ ist viel weniger ironisch als die Alben, deren Texte ich selbst schreibe. Wenn ich einen politischen Song schreibe, dann braucht er natürlich einen Unterton. Ein politischer Song muss fein nuanciert und zeitgemäss sein. William Morris’ Texte sind offenkundig, lesbar und von gewagter Aufrichtigkeit. Sie haben eine Qualität in Ihrer Klarheit, die ich mit meiner Art Texte zu schreiben nicht erreichen könnte.
 
foo: Gibt es für Dich einen Unterschied zwischen gutem und schlechtem Pathos*?
 
*wir brauchten einige Zeit, um den Begriff zu klären. Wir einigten uns schließlich auf des Wort „sentiment“. Das hilft nur zum Teil, entspricht dem Gemeinten aber wohl am Besten.
 
Darren: Wahrscheinlich ist da eine sehr individuelle Linie für jeden. Aber nein. Ich würde für mich keine Unterscheidung treffen. Vielleicht ist es eher ein Problem der Glaubwürdigkeit. Entweder man nimmt dem Text das Gefühl ab oder nicht. Ich kann aber keine harten Kriterien dafür festmachen.
 
foo: Hast Du von einem Phänomen namens Pegida gehört? Glaubst Du, dass eine stärkere sozialistische Tradition Phänomene wie Pegida vermeiden könnte?
 
Darren: Ja, das glaube ich? Pegida scheint meiner Idee des Sozialismus sehr diametral gegenüberzustehen.
 
foo: Die drei Footage-Gründer sind ziemlich exakt in Deinem Alter. Was unterscheidet den 30jährigen Hefner-Frontman vom heutigen Darren mit 44?
 
Darren: Ich bin schlauer und dümmer. Ich bin gleichzeitig sicherer und verunsicherter. Aber ich mag meine heutigen Platten lieber als die Alten. Ich komme näher an die Musik, die ich schon immer machen wollte.
 
foo: Du hast Kunst und Illustration studiert, Du bist Singer, Songwriter und der Kopf von Hefner. Können wir uns eines Tages auf einen Roman freuen?
 
Darren: Das kommt mir unwahrscheinlich vor. Obwohl ich vor einigen Jahren mal eine Idee für einen längeren Text hatte. Ich liebe aber das verdichten. Ich liebe es, Ideen herunter zu brechen, bis nur noch ein paar kleine Zeilen und Worte übrig sind.
 
foo: Du bist kein großer Tournee-Fan. Was können wir tun, um Dich nochmal nach Deutschland zu bewegen.
 
Darren: Ich fürchte, das wird nichts. Ich bin nicht bekannt genug um einer Tour eine halbwegs komfortable Note geben zu können. Das wird sich immer nach klebrigen Fußböden anfühlen und nach schmierigen Promotern, die versuchen werden, Dich nicht korrekt zu bezahlen. Im meinem Alter kann ich das nicht mehr machen. Ich mag mein Zuhause.
 
foo: Eine Bitte zum Schluß: Dürfen wir Dich um eine kleine Zeichnung bitten? Etwas Kleines, Wahres, dass nur Du für uns zeichnen kannst?
 
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foo: Vielen Dank, Darren. Das ist großartig.
 
 
Kauft „Chants for socialists“ hier: hefnet.com

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Harter Zweikampf im Mittelfeld, zwei Jungs – beide unwesentlich älter als acht Jahre – kommen nahezu zeitgleich an den Ball und bugsieren ihn über die Seitenlinie ins Aus. Es ist nicht auf den ersten Blick erkennbar, wer den Einwurf erhalten soll. Einen Schiedsrichter gibt es in dieser Altersklasse nicht. Das ist sie also, die ideale Spielsituation für das „Fairplay-System“, das im deutschen Jugendfußball greifen soll und das dem ehemaligen DFB-Sportdirektor Matthias Sammer zugeschrieben wird. Dahinter verbirgt sich ein eigentlich guter Gedanke, der nämlich, dass die jungen Kicker kontroverse Situationen selbst entscheiden sollen. Die ehrenwerte Idee: Der Spieler, der als letzter am Ball war, sagt das und gibt damit den Einwurf ab an die gegnerische Mannschaft, die ihn somit ja auch verdient hat.

So weit, so gut! Die Crux: Es funktioniert nicht – weder an diesem Vormittag noch an irgendeinem anderen.
Zum Wohle des ruhigen Schlafes aller Kinderpsychologen: Es sind nicht die Kinder, die es verbocken, denn die wären in der Tat sehr oft dazu in der Lage. Das Problem steht am Spielfeldrand oder etwas dahinter.
„Kevin! Das ist UNSER Ball! Lass Dir nicht immer alles gefallen! Du musst Dich auch mal durchsetzen!“ Der Ruf aus der Reihe der mitgereisten Väter und Opas, die viel zu viel Vergangenheit mit sich herum tragen und das gerne hier am Rande eines Aschenplatz im dörflichen Nirgendwo über ihre Söhne kompensieren möchten, ist laut und lässt keine Fragen offen. Scheiße ist das für die jungen Kicker. Denn wer wäre Kevin, wenn er jetzt seinem Vater widersprechen und den Ball in einer fast schon ghandiesken Geste an seinen Gegenspieler abgeben würde? Natürlich hält er diesem Druck nicht stand. Er ist gerade acht Jahre alt und zerrt seinem Gegenspieler den Ball aus der Hand und ruft – ganz im Sinne seines alten Herrn: „Wir haben Einwurf!“ Dass die Sache damit nicht geklärt ist, ist auch klar. Denn natürlich fühlt sich jetzt auch der Trainer von Kevins Gegnern dazu berufen, einzuschreiten und zwar im Stile der Trainer, die er im Fernsehen sieht und ganz offenbar bewundert. Verzerrtes Gesicht und theatralische Geste? Kein Thema! Schließlich wird schon gejubelt wie Kloppo – da kann man auch seine Meinung so kund tun, wie der zweifache Dortmunder Meistertrainer. „Ihr müsst endlich mal lernen, Euch zu wehren!“ schallt es über die gesamte Breite des F-Jugend Platzes. Schon reißt Kevins Gegenspieler sich den Ball unter den Nagel und die Einhaltung der Fairplay-Regel ist in diesem Moment so weit entfernt, wie der gesunde Menschenverstand von allen Beteiligten.

Es ist erschreckend, wenn nicht sogar verstörend, was in im deutschen Fußball und seiner F-Szene bisweilen passiert. Der Autor dieser Zeilen ist nun seit ca. zwei Jahren in diesem Metier unterwegs, zunächst als Spielervater und nun als Trainer – Stoff für ganze Romane! In dieser Szene F gibt es Trainer, die ihren Spielern in Orkanstärke Anweisungen entgegen pusten, die weder verständlich noch pädagogisch wertvoll sind. Es gibt Eltern, die ihre Kinder auf dem Weg in die Bundesliga wähnen und deshalb am Spielfeldrand des Wahnsinns vor nichts und niemanden zurück schrecken. Da werden Torbeteiligungen notiert, vermeintliche Konkurrenten des Sohnemannes schlecht geredet oder Kindergeburtstage abgesagt, um Turniere zu spielen. Wenn sich F-Jugend Spielerväter über das Geländer am Spielfeldrand lehnen, erinnern sie stark an Jutta Müller, die ehemalige DDR-Eiskunstlauf-Trainerin. Auch deshalb florieren derzeit private Fußballschulen, die das wöchentliche Training optimieren sollen, denn so ganz vertraut man den fünf Minuten Bundesliga des Orkan-Trainers eben doch nicht.

Der Weg zur Bundesliga führt, so scheint es, über diesen Dorfplatz und wer sich nicht durchsetzt, der kann später maximal sein Studium mit dem Fußball zahlen, denn das – so viel ist klar – muss es mindestens sein.

Und an diesem Einwurf, den Kevin und sein Gegenspieler nun endlich eher rabiat und unter einer abwinkenden Geste beider Trainer ausgerangelt haben, entscheidet sich eben, wer das Zeug für die Jugend-Mannschaften der Profimannschaften hat, deren Scouts nicht selten zu Gast bei den Spielen sind und damit für nur noch mehr Konfusion bei Eltern und Trainern sorgen. „Schatz! Der Scout von Bayer Leverkusen ist da,“ raunt ein Vater einer Mutter zu und beginnt leicht von einem Fuß auf den andern zu wippen. „Das soll der Scout von Bayer Leverkusen sein?“ „Ja – das ist er!“ Aber anstatt irgendjemanden anzusprechen, notiert sich der unscheinbare Rentner geheimnisvoll etwas und verschwindet still und leise. Ob je einer der hier Wartenden von ihm hört, weiß niemand – darüber spricht man nicht in der Szene, zu viel Konkurrenz, zu viel Angriffsfläche.

Im nächsten Augenblick schießt Kevins Gegner ein Tor. Sein Trainer winkt ab. Er hat es geahnt: Beim Einwurf, da fing es schon an!

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Wenn man über Fußball und Pop schreibt, ist es gar nicht so leicht, ein paar warme Worte für die Griechen zu finden. Ich möchte aber. Nicht nur aus Protest gegen die Holzhacker des Boulevards, sondern vor allem auch wegen der Erinnerungen an entschleunigte Fährüberfahrten auf schöne Inseln und an die herzensguten Gastgeber dort.

Damals konnte man am Horizont der Ägäis keine Krise erkennen. Wahrscheinlich begann die ganze Misere Jahre später und ein deutscher Fußballehrer war Schuld. Otto Rehhagel wurde mit den Griechen Europameister und dann auch noch von einem deutschen Provinzblatt zu „Rehakles“ ernannt. Rehhagel brachte den Griechen bei, wie man Fußballspiele auf die unappetitliche Art gewinnt. Und dann hat seine kontrollierte Offensive wohl ein ganzes Land gelähmt. Denn im Rausch des Erfolges hielten die Methoden Rehhagels Einzug in den griechischen Alltag. Es wurde gemauert, auf Zeit gespielt und auf Standardsituationen spekuliert. Man braucht kein Pythagoras zu sein, um sich auszurechnen, wie sich so etwas auf eine Volkswirtschaft auswirkt. Zu erhöhter Produktivität führt die Taktik jedenfalls nicht. Vielleicht lag es auch an Rehhagel, dass griechische Fußballer wie Theofanis Gekas oder Angelos Charisteas sich nicht nur durch Talent sondern oft auch durch ein gewisses Phlegma auszeichneten.

Auch die griechische Popkultur hat nie die ganz großen Bäume ausgerissen – und das sogar schon vor Rehhagels Zeit. Unsereins ist sie vor allem durch ein paar Schlagerbarden bekannt, von denen aber immerhin immer ein Lied in Erinnerung gebelieben ist. Das ist mehr als bei den meisten anderen Sängern dieses Genres.

Costa Cordalis setzte sich sein Denkmal, indem er nach Mexiko reiste, um dort eine gewisse Anita kennen zu lernen, mit ihr auf ein Pferd zu steigen und sie dann zu besingen. Dazu gehört Mut, nach allem, was man über Mexiko weiß. Vielleicht ist es aber auch ein Leichtes, wenn man wie der Türsteher eines Sonnenstudios aussieht. Stärke zeigte auch Vicky Leandros, als sie bekannte, das Leben zu lieben. Trotz Trennung von einem Partner immerhin – aber das haben wohl auch schon andere vor ihr geschafft. Nana Mouskouri schaffte es ganz anders, nämlich in ein Lied des großen Funny van Dannen. Das ist etwas, was ihr niemand mehr nehmen kann. Auch nicht, dass ihr kleiner Hit „Guten Morgen Sonnenschein“ sich als veritables Mittel beim Wecken kleiner Kinder bewährt hat.

Doch die griechische Fahne so richtig hoch halten, kann nur ein echter Held. Und das ist einer, den es leider gar nicht gibt, weil er nur ausgedacht ist. Man würde sich wünschen dass er Wirklichkeit wird und alle Griechenland-Hasser in Grund und Boden tanzt, bis sie umfallen und nicht mehr aufstehen. Alexis Sorbas hieß er, der Sirtaki war sein Tanz und der wurde auch immer gespielt, wenn man mit sich mit der Fähre auf den Weg zu den schönen Inseln mit den herzensguten Gastgebern machte.

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Eigentlich müsste man den Deckel drauf machen. Die Diskussion über Traditionsvereine und Retortenclubs beenden. Die Argumente sind so oft wiederholt worden wie die Frage kleiner Kinder nach der Ankunftszeit, wenn man mit dem Auto in den Urlaub fährt.

Manchmal weiß ich auch schon nicht mehr, welcher Club jetzt am Flipchart einer Marketingabteilung entstanden ist. Leverkusen, Wolfsburg, Hoffenheim, Leipzig, vielleicht auch Ingolstadt – die dürfen sich über die leicht totgelaufene Thematik freuen. So kommen die Dinge besser zur Geltung, die sie unbestreitbar haben. Das Geld, sportliche Erfolge, manchmal spektakuläre Spielzüge, unglaubliche Spielernamen (Bas Dost, Gonzalo Castro) und wahrscheinlich gut gebildete Spielerfrauen, die Pekip-Kurse geben.

Dass die findigen Verantwortlichen der „Werksclubs“ trotzdem manchmal versuchen, ihrer „Marke“ so etwas wie einen Charakter oder eine Tradition anzudichten, wirkt da fast schon so befremdlich wie ein bekleideter Flitzer. Warum haben sie das nötig, wo sie doch sonst schon alles haben?

Eine schleichende, steigende Akzeptanz ihrer Vereine können sich die Rangnicks und Allofsse aber trotzdem auf ihre Fahnen schreiben. Und spätestens in 100 Jahren, wenn alle Traditionsclubs in der Versenkung verschwunden und jede Hinterhof-Limonade einen Verein in die Bundesliga gehievt hat, wird es für Fans wie mich schwierig. Gefühlt bin ich ohnehin schon der letzte Mohikaner, der sich weigert Spieler aus Leverkusen, Hoffenheim & Co in sein Comunio- oder kicker-Team aufzunehmen, weil er sich mit diesen Sportsfreunden einfach über kein einziges Tor freuen kann.

Aber – eine Patrone habe ich noch und die kann ich ja wie ein betrunkener Karnevalscowboy verballern, bevor ich mich auf das regelmäßige „Mensch ärgere Dich nicht“-Spielen mit meiner Tochter konzentriere.

Eigentlich wird nämlich die ganze Zeit um den falschen Begriff gestritten. Es geht gar nicht um Tradition, es geht um Romantik. Und zwar genau um die Romantik, vor der wir Jungs uns als Pubertierende und Heranwachsende immer gefürchtet haben. Die Romantik, die Mädchen von uns eingefordert haben. Der wir uns verweigerten, weil sie den einen oder anderen Riss in unserer coolen Fassade hinterlassen hätte. Erst als die Mädchen zu Frauen und der Fußball immer wichtiger wurde, haben manche von uns gelernt, wie wichtig Romantik ist. Und dass sie viel mehr ist als eine angezündete Kerze oder ein selbst geschriebenes Liebeslied.

Romantik ist das Wappen im Kiosk eines alten Rentners, der dazu zig märchenhafte Anekdoten erzählen kann. Sie ist das Schweigen, wenn man nach einer Niederlage nicht mehr weiter weiß, obwohl man mitten im Leben steht. Sie ist Dumpfheit im Ohr, wenn der Jubel im Stadion zum Betäubungsmittel wird. Oder Pipi in den Augen haben, wenn ein paar Spieler pflichtbewusst klatschend vor einer ergriffenen Fankurve stehen.

Das ist Romantik. Und sie ist voller Fehler und Unwägbarkeiten. Sie lässt sich nicht konstruieren und das Scheitern gehört zu ihrem Wesen. In Retortenclubs wird sie deshalb nie eine große Rolle spielen. Sie passt nicht in die Strategie. Dort würde man sich sonst wie eine Bank fühlen, die sich mit falschen Berechnungen brüstet.  Das wird auch in 100 Jahren nicht passieren.

Gut so, belassen wir es einfach dabei.

Foto by Moazzam Brohi

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Günter Eichberg war eine der schillerndsten Figuren bei Schalke 04 – in einem Verein, dessen Vereinswappen erscheint, wenn man im Brockhaus unter „Schillernde Figuren“ nachblättert. Heute – zwei Jahrzehnte nach Günter Eichbergs Demission im Revier – ist Schalke 04 indes geschlagen mit glatt gebügelten Lenkern wie Horst Heldt, einem höchst rechtschaffenden Weltmeister-Kapitän der Marke Benedikt Höwedes und einem erklärten Defensiv-Fetischisten als Trainer – der Preis für die Champions League und für mehr Siege als Niederlagen. Nun ist im Verlag „Neue Buchschmiede“ ein Buch über Günter Eichberg erschienen: „Günter Eichberg – Schalkes vergessener Retter?“ von Katharina Strohmeyer ist ein bemerkenswertes Buch, das mit der Nähe zur Hauptfigur, einer mitreißenden Erzählweise und vor allem einer guten Portion Humor punktet. Es erzählt die Geschichte eines Mannes, den es so auch nur auf Schalke geben durfte, konnte und irgendwie auch musste. Wir haben mit Günter Eichberg über das Buch und über vergangene Zeiten gesprochen.

footage: Als Sie Schalke 04 1989 übernahmen, war der Verein kurz vor dem sportlichen und wirtschaftlichen Ende. Wir alle kennen zwar in solchen Momenten das Gerede vom „schlafenden Riesen“ den man ja nur aufwecken muss. Aber Hand auf´s Herz: War das heutige Schalke damals die Vision, die Sie im Kopf hatten, als Sie das Präsidentenamt annahmen?
Eichberg: Nun, zumindest hatte ich ein viel besseres Schalke im Kopf, als das, was ich vorfand. Der Verein war ja kurz davor, in die Amateuroberliga abzusteigen. Da hatte ich erst mal keine großen Visionen im Kopf, da war nur der Gedanke an den Klassenerhalt. Später war es dann mein Ziel, den Verein wieder zurück in die erste Liga zu bringen – und das hat ja auch geklappt.

footage: Was vom heutigen Schalke ist letztlich auch auf Ihrem Mist gewachsen? Es heißt, die Stadionpläne lagen schon damals in Ihrer Schublade.
Eichberg: Das stimmt, die Pläne waren fix und fertig. Die Firma Holzmann sollte anfangen zu bauen, aber die haben uns immer wieder hingehalten. Dass die damals schon kurz vor den Insolvenz standen, daran haben wir nicht im Traum gedacht, das war ja ein Weltkonzern. Die Idee mit dem verschließbaren Dach stammt übrigens von mir.
Auch sonst haben wir einiges erreicht damals. Ich habe die Eintrittspreise deutlich gesenkt, dadurch hatten wir schon als Zweitligist einen wahren Zuschauerboom. Am Ende meiner Amtszeit hatte ich die Zuschauerzahl verdreifacht, genau wie die Mitgliederzahl – und diese Entwicklung hat sich bis heute fortgesetzt.

footage: Auf welche Aspekte, die Schalke heute ausmachen, könnten Sie dagegen liebend gerne verzichten? Viele Fans beklagen, dass der Verein in der neuen Arena und in der Champions League seine Seele verkaufen musste.
Eichberg: Die ganze Bundesliga hat ihre Unbefangenheit verloren! Das kommt vor allem durch die irren Spielergehälter. Selbst mittelmäßige Profis verdienen ja heute monatlich Summen, da guckst Du Dich aber um! Ich war ja bei den Spielergehältern auch nicht gerade knauserig. Das gab damals einen Aufschrei. Dabei war das ein Witz gegen das, was heute so gezahlt wird. Ich hoffe nicht, dass diese materielle Saalschlacht so weitergeht.
Außerdem bedauere ich, dass der typische Stadionbesucher auf Schalke heute ein anderer ist, als zu meiner Zeit. Auf diese massenhafte Anwesenheit der sogenannten V.I.P.s könnte ich auch verzichten.

footage: Katharina Strohmeyer hat ein großartiges Buch über Sie geschrieben, das die Unterzeile „Schalkes vergessener Retter?“ trägt. Tut es gut, offenbar doch nicht ganz unvergessen zu sein? Die Verkaufszahlen scheinen das jedenfalls zu bestätigen.
Eichberg: Auf jeden Fall! Das Buch kommt überall super an – was mich natürlich freut, denn es werden ja auch ein paar Dinge gerade gerückt. Für mich persönlich ist es aber das Wichtigste, dass ich durch das Buch jetzt wieder ein gutes Verhältnis zum Verein habe. Mein Status beim FC Schalke entspricht jetzt dem eines ehemaligen Präsidenten, der mit dem Verein einiges erreicht hat.
Was viele gar nicht mehr auf dem Schirm haben: Ich habe damals Rudi Assauer als Manager zurückgeholt. Und zwar gegen massive Widerstände. Im Stadion hingen damals sogar Banner: „Wenn Assauer kommt, gehen wir!“. Und nicht zuletzt standen beim UEFA-Pokal-Endspiel in Mailand 1997 sieben Spieler auf dem Platz, die ich nach Schalke geholt, oder mit langfristigen Verträgen gehalten hatte…

footage: Stichwort Mailand: Im Buch gibt es eine Passage, die davon erzählt, wie Sie am Tag des großen Finales (über drei Jahre nach ihrem Rücktritt) neben dem San Siro von zahlreichen Schalkern angepöbelt wurden, weil Ihnen der Ruf anhaftete, viel verbrannte Erde im Revier hinterlassen zu haben. Sie haben dann das Spiel alleine auf dem Hotelzimmer geguckt – und ihre Eintrittskarte verfallen lassen. War das damals rückblickend der dunkelste Moment für Sie?
Eichberg: Ja (muss schlucken). Das war richtig bitter. Mir wurde in dem Moment die harte Wirklichkeit vor Augen geführt. Als die Banken mich wegen meiner Kliniken gezwungen haben, auf Schalke als Präsident zurückzutreten, war dort die Welt ja noch in Ordnung. Die Fans hatten mir ein paar Tage vorher nochmal extra das Vertrauen ausgesprochen, die standen hinter mir. Nach meinem Rücktritt ist die Stimmung aber irgendwann völlig gekippt. Das hatte ich in Florida, wo ich inzwischen wohnte, überhaupt nicht mitbekommen.
Und dann stehst Du in Mailand. Die Mannschaft, alles Deine Jungs, ist gerade dabei, den größten Sieg der Vereinsgeschichte einzufahren – und Du musst das Spiel alleine auf dem Hotelzimmer gucken, weil die Fans Dir an die Wäsche wollen. Das war ganz klar der dunkelste Moment!

footage: Viele Schalke-Fans sagen, dass Sie durch das Buch einen anderen Blick auf die ereignisreichen Tage Ihrer Regentschaft bekommen haben – einen durchaus positiveren. Warum war dieser Blick vorher aus Ihrer Sicht so negativ? Würden Sie heute etwas anders machen?
Eichberg: Ich hätte Katharina Strohmeyer schon vor zehn Jahren fragen sollen, ob sie das Buch schreibt! Es gab so viel üble Nachrede – auch und gerade im Spiegel – das sehen jetzt viele differenzierter.

footage: Gab es nach der Präsidentschaft eine Zeit, in der Ihr Herz etwas weniger blau-weiß geschlagen hat? In diesem Moment in Mailand zum Beispiel?
Eichberg: Quatsch. Das tat weh, natürlich. Aber die Fans da in Mailand waren zum einen betrunken, zum anderen sind die ja auch permanent mit Fehlinformationen gefüttert worden. Die wussten es einfach nicht besser. Außerdem: Einmal Schalker, immer Schalker!

footage: Eine der schönsten Anekdoten aus Ihrer Präsidentschaft, ist die der doppelten Beerdigung von Ernst Kuzzorra, für den zwei Mal ein Kranz am Grab niedergelegt wurde, weil Sie zu spät aus ihrem Domizil in den USA anreisten. War das wirklich so skurril oder ist die Geschichte erst im Nachhinein so aufgebauscht worden?
Eichberg: Das war die Idee von Charlie Neumann. Ich kam in Gelsenkirchen an und Charlie war gleich der Meinung: „Der Alte ist nicht mit auf dem Foto, wir müssen sofort nochmal zum Friedhof!“ Alfred Draxler von der Bild-Zeitung war gleich ganz heiß, weil er schon die passende Schlagzeile im Kopf hatte. Wir sind dann gleich hingefahren und haben uns mit alle Mann ans Grab gestellt, die Vereinsfahne in der Hand, und haben die Kränze erneut niedergelegt. Der Sarg blieb allerdings in der Gruft. Jedenfalls stand am nächsten Morgen groß in der Bild: „Das gibt es nur bei Königsblau – Ernst Kuzzora zweimal beerdigt“.

footage: Zum Schluss würden wir Sie gerne auf ein kleines Spielchen einladen. Wir nennen Ihnen immer zwei gegensätzliche Begriffe oder Personen aus dem Schalke-Universum und Sie entscheiden sich für eines von beiden und sagen uns kurz in ein bis zwei Sätzen warum. Okay?
Eichberg: Ja komm, schieß los!

footage: Na dann: Parkstadion oder Arena?
Eichberg: Im Parkstadion hatten wir unsere großen Erfolge. Daran denke ich gerne zurück. Trotzdem entscheide ich mich für die Arena. Die ist weit überlegen, weil überdacht. Im Parkstadion standen ja weite Teile der Zuschauer ständig im Regen.

footage: Horst Heldt oder Charly Neumann?
Eichberg: Charlie Neumann! Er hat mir sehr viel Lebensfreude verpasst – und auch dem Verein. Charlie Neumann war in der ganzen Bundesliga-Geschichte einmalig!

footage: Neururer oder di Matteo?
Eichberg: Neururer! Di Matteo kenne ich nicht persönlich. Seine defensive Spielweise gefällt mir nicht so gut. Und Neururer war damals mein Erfolgstrainer, auch wenn ich ihn entlassen habe, als wir auf dem 2. Tabellenplatz standen (grinst). Wir verstehen uns heute trotzdem noch gut. Ich nenne ihn „Trainer“, er mich „Präses“.

footage: Nordkurve oder Loge?
Eichberg: Weder noch! Die Nordkurve habe ich immer bewundert, für mich wäre das aber nicht das Richtige. Aber mit den Logen musst Du mir auch nicht kommen. Ich sitze lieber in den guten Sitzreihen.

footage: BVB oder DER SPIEGEL?
Eichberg: (Lacht laut). Das ist eine gemeine Frage! Beim BVB haben sie mehr Ahnung von Fußball. Ich kann ja nicht so tun, als wäre Dortmund eine drittklassige Thekentruppe. Außerdem ist meine Wertschätzung für den Spiegel nicht mehr sehr hoch. Ich spreche denen jegliche Ahnung von komplizierten Sportvorgängen ab!

Günter Eichberg mit Buch-Autorin Katharina Strohmeyer

Günter Eichberg und Katharina Strohmeyer 5-10-2014 Buchvorstellung Gelsenkirchen Flora - Foto Barta

Günter Eichberg zum Umblättern (zum Bestellen auf Cover klicken):

Cover Eichberg Plakat

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Die spanische Brauerei Mahou ist in Deutschland nicht sonderlich bekannt. In Spanien dagegen ist sie ein Bier für Helden, vor allem an Spieltagen der Primera Division am Ufer des Manzanares – dort, wo Atletico Madrid seine Heimspiele im Estadio Vicente Calderon austrägt. Die Fans des aktuellen spanischen Meisters ziehen es dort vor, bis kurz vor

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Es ist nicht so, dass ich kleine Kinder nicht mag. Wirklich nicht! Hab ja selber welche. Nur immer, nein manchmal ist es so, dass die kleinen Kröten mir ein klitzekleines Bisschen auf die Nuss gehen…

Zum Beispiel, wenn ich nach einer HSV-Niederlage am liebsten den ganzen vermaledeiten Sonntag auf dem Sofa rumlümmeln, mir in Feinripp alte Heinz Erhardt-Streifen zu Gemüte führen, mich bemitleiden lassen und mir obendrauf von meiner Frau Sauerfleisch und Bratkartoffeln satt servieren lassen möchte, statt an den HSV zu denken und/oder mich um den verdrehten Nachwuchs zu kümmern. Doch einmal mehr stand neulich statt „Witwer mit fünf Töchtern“ für den Verheirateten mit zwei Kindern „Mensch, ärgere dich nicht“ auf dem Programm. Wie passend. Da blieb nur eines: Von den eigenen Kindern lernen und – scheiß was auf den letzten Rest Würde und Stolz -so lange Rumquengeln, bis der Frau der Kragen platzte: „DU NERVST! RAUS AN DIE FRISCHE LUFT!“ An den von mir herbeigesehnten Zug durch die Gemeinde in Richtung Dorfkneipe war allerdings nicht zu denken. Sohn Luis hatte Torwarttrikot und -handschuhe schon angezogen und den Ball bereits untergeklemmt. Und er rief sogleich voller Euphorie (und Unkenntnis des HSV-Ergebnisses vom Vortag): „Ich bin René Adler!“, nur um gleich darauf den missmutigen Vater zu fragen: „Und wer bist du?“ Ich rollte genervt mit den Augen. „Okay.“ Immer noch besser als „Mensch, ärgere dich nicht“, dachte ich mir. „Bin ich halt Rafael van der Vaart.“ Und ich wollte gerade – irgendwoher muss man sich ja sein verlorenes Selbstvertrauen zurückholen – trocken abziehen, da stemmte Luis empört die Hände in die Hüfte. „Papa! Das geht doch nicht!“ „Wieso geht das nicht?“ „Der ist doch auch HSV! HSV kann ja nicht gegen HSV spielen.“ Das leuchtete selbst mir ein. „Und wer soll ich dann sein?“ „Du bist St.Pauli, Papa!“ „St.Pauli!? Woher kennst du denn solche Ausdrücke?! Da muss es doch Alternativen geben, Junge!“ „Papa, was heißt Alternativen?“ „Das heißt: Kann ich nicht bitte auch wer anders sein?“ „Naaa gut. Was ist mit Dortmund? Oder Bayern? Kannst du dir aussuchen, Papa!“ Puh. Wer die Qual hat… „Kann ich nicht wenigstens Freiburg oder so sein?“ „Was ist Freiburg, Papa?“ „Das ist auch sowas ähnliches wie ein Fußballverein.“ „Okay. Meinetwegen. Darfst du.“

Und so bolzte ich mir – wer strengt sich schon sonderlich an, wenn er Freiburg sein muss und nicht van der Vaart sein darf – lustlos einen zurecht. Mein Sohn guckte sich das bockige Rumgestocher seines Vaters zwei Minuten an. Dann hatte er ein Einsehen und lenkte ein: „Du kannst ja auch Uwe Seeler sein, Papa!“ Ich wusste, dass er es nur gut mit mir meinte. „Vielen Dank, aber das geht doch nicht, Luis, der ist doch auch HSV.“ „Ist er doch gar nicht mehr, Papa!“ „Wieso ist er das gar nicht mehr?“ „Weil, heute Morgen beim Frühstück hast du doch gesagt, dass Uwe Seeler gar kein richtiger HSVer mehr ist!“ Man muss wirklich höllisch aufpassen, was man im Eifer des Gefechts so von sich gibt. „Aber das hab ich doch nur so daher gesagt, weil ich mich geärgert hab, dass Uwe Seeler in der Zeitung immer so viel über den HSV meckert.“ Da stellte Luis fest: „Aber du meckerst doch auch immer rum! Und trotzdem bist du doch eigentlich für HSV, Papa! Oder?“

Es bringt einfach nichts, wenn die eigenen Kinder mit knapp fünf Jahren schon schlauer sind als man selber. Ich atmete tief ein. Ich atmete tief aus. Ich lächelte. „Na gut, Kleiner. Dann bin ich eben Uwe Seeler.“ Luis jubelte, rannte zurück in sein Tor und rief mir strahlend zu: „Dann musst du jetzt aber auch einen Rückzieher machen. So einen richtigen! Wie Uwe Seeler früher!“

Oh man… Manchmal können einem die Dinge, die man über alles liebt, wirklich auf die Nuss gehen…

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Randsportarten sind die Amour Fou vieler Fußball-Fans. Still und heimlich wendet man sich ihnen zu, wenn spielfrei ist oder bestimmte Vereine nicht die gewünschten Ergebnisse liefern können. Verwirrt bleibt man nach dem Genuss zurück und möchte es dann wieder nicht gewesen sein. Schluss mit der Heimlichtuerei, echtes Bekennertum ist gefragt. Randsportarten verdienen die selbe Anerkennung wie heimliche Lieblingslieder.

Den ersten Aufschlag überlassen wir deshalb hier und jetzt zwei chinesischen Damen-Volleyballteams. Beeindruckend nicht nur der Ballwechsel, sondern auch die Diskussionen, die offensichtlich währenddessen von den Spielerinnen ganz sachlich geführt werden.

Jacques Secretin und Vincent Purkart (übrigens nur ein Pseudonym für den jungen Ulrich Kienzle) sind keine Freunde des gesprochenen Wortes, dafür aber talentierte Tischtennisspieler. In den 80er Jahren glaubten sie, den Sport durch herrlich alberne Clowneinlagen auf ein neues Level führen zu können. Hat nicht funktioniert und das ist wahrscheinlich auch besser so. Wir bitten die Bildqualität nicht zu entschuldigen, wahrscheinlich musste hier ein VHS-Recorder an YouTube angeschlossen werden.

Während beim Tischtennis auch mal scharf geschossen wird, erhält das Wort  „Shot“ beim Curling eine ganz neue Bedeutung. Fern ab von jeder Anzüglichkeit oder Gewaltassoziation hat das Ganze aber auf Umwegen doch noch etwas mit Sex zu tun. Die Reaktionen der Spieler zeigen, dass der Orgasmus wie wir ihn kennen offensichtlich immer überschätzt wurde.

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Foto: CC 2.0 by Eileen

 

In diesen Tagen konkurriert der Afrikacup mit der Ski-WM in Vail. Beides zweifellos große Events, die in Fragen von Flair und Appeal den Vergleich mit regionalen Snookerevents kaum scheuen müssen.
Den Skizirkus verfolge ich seit circa 1976. Die ersten Rennen, die ich gesehen habe, gewannen entweder Ingemar Stenmark oder Annemarie Moser-Pröll. Etwas später kam Hanni Wenzel dazu. Sie ist die bisher einzige Olympiasiegerin für Liechtenstein. Wenn man heute Bilder von ihr googelt, findet man hauptsächlich Briefmarken des Fürstentums.
 
Eines Tages zu Beginn der Nullerjahre tauchte Lindsey Kildow in den Startlisten des Damen-Skisports auf. Damals blendete man noch keine Gesichter neben den Namen ein, so dass noch vieles der Phantasie überlassen blieb. Ich mochte sie sofort. Ich mochte Skandinavier und Nordamerikaner im Skisport. Später befreundete sich Lindsey mit Maria Riesch, die ich auch ein bisschen mochte. Und manchmal, Sonntagmorgens – in der einen oder anderen meditativen Gleitpassage vor dem Fernseher, sah ich vor dem geistigen Auge Bilder einer guten, sauberen Mädchenfreundschaft. Damit konnte ich mich identifizieren. Während die ganzen Ehrgeiz-zerfressenen Österreicherinnen hart trainierten, intrigierten und sabotierten, hingen Lindsey und Maria in Cortina ab, gingen shoppen, tranken Latte Macchiate und dominierten am Folgetag fein abwechselnd die Weltcup-Rennen. Während die Fußballjunkies sonntags Wontorra ertrugen, zappte ich in eine alpine Traumwelt mit meinen Buddies Maria und Lindsey. Sie mochten mich für solides Käsefondue und exzellenten Grappageschmack.
 
Doch die Welt bekam Risse. Maria heiratete Marcus Höfl, einen Mann der in seiner Kindheit Pate für die Frisur der Playmobilfiguren stand. Lindsey ging es nicht so gut. Vielleicht war es eine ungute Mischung aus Verletzungspech, Leistungsruck und der seltsamen Einsamkeit im glamourösen Skizirkus. Lindsey und ihr Ehemann Thomas Vonn gingen seit längerem getrennte Wege. In dieser Zeit muss Lindseys Mobiltelefon geklingelt haben. Wahrscheinlich war es Ihre Managerin Sue Dorf. Sie sagte einen folgenschweren Satz: „Lindsey“, sprach sie mit amerikanischem Akzent. „Ich habe ein bißchen telefoniert, und finally – Du gehst jetzt mit Taiga Wutz.“
 
„Aber…der Tiger ist doch ein rechtskräftig verurteilter Ehebrecher.“  – mag Lindsey traurig gedacht haben. Aber dann wird langsam Vernunft eingekehrt sein. Man macht das besser mit und lächelt es weg.
 
Zumindest bis zum Karriereende.

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Die Frage wo Jan Böhmermann ist, ist leicht zu beantworten. In aller Munde, ab jetzt auch im ZDF und wahrscheinlich auch bald in der Post von Wagner, wenn er da nicht schon war.

Die Frage wer oder was Böhmermann ist – viel schwieriger zu klären. Für viele ist Böhmermann momentan so etwas wie die neue Hoffnung des deutschen Fernsehens. Zumindest für eine bestimmte Klientel. Coole, gebildete Leute aus urbanen Milieus vermutlich. In den „ländlichen Gebieten“ wie wir sie aus Wahlsendungen kennen, weht ein anderer Wind. Hier dürfte Böhmermann eine echte Splitterpartei sein, hier dürfte Helene Fischer-Land sein. Vielleicht ist Jan Böhmermann ja die andere Helene Fischer – die Helene Fischer der Hipster.

Jan Böhmermann ist aber mehr, er ist auch ein Phänomen. Es gab ihn wahrscheinlich schon einmal, da hieß er aber noch Niels Ruf.  Oder Niels Ruf hat sich als Jan Böhmermann ein zweites Standbein aufgebaut. Die Gemengelage ist hier mindestens undurchsichtig. Jedenfalls sind sich beide ähnlich in der Intonation, dem Nuschelfaktor und ihrer auf Provokation ausgerichteten Komik.

Bei Böhmermann wirkt es so , als ob er das Provozieren schon früh verinnerlicht hat. Gut möglich, dass er als Kind mal in illustren Tischgesellschaften einen Rülpser los ließ oder auf einer Beerdigung laut furzte. Heute ist er kreativer, auch wenn der bei ihm recht häufige Gebrauch von Wörtern wie „Sperma“ oder „Fick“, um einen Gag zu landen, anderes vermuten lässt.

In einem Interview hat er mal gesagt, dass er nicht berechenbar sein möchte. Dann fragt man sich natürlich, warum er sich Opfer aussucht, die so naheliegend wie meine Tastatur sind. Revolverheld oder Pur hat Böhmermann durch den Kakao gezogen, was sollte man mit solchen Bands auch sonst tun? In einer früheren Zeit hätte er wohl Ostfriesenwitze erzählt

Aber wer sich solche Widersacher sucht, kann sich natürlich der Unterstützung vieler sicher sein. Böhmermann weiß, wie sein Geschäft funktioniert. So wie Helene Fischer weiß, welchen Rhythmus und Refrain ihre Lieder haben müssen, damit sie gekauft werden. Beide kalkulieren. Aber kalkulierte Unterhaltung hat immer einen faden Beigeschmack. Und sie ist nichts Besonderes. Vielleicht ist das auch Jan Böhmermann.

Foto: Jonas Rogowski

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Thorsten Stuckmann war Torhüter bei Eintracht Braunschweig und bei Alemannia Aachen – ein richtig guter dazu. Vor drei Jahren wechselte er in den englischen Fußball – in die dortige League One, zu Preston North End, einem Verein, der tapfer um den Aufstieg in die zweite englische Liga fightet. footage sprach mit Stuckmann auf dem Weg zu einem Auswärtsspiel über englische Legenden, türkische Torwarttrainer, über die Illusion englischer Fußballbegeisterung und vor allem über ein ganz besonderes Spiel, an einem ganz besonderen Tag in der nächsten Runde des FA-Cups gegen Wayne Rooney und Luis van Gaal.

Footage: Thorsten, Du spielst jetzt seit 2011 in Preston, einem in England gar nicht mal so unbekannten Club. Erzählst Du uns ein bisschen was über Preston North End?
Stuckmann: Klar! Wir spielen in der englischen dritten Liga, mit klaren Ambitionen nach oben. Wir haben eine ziemlich große Fan-Base, bei Heimspielen kommen zwischen 10.000 und 12.000 Zuschauer. Die haben deutlich mehr verdient, als die Liga, in der wir derzeit spielen. Außerdem sind die Leute hier ziemlich stolz auf die Tradition des Vereins. Hier haben schon Leute wie Nobby Stiles, Bobby Charlton, David Beckham oder Erik Meijer gespielt. Wenn Du solche Jungs hier schon gesehen hast, dann willst Du mehr als Liga 3.

Footage: Stiles und Charlton waren Weltmeister mit England 1966 – die größten Club-Legenden?
Stuckmann: Nein! Große Spieler in der Geschichte hier, ganz klar. Aber die Legende schlechthin hier war Tom Finney, der mehr als 560 Spiele für den Club gemacht hat und sogar 76 Mal für England aufgelaufen ist. Vor einem Jahr ist er gestorben. Da hat der ganze Verein – Spieler, Funktionäre, Fans – getrauert, wie ich das selten erlebt habe. Keine Frage: Tom Finney gehört hier in Preston zum Verein und der Stadt, wie Uwe Seeler beim HSV oder Fritz Walter in Kaiserslautern. Auf ihn ist hier die komplette Fankultur ausgerichtet. Vor dem Stadion steht eine Statue von ihm , die ihn dabei zeigt, wie er gerade einen Ball auf nassem Rasen weg grätscht. Gigantisch! Und dann gibt es noch diese ganz besondere Geschichte.

Footage: Erzähl!
Stuckmann: Wir haben gestern im FA Cup-Wiederholungsspiel gegen Sheffield United nach 0:1 Pausenrückstand, 3:1 gewonnen und sind so in die nächste Runde eingezogen. Und jetzt der Hammer: In der nächsten Runde geht es gegen Manchester United. Und dann der Ober-Hammer: Der Kick findet an Toms Todestag hier zu Hause gegen Wayne Rooney und Angel di Maria statt, was für ein Gänsehaut-Spiel, das den Menschen hier unfassbar viel bedeutet. Das Ganze steigt übrigens am Rosenmontag und ich bin so heiß wie Frittenfett auf den Kick

Footage: Wahnsinn! Du musst uns unbedingt auf dem Laufenden halten!
Stuckmann: Das mache ich auf jeden Fall – ein echtes Jahrhundertspiel für Preston!

Footage: Das klingt alles nach totaler Begeisterung. Dem englischen Fußball – vor allem dem in unteren Spielklassen – haftet immer noch das Etikett des traditionellen englischen Fußball-Support an. Ist das auch Deine Erfahrung?
Stuckmann: Um ehrlich zu sein: Nicht wirklich! Wenn wir Torhüter ins Stadion zum Warmmachen aufs Feld kommen, sind gerade mal 80-90 Leute im Stadion. Die meisten Zuschauer kommen erst mit dem Anpfiff und sind auch gleich nach dem Spiel wieder weg.
Auch während des Spiels ist es eher ruhig. Zu Beginn der beiden Hälften wird die Vereinshymne gesungen und an zwei, drei besonders heiklen Spielsituationen wird es noch mal lauter. Aber das war es dann auch. Das war ich aus Deutschland natürlich ganz anders gewohnt. In Braunschweig und in Aachen, da brannte eigentlich die ganze Zeit die Hütte, auch schon vor dem Spiel. Manchmal kann ich meinen Sohn von der Tribüne hören, der vom Schoß meiner Frau „Come on, Thorsten!“ skandiert. Der macht immer einen auf bedingungslosen Support!

Footage: Anderes Thema: Hat man in England eigentlich Torwart-Trainer? Oder gibt es den Beruf dort gar nicht?
Stuckmann: Na ja, ich habe jetzt in zwei Jahren schon den dritten Torwart-Trainer hier und zum ersten Mal einen, von dem ich sagen würde, der weiß, was er tut. Der erste war Engländer und hatte seinen Körper auf englischen Spielfeldern gelassen. Der konnte selbst nicht mehr schießen, weil sein Bein das nicht mehr zugelassen hat. Irgendwann hat er den Spieß dann umgedreht und ich musste ihm in jeder Einheit eine spezielle Übung aus Deutschland zeigen. Wahrscheinlich ist er damit jetzt irgendwo in der Premier League gelandet. Der zweite Trainer war Türke und hatte – um ehrlich zu sein – mal gar keine Ahnung vom Fußball. Der hat immer von seiner großen Zeit in der Türkei erzählt, als ich ihn aber gefragt habe, wo er denn in der Türkei gespielt hat, kannte der nicht mal Galatasaray oder Besiktas Istanbul. Auf jeden Fall war der schnell wieder weg.

Footage: Wie ist denn Deine aktuelle Situation im Verein?
Stuckmann: Gerade läuft es ein bisschen unglücklich für mich. Ich habe mir im Laufe dieser Saison den Platz als Nummer 1 zurückerkämpft und auch ein richtig gutes Feedback von allen hier bekommen. Doch auf einmal ergab sich für den Verein die Chance, den englischen U21 Nationaltorhüter von Manchester United auszuleihen. Da haben die Verantwortlichen gleich zugeschlagen, weil das für den Verein eine große Chance war. Das habe ich auch verstanden. Jetzt spiele ich erst einmal nur die Pokalspiele, was aber mit der Aussicht auf das ManUnited-Spiel auch nicht unbedingt das Schlechteste ist. Aber ich bin jetzt 33 und ich habe schon so viel erlebt. Ich gebe hier in jedem Training Gas, biete mich an und versuche den Jungen ein bisschen supporten. Vielleicht ist er ja offen für eine Tipps und Tricks aus der guten alten deutschen Torwartschule.
Die Fans jedenfalls wollen mich hier im Tor sehen, was mich motiviert, mich weiterhin voll rein zu knallen. Mal sehen, wie das für mich weiter läuft. Mein Vertrag läuft im Sommer aus. Dann schauen wir weiter.

Footage: Ist eine Rückkehr nach Deutschland vorstellbar?
Stuckmann: Kann ich mir absolut vorstellen. Ich möchte auf jeden Fall noch drei, vier Jahre spielen und bin definitiv stark genug für einen deutschen Zweit- oder Drittligisten. Wir haben ein Haus in Erftstadt. Da wollen wir nach unserer Zeit in England auch auf jeden Fall wieder hin. Vielleicht schon im Sommer. Aber natürlich kann ich mir auch noch ein Jahr hier in England vorstellen.

Footage: Wir drücken die Daumen! Auch für das Spiel in Sheffield! Danke für das Gespräch!

Impressionen aus Preston:

Thorsten Stuckmann 1

Thorsten stuckmann 2Thorsten Stuckmann 3Thorsten Stuckmann 4Fotos: Preston North End

 

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13. Juli 2014 – Abpfiff im Maracana. Bastian Schweinsteiger fällt in sich zusammen, sein Körper ist am Ende. Philipp Lahm und Toni Kroos gehen in die Knie, schreien ihre Anspannung in die brasilianische Nacht, während Jerome Boateng immer noch genug Luft hat, um zur Ersatzbank zu sprinten. Reinaldo Coddou ist in der Sekunde, in der die deutsche Elf Weltmeister wurde, ein ganz besonderes Foto gelungen. Nun wurde es zum Sportfoto des Jahres gewählt. footage sprach mit ihm über das Foto und dessen Entstehung.

footage: Reinaldo – unseren Glückwunsch zur Auszeichnung. Der gemeine Fan fragt sich natürlich, wie man in einer solchen Sekunde überhaupt den Finger am Abzug ruhig halten kann. Ist es die Lust am Bild oder professionelle Routine auch in solchen Momenten cool genug für ein solches Bild zu bleiben?
Reinaldo Coddou: Der Wunsch, ein gutes Bild zu machen, ist was mich antreibt und mich in so einem Moment cool bleiben lässt. Wenn ich arbeite, dann widme ich mich zu 100% meinem Job, da bleibt kein Platz für Emotionen. Und abgesehen davon hat die Nationalmannschaft bei mir noch nie ansatzweise solche Emotionen ausgelöst wie beispielweise mein Lieblingsverein.

footage: Für alle Nicht-Fotografen – ahnt man in dem Moment, in dem man abdrückt schon: „Alter, das wird ein geiler Schuss“?
Reinaldo Coddou: In diesem speziellen Fall nicht, dafür ging alles viel zu schnell. Die Situation rund um den Schiedsrichter, dessen Schlusspfiff mein eigentliches Motiv darstellte, hat sich ja relativ schnell aufgelöst (Boateng und Götze rennen aus dem Bild). Erst später am Computer habe ich gesehen, dass dies ein besonderes Bild ist. Im Übrigen hat mich erst ein befreundeter TV-Redakteur darauf hingewiesen, dass auf dem Foto alle zehn deutschen Feldspieler zu sehen sind, da war mir bis dahin noch gar nicht aufgefallen!

footage: Du warst über die gesamte WM in Brasilien. Würdest Du das Siegerfoto als Dein bestes Bild in dieser Zeit bezeichnen. Oder hast Du persönlich einen ganz anderen Favoriten?
Reinaldo Coddou: Das ist schwer zu sagen, ich habe gleich mehrere „Lieblingsfotos“ von der WM. Teilweise sind diese so unterschiedlich, dass man sie nicht miteinander vergleichen kann, ich habe ja nicht nur die Spiele als solche fotografiert, sondern auch versucht, das Drumherum zu dokumentieren. Das Schlusspfiff-Bild ist aber von der inhaltlichen Aussage her aber sicher das mit dem meisten Gewicht.

footage: Würdest Du dieses Foto eintauschen, wenn Du ein ähnlich euphorisches mit Spielern von Arminia Bielefeld machen dürftest?
Reinaldo Coddou: Nein. Wenn bei Arminia jemals ein solcher Jubel ausbrechen sollte, dann will ich auf der Tribüne durchdrehen…

Reinaldo sei Dank, dürfen wir Euch hier noch einen exklusiven Blick auf seine Lieblingsbilder der WM bieten. Klickt einfach auf die Bilder, um sie zu vergrößern. (alle Rechte: Reinaldo Coddou) Here we go:

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Einen Blick auf Reinaldo Coddous formidable Arbeit gibt es übrigens auf seiner Webseite: coddou.com

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Früher ging das so: Ich kauerte vor einem alten Transistorradio und lauschte der Bundesliga-Konferenz. „Tore, Punkte, Meisterschaft“ hieß die Sendung, durch die ein Mann namens Kurt Brumme mit sonorer Stimme führte. Vieles daran war besonders. Weil man mir aber ohnehin schon das Label „Alter Sack“ verpassen kann, fange ich natürlich jetzt nicht an, der Vergangenheit hinterher zu trauern. Was mich allerdings wurmt ist, was aus den Dingern geworden ist, die damals wie heute im Mittelpunkt stehen: Den Toren! Die gab es nämlich nur live im Radio und wenn es hoch kam danach noch in der Sportschau. Und heute? Gibt es Tore satt und zwar so satt, dass man sich auch als Ungläubiger nach einem Fußball-Ramadan sehnt.

Die Tore aus der Bundesliga sind dabei noch ein vergleichsweise rares, weil ja auch teures, Gut. Aber es gibt Ligen, die von der Bundesliga meilenweit entfernt sind – geographisch oder qualitativ. Genau dort treiben findige Redakteure oder fleißige Praktikanten fast jedes Tor auf und werfen dann damit um sich. Und wir dürfen uns dann über die spektakulären Seitfallzieher aus der zweiten japanischen Liga oder den Weitschusskracher eines Torwarts beim Hallenturnier des TuS Soundso freuen.

Wenn das alles in Maßen passieren würde, hätte das vielleicht auch noch einen Unterhaltungswert. Das Maß ist aber verloren gegangen und der Unterhaltungswert gleich mit. Es wird nur noch eine Frage der Zeit sein, bis wir die Tore von Familienvätern sehen, die beim 1-zu-1 gegen ihren Sohnemann im heimischen Wohnzimmer per Hackentrick zum Anschlusstreffer kommen. Von findigen Redakteuren entdeckt, falls sie nicht sogar selber der entsprechende Familienvater sind.

Und so stehen Tore jetzt in einer Reihe mit Hunde- und Katzenvideos. Sie werden angeklickt, weiter geleitet, geliked – sie funktionieren aus der Sicht derer, die sie veröffentlichen. Deshalb tauchen Sie jetzt auch mit Überschriften wie „Als ich dieses Tor sah, kamen mir fast die Tränen“ auf.

Natürlich muss ich mir diesen Quark nicht angucken. Aber wer will schon, dass seine Kindheitserinnerungen vor die Hunde gehen?

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Freitag
21.30 Uhr: Trainer Werner Thelen erinnert nach dem wöchentlichen Abschlusstraining an das bevorstehende Spiel gegen Hellas Embken II. Anpfiff wie immer 11 Uhr, Treffpunkt wie immer 9:15 Uhr. Abschluss-Appell an die Mannschaft „Jungens – am Sonntag bleiben die drei Punkte in Stockheim. Haltet Euch am also Wochenende zurück!“ Die Mannschaft lacht. Werner Thelen verlässt die Umkleidekabine.

Sonntag
4:30 Uhr: Ich schließe die Tür auf. Hatte wirklich versucht mich zurückzuhalten. Mist! Nicht geklappt. Ich bin aber trotzdem überzeugt Hellas Embken im Alleingang zu schlagen. Werde rechts spielen – das kann ich, glaube ich.
8:15 Uhr: Der Wecker klingelt. Nach drei Stunden Schlaf ist die Aussicht auf die rechte Seite gegen die Zweite von Hellas Embken ungefähr so attraktiv wie die auf eine Liebesnacht mit Alice Schwarzer. Angewidert schalte ich den Wecker wieder aus und drehe mich um.
8:20 Uhr: Der gestern vorsorglich gestellte, zweite Wecker klingelt. Meine neben mir liegende Freundin Tanja schaut rüber und setzt eine Miene auf, die irgendwo zwischen Atomkrieg und Molotow-Cocktail angesiedelt ist. Ich schalte den Wecker aus und drehe mich wieder um.
8:25 Uhr: Der dritte aufgestellte Wecker klingelt. Tanja entscheidet sich, noch am gleichen Tag einen anderen Freund zu suchen – einen, der Sonntags nicht mitten in der Nacht aufsteht, um die Zweite von Hellas Embken zu schlagen und sich dabei von Leuten wie Werner Thelen anschreien zu lassen.
8:27 Uhr: Ein Tritt Tanjas kickt mich aus dem Bett. Ich schaue in den Spiegel und verwerfe den Gedanken den Mann darin zu waschen gleich wieder. Mir wird klar: Der Tod schickt seinen besten Mann.
8:55 Uhr: Ich schließe mein Auto auf. Es regnet. Die Sporttasche steht seit Freitag noch im Kofferraum. Sie riecht – sie riecht streng! Ich fahre los. Die Straßen sind wie leer gefegt. Der schleppende Vorverkauf für das bevorstehende Spiel Stockheim II – Hellas Embken II scheint sich zu bestätigen.
9:20 Uhr: Erreichen des Treffpunktes – fünf Minuten nach der vereinbarten Zeit. Ich schaue mich um und erkenne das, was ich bereits ahnte: Ich bin der Erste. Die Umkleidekabine ist noch verschlossen. Ich stelle mich vor die Umkleidekabine und warte. Es regnet. Ich werde nass.
9:35 Uhr: Die Mannschaft trudelt langsam ein. Bis jetzt sind sieben Mann da. Rekord für diese Saison. So früh waren noch nie so viele Leute da. Die Motivation des Teams hält sich in Grenzen. Kaum einer war vor mir zu Hause. Es regnet. Alle werden nass.
9:45 Uhr: Der Platzwart Werner – genannt Ernesto – betritt die Szenerie. Auf die Frage, ob wir auf Rasen oder Asche spielen, sagt er den Satz, den er jeden Sonntag sagt: „Jugend hat Vorrang“. Das bedeutet: Asche! Ernesto geht und zieht die Linien auf dem Aschenplatz. Sie werden tendenziell schief. Es regnet. Die schiefen Linien verwischen langsam.
10:00 Uhr: Werner Thelen verteilt die Trikots und verliest die Aufstellung. Ich erfahre von ihm, dass ich erst einmal nicht zur Verfügung stehe. Für mich spielt Oliver Boldin, genannt „Der Lebensmittelstürmer“. Seine Mutter ist Trikotsponsor und er ist die große weiße Hoffnung Stockheims. Heute hat er ein Brauhaus in Düren und dürfte Trikotsponsor in Stockheim sein.
10:15 Uhr. Werner Thelen fordert „Jungs – wir brauchen die drei Punkte! Ich ziehe Euch die Eier lang, wenn wir verlieren.“ Wir gehen raus zum warm machen. Die Zweite von Hellas Embken kommt gerade erst an. Sie sind zu neunt.
10:30 Uhr: Nach zwei ermüdenden Läufen über die Hälfte des Platzes ändern wir die Warm-Mach-Strategie und schalten um auf „Dehnen“. Irgendjemand wirft Bälle auf den Platz. . Werner Thelen schreit über den gesamten Platz: Die Bälle weg!
10:45 Uhr: Der Lebensmittelstürmer schießt Ecken in den Sechszehner, von denen keine einzige jemanden aus der dort versammelten Mannschaft erreicht. Die Mannschaft im Sechzehner interessiert sich allerdings auch nicht dafür und spricht stattdessen lieber über das vergangene Wochenende. Werner Thelen wird es zu bunt. Er ruft: Die Bälle weg!
10:55 Uhr: Werner Thelen ruft erneut über den gesamten Platz: Wir haben keinen Schiri. Platzwart Werner – genannt Ernesto – springt ein. Zu Hause dreht sich Tanja gerade noch einmal um.
11:00 Uhr: Anpfiff vor vier Zuschauern. Der Anstoß wird zum Befreiungsschlag. Es regnet. Alle sind längst schon nass.
11:00 – 11:45 Uhr: Keine nennenswerte Aktion. Das Spiel plätschert vor sich hin. Es regnet. Ich stehe draußen. Der Lebensmittelstürmer spielt lustlos. Tanja schläft.
11:45 Uhr: Halbzeit. Es steht 0:0. Drei der vier Zuschauer gehen zu Inge- der Stockheimer Dorfkneipe. Sie werden nicht wieder zurückkommen.
11:50 Uhr: Werner Thelen hält die Halbzeitansprache. „Jungens. Die haben in der Abwehr 800 Kilo lebend Gewicht. Die beiden Vorstopper sind Zwillinge. Dat sind wichsende Zwillinge!“
12:00 Uhr: Die zweite Halbzeit beginnt. Der Anstoß wird erneut zum Befreiungsschlag. Es regnet.
12:10 Uhr: Werner Thelen sagt: „Mach Dich warm. Du kommst für den Lebensmittelstürmer. Ich kann den nicht mehr sehen.“
12:15 Uhr: Ich komme für den Lebensmittelstürmer. Der räumt missmutig den Platz und zeigt vorsorglich auf sein hinter ihm her schleifendes Knie. Einer der Zuschauer ruft: Wir müssen morgen alle wieder arbeiten!
12:30 Uhr: Mein erster Ballkontakt. Der Ball verspringt. Ich grätsche ihm hinterher, ziehe mir dabei eine Schürfwunde von der Hüfte bis zum Knie zu. Mein Gegenspieler bekommt den Ball gegen sein Schienbein. Von da prallt er ins Seitenaus. Wir schauen uns gegenseitig in die Augen und wissen: Über unsere Seite passiert nichts mehr.
12:40 Uhr: Die Schlussphase. Achim Heinrichs – gerade eingewechselt – hat die erste Torchance des Spiels. Der Ball fliegt in hohem Bogen Richtung Sechszehner und titscht auf den harten Asschenboden. Von dort springt er Heinrichs vor die Füße. Heinrichs schießt, Thelen schreit, der Torwart von Hella Embken II reagiert nicht, der Ball rollt vorbei. Weiter 0:0.
12:44 Uhr: Hellas Embken erhält einen Elfmeter. – gepfiffen von unserem Platzwart Ernesto, der nicht mit sich diskutieren lässt. Der Spielführer von Hellas trifft im Nachschuss. Platzwart Werner – genannt Ernesto – pfeift gleich danach ab. Hellas Embken gewinnt. Es regnet.
12:50 Uhr: Ich dusche. Mein rechtes Bein mit dieser irrwitzigen Schürfwunde ist nicht mehr zu spüren. Werner Thelen spricht davon, dass er so etwas früher jeden Tag hatte. Draußen regnet es.
13:30 Uhr: Die Mannschaft feiert die Niederlage bei Inge. Ich bestelle ein großes Kölsch und eine Currywurst. Meine stärkste Aktion des Tages. Die drei Zuschauer aus der ersten Halbzeit fragen, wie es ausgegangen ist.
15:00 Uhr: Nach sechs weiteren großen Bieren fahre ich nach Hause. Tanja ist nicht mehr da. Ich rufe sie an, sie fragt: Wie habt Ihr gespielt? Ich antworte nicht. Ich bin angetrunken. Am Freitag ist Training. Ich gehe ins Bett.

Diese und weitere Kreisliga-Erinnerungen: Auf Asche!

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Als die deutsche Elf am 29. Juni 1986 in Mexico City auf Argentinien trifft, ist es 12 Uhr Ortszeit. In der Hauptstadt Mexikos ist der Schatten zu dieser Uhrzeit in etwa so spärlich, wie der Stoff der herunter gezogenen grünen DFB-Stutzen auf den massiven Waden des Hans-Peter Briegel. Die „Walz von der Pfalz“ war unterwegs in Lateinamerika und wer die typische Witterung in Rheinland-Pfalz kennt, der kann sich vorstellen, wie schwer es für ihn gewesen sein muss, auf 2.500 Metern Höhe ein WM-Finale zu spielen. Keine Frage: Briegel muss sehr müde gewesen sein, als es fünf Minuten vor Schluss auf Biegen und Brechen um den Titel ging. Deutschland hatte trotz dieser Bedingungen einen 0:2 Rückstand aufgeholt und Diego Maradona und die Seinen am Rande der Verzweiflung.

Die Folge war purer